Reeder aus Leer Gibt es Konflikte zwischen Russen und Ukrainern an Bord?
Russen und Ukrainer sind ein wichtiger Bestandteil der Schiffsbesatzungen. Auch an Bord von Leeraner Schiffen fahren sie. Der Krieg birgt für die Reeder viele Herausforderungen.
Leer - Der Krieg in der Ukraine hat große Auswirkungen auf die Welt. Aber vor allem sind zwei Völker betroffen: die Russen und die Ukrainer. Gerade in der Schifffahrt sind beide Nationen stark unter den Seeleuten vertreten.
Was und warum
Darum geht es: An Bord der Leeraner Schiffe fahren Russen und Ukrainer. Gibt es Konflikte an Bord
Vor allem interessant für: Alle, die sich für die Situation der Russen und Ukrainer interessieren
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie es an Orten zugehet, an denen sich Russen und Ukrainer begegnen Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de
Ukrainer und Russen stellen auf den Schiffen der deutschen Handelsflotte einen wichtigen Teil der Besatzungen: Geschätzt etwa 5000 Seeleute aus beiden Ländern arbeiten hier, teilweise an Bord desselben Schiffes. Das entspricht nahezu der Zahl der deutschen Matrosen und Offiziere. Das geht aus einer Erhebung des deutschen Reederverbands hervor.
Beide Nationen fahren für Leeraner
Vor allem als Offiziere sind Seeleute aus beiden osteuropäischen Ländern zurzeit unverzichtbar. Die Zahl der Russen auf hoher See wird vom Reederverband auf rund 200.000 beziffert, 76.000 sind Ukrainer. Weltweit stellen Crewmitglieder aus beiden Staaten rund 15 Prozent aller 1,89 Millionen Seeleute. Auch bei Leeraner Reedern sind beide Nationen wichtig. Doch, gibt es wegen des Kriegs Konflikte an Bord?
Die EMS-Fehn-Group hat eine Flotte eigener Seeschiffe. Die Crews setzen sich zum überwiegenden Teil aus Russen und Ukrainern zusammen. „Die mentale Belastung für die Seeleute ist enorm“, sagt Manfred Müller, Chef der EMS-Fehn-Group. „Vor allem unsere ukrainischen Kollegen sind natürlich besorgt. Sie fragen sich ständig, wie es ihren Familien und Freunden zu Hause ergeht.“
Hohe Solidarität
Obwohl an Bord der Schiffe russische und ukrainische Besatzungsmitglieder auf engem Raum zusammenleben, sind Zwischenfälle ausgeblieben. „Die Disziplin, Vernunft und Gelassenheit, mit der unsere Leute mit der Situation umgehen, ist sehr beeindruckend“, sagt Manfred Müller. „Das sind Profis durch und durch, die einander respektieren und ihre Arbeit machen.“
Auch bei Briese und Hartmann sind beide Nationen mit an Bord. Bei Hartmann gab es keine Probleme. „Wir legen Wert auf langfristige Beschäftigung. Die Seeleute kennen sich dementsprechend gut. Wir besetzen auch weiterhin Schiffe mit Seeleuten beider Nationalitäten“, sagt Anke Borkott, Sprecherin der Reederei. Das gilt auch für die Reederei Briese. „Die Crewmitglieder an Bord, egal welcher Herkunft unterstützen sich gegenseitig. Es gab keinerlei Ausfälle an Bord“, sagt Fleetmanager Bernd Hartmann. Bei der Forschungsschifffahrt der Reederei sind zwei Ukrainer beschäftigt. Auch diese gehen ihrem Dienst weiter nach.
Lösungen an Bord
Die Reeder versuchen zudem ihren Crews bei der Kontaktaufnahme mit den Familien im Kriegsgebiet zu helfen. „Wir haben unseren Crewmitgliedern freies Internet an Bord zugänglich gemacht, soweit es technisch möglich ist, um den Kontakt zu den Familien halten zu können“, sagt Hartmann von der Reederei Briese.
Die EMS-Fehn-Group habe ihren Seeleuten von Beginn des Krieges an jedwede Unterstützung zugesichert. „Wir sind eine internationale Unternehmensgruppe. Uns geht es um die Menschen, nicht um deren Herkunft“, sagt Manfred Müller. Der Krieg habe einen engen Austausch mit den Besatzungen an Bord noch wichtiger gemacht. Die Mitarbeiter von Northwest Competence (Leer) sowie Baltic Transocean Shipping & Crewing (Riga), den beiden Crewing-Firmen der EMS-Fehn-Group, sind rund um die Uhr für die Seeleute erreichbar und versorgen sie laufend mit aktuellen Informationen.
Probleme für die Reeder
Die Reeder stehen wegen des Kriegs allerdings auch vor großen Problemen. „Tatsächlich sind Heuerzahlungen ein Problem, und zwar sowohl für russische als auch für ukrainische Seeleute. Selbst bei nicht vom Embargo betroffenen Empfängerbanken weiß man nicht immer sicher, ob eine Zahlung angekommen ist. Es kommt deshalb durchaus vor, dass Kollegen mit ihrer Heuer in Cash abmustern müssen.“, sagt Anke Borkott von der Reederei Hartmann. Dieses Problem bemerkt man auch bei Ems-Fehn. „Wie lässt man beispielsweise russischen Seeleuten ihre Heuer zukommen, wenn ihre Bank von Sanktionen betroffen ist?“, fragt Manfred Müller. „Auch dafür mussten wir Lösungen finden.“
Hinzu kommen Probleme bei der Ablösung von Crews. „Ein Crewwechsel war durch die Corona-Pandemie schon sehr schwer umzusetzen, der Krieg hat es noch mehr verkompliziert. Die Reedereien versuchen Alternativlösungen zu finden, um den Crewmitgliedern den Urlaub zu ermöglichen, den sie brauchen“, sagt Fleetmanager Hartmann von der Reederei Briese. Man bekomme auch Ablöser aus der Ukraine kaum heraus. Entweder ist die Infrastruktur zerstört oder die Seeleute befinden sich im Kriegseinsatz.
Auswirkungen auf die Forschung
„Das Problem für die Forschung ist eher, dass durch den Konflikt einige Forschungsprojekte nicht weiter geführt werden können. Das ist insbesondere für Langzeitmessungen natürlich ein Desaster“, sagt Klaus Küper von Briese Forschungsschifffahrt.
Manfred Müller, der Chef der Ems-Fehn-Group gibt sich trotz aller Probleme kämpferisch: „Als EMS-Fehn-Group unterstützen wir die Maßnahmen und Sanktionen gegen Russland voll und ganz“, sagt er. „Putin muss zum Einlenken gebracht werden und die Gewalt in der Ukraine ein Ende haben.“