Kassel  Feuer unter dem Dach der Reisscheune: Die Documenta muss komplett überprüft werden

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 23.06.2022 11:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
documenta fifteen - Antisemitismus-Vorwürfe Foto: dpa
documenta fifteen - Antisemitismus-Vorwürfe Foto: dpa
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Der Eklat um Antisemitismus auf der Documenta muss personelle Konsequenzen haben. Das fordern Kulturpolitiker. Nur welche? Eine Konsequenz liegt auf der Hand: Die Künstlergruppe Taring Padi, die für die antisemitischen Bildmotive verantwortlich ist, sollte ihren kompletten Beitrag zurückziehen und abreisen.

Zuvor hatten die Künstler des indonesischen Kollektivs ebeno wie Documenta-Generaldirektorin versucht, das Desaster kleinzureden. Die ersten Maßnahmen kamen ebenso zögerlich wie die Entschuldigungen für Bildmotive auf dem Agitprop-Transparent "People´s Justice", die Juden mit Schweinsgesichtern oder mit Raffzahn und blutunterlaufenen Augen im Stil des Nazi-Hetzblattes "Der Stürmer" zeigen. Mitglieder von Taring Padi hatten allen Ernstes versucht, solche Darstellungen als Teil ihrer Bildkultur relativistisch zu verniedlichen - als seien Antisemitismus und Rassismus nicht in allen Teilen der Welt dasselbe.

Eine Konsequenz ist deshalb unabweisbar: Die Künstlergruppe sollte ihren Documenta-Beitrag komplett zurückziehen, schon um jene Künstlerinnen und Künstler zu schützen, deren Positionen jede Wahrnehmung und Diskussion verdienen, nun aber Gefahr laufen, in der Debatte um Antisemitismus mit zerrieben zu werden. Dieser freiwillige Schritt würde nicht nur Taring Padi, sondern auch jenen Ideen dieser Documenta einen Rest an Glaubwürdigkeit sichern, die darauf hinauslaufen, Kollektive und Gruppen als Medien freier Debatte und gemeinsamer Lernfähigkeit zu positionieren. Die Konsequenz: Taring Padis Bilderwald vom Friedrichsplatz würde verschwinden, der Documenta-Standort Hallenbad Ost, den die Gruppe komplett besetzt, geschlossen.

Unterdessen kommen aus der Politik weitere Forderungen nach Konsequenzen. "Die Generaldirektorin der documenta, Sabine Schormann, muss unverzüglich zurücktreten oder vom Aufsichtsrat abberufen werden", sagte der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIF), der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck, dem «Kölner Stadt-Anzeiger» (Donnerstag). Zuvor hatte sich auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, für personelle Konsequenzen ausgesprochen. FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai sagte, es gelte, «schonungslos aufzuklären, wie es zu diesem beschämenden Vorfall kommen konnte und wer wann für welche Entscheidungen konkret Verantwortung getragen hat». Das Wichtigste sei, dass daraus auch Konsequenzen gezogen würden.

Die Verantwortlichen schieben sich derzeit aber gegenseitig die Verantwortung zu. Hessens Kulturministerin Angela Dorn von den Grünen applaudierte zunächst ebenso wie Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) lautstark der Künstlergruppe Ruangrupa, die die Documenta 15 künstlerisch verantwortet. Geselle sprach bei der Pressekonferenz der Weltkunstschau sogar noch davon, das Thema Antisemitismus würde der Documenta "medial aufoktroyiert". Nur zwei Tage später stand das antisemitische Riesenformat "People´s Justice" auf dem Friedrichsplatz, in der Herzkammer der Documenta. Dorn und Geselle fordern nun gleichfalls lautstark Konsequenzen. Rücktrittsforderungen konzentrieren sich vor allem auf Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann, die wiederum auf Ruangrupa verweist.

Die documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann hat wegen des Antisemitismus-Skandals auf der documenta eine systematische Untersuchung der Kunstausstellung auf "weitere kritische Werke" angekündigt. "Dabei wird auch Ruangrupa seiner kuratorischen Aufgabe gerecht werden müssen", sagte sie in einem Interview der «Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen» (HNA, Donnerstag). Die Frage bleibt nur, warum dieser Kernaufgabe einer kuratorischen Leitung vor der Eröffnung der Documenta offenbar niemand nachgekommen ist, warum jetzt erst überprüft werden muss, ob nicht weitere Teile der Kunstschau antisemitisch kontaminiert sind. Die Leute von Ruangrupa, im Vorfeld der Ausstellung wie Heilsbringer verehrt, erweisen sich gerade in diesem Punkt als völlig überfordert.

Die handwerklichen Schwächen verweisen nicht nur auf die gedankliche Sorglosigkeit, mit der das ganze Konzept der Documenta ins Werk gesetzt worden ist. Nur wenige Tage nach dem Start der Schau sind auch alle Hoffnungen implodiert, die sich mit der Vorstellung des globalen Südens verbunden hatten. Nicht nur Ruangrupa, auch Sabine Schormann hatten diese Weltgegend als Sinnressource des industrialisierten Nordens der Welthalbkugel aufbauen wollen. Was schon seinerzeit als romantische Verklärung erschien, erweist sich nun, im Stadium der laufenden Ausstellung, als gefährliche Illusion. Da hilft es auch nichts, dass von Rousseaus Ruf "Zurück zur Natur" bis hin zu den Südseereisen von Künstlern wie Paul Gauguin oder Emil Nolde die sehnsuchtsvolle Suche nach einem vermeintlich unbeschädigten Leben im ebenso geografischen wie mentalen Anderswo eine lange europäische Tradition hat.

Gewalt, Intoleranz, Ungerechtigkeit gehören eben auch zu den Gesellschaften des globalen Südens. Bezeichnend genug, wie wenig empathisch, problembewusst und gesprächsbereit die Gruppe Ruangrupa auf das Thema Antisemitismus reagiert. Die Reaktionen dieser Gruppe und ihrer Fürsprecher liefen zunächst darauf hinaus, sich in einer Umkehr von Täter und Opfer selbst als Betroffene rassistischer Anwürfe darzustellen. Wie wollen aber Kulturmacher die Idee des Dialogs vorleben, wenn sie sich selbst als Menschen erweisen, die nicht auf das Empfinden anderer schauen und sich selbst offenbar nur schwer korrigieren können? Die Idee des Lumbung, der gemeinsam genutzten Reisscheune, wirkt auf dem Hintergrund des aktuellen Eklats ohnehin nur noch wie beliebiger Kulturplunder.

Was ist jetzt zu tun? Die Documenta sollte für eine Woche schließen. In dieser Zeit sollten Kuratoren die gesamte Ausstellung gründlich prüfen. Nach der Wiedereröffnung ist die Öffentlichkeit zur kritischen Diskussion der Schau einzuladen. Es ist selbstverständlich, dass dann unter anderem der Zentralrat der Juden endlich mit am Tisch sitzen sollte. Nur umgehende und völlige Transparenz kann dieser Documenta überhaupt noch eine Chance auf eine Wahrnehmung wahren, die diesen Namen verdient.

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