Pläne zum Bauen in Aurich  SPD lehnt umstrittenes Baugebiet „In der Diere“ ab

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 24.06.2022 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf dieser Fläche jenseits der Straße „In der Diere“ will ein Investor ein Wohngebiet entwickeln. Foto: Archiv
Auf dieser Fläche jenseits der Straße „In der Diere“ will ein Investor ein Wohngebiet entwickeln. Foto: Archiv
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Vor zwei Jahren hat ein Investor ein riesiges Grundstück an der B 72 in Aurich gekauft. Dafür gibt es jetzt erste Planungen. Ob etwas daraus wird, ist derzeit fraglich.

Aurich - Bisher gab es wegen der Planungen für das Baugebiet „In der Diere“ in Aurich vor allem Kritik von Naturschützen, jetzt kommt auch Gegenwind von den Sozialdemokraten. Das ist in der Sitzung des Bauausschusses am Donnerstag deutlich geworden. Es gebe ausreichend Bauplätze, argumentierte Ingeborg Hartmann-Seibt (SPD). Außerdem hätten die Sozialdemokraten eine Wohnbebauung „In der Diere“ bereits in ihrem Wahlprogramm abgelehnt. Da könne man jetzt nicht wortbrüchig werden. Doch der Reihe nach: Worum geht es bei dem Areal eigentlich? Wo liegt es? Wer über die Middelburger Brücke nach Aurich hineinfährt und nach links schaut, sieht jenseits der Straße „In der Diere“ nur Wiesen und Wallhecken. Die 13,6 Hektar große naturbelassene Fläche direkt am Ortseingang ist zu einem Plangebiet geworden. Bereits im vergangenen Jahr hat der Rat der Aufstellung eines Bebauungsplans zugestimmt. Die Real Immobilien GmbH aus Moormerland hat das Grundstück vor zwei Jahren erworben und möchte es entwickeln, sprich dort Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie Seniorenwohnungen bauen. 100 bis 105 Wohneinheiten sind geplant. Zur Straße hin sollen Flächen für Gewerbebetriebe entstehen. Außerdem möchte die Stadt direkt im vorderen Bereich, direkt an der B 72, gegenüber dem E-Center Coordes, ein Feuerwehrhaus errichten.

Die Pläne für das Projekt werden immer konkreter. Am Donnerstag hat Katharina Günther den Mitgliedern des Bauausschusses die ersten Entwürfe vorgestellt. Es handele sich zunächst um ein grobes Konzept, sagte die Mitarbeiterin des Bremer Planungsbüros BPW. Ein Herzstück sei die große Freifläche, die als Puffer zwischen dem Wohn- und dem Gewerbegebiet liegt. Es sei ein Grüngürtel, der erhalten bleibe. Dort befindet sich eine Pingo-Ruine, ein Überbleibsel aus der Weichsel-Eiszeit, eine im Dauerfrostboden entstandene Mulde samt Randzone. Auricher Naturschützer haben wegen des Seltenheitswerts dieses Biotops beim Landkreis Aurich einen Schutzstatus für das Gebiet beantragt. Das Verfahren ist noch nicht entschieden, könnte die Planung aber gefährden.

Anbindung ist nicht ganz einfach

Diese Frage ist in der Ausschusssitzung nicht thematisiert worden. Katharina Günther wies nur darauf hin, dass die Größe des Grüngürtels variabel sei. Wesentlich starrer seien die Möglichkeiten, das künftige Wohngebiet an den Verkehr anzuschließen. „Anfangs hatten wir überlegt, das Areal über den Reiherweg anzubinden. Das hat sich schnell als nicht umsetzbar erwiesen“, sagte die Stadtplanerin mit Blick darauf, dass das Wohngebiet um den Reiherweg herum schon sehr eng gefasst sei. Dort gebe es kaum eine Chance, noch mehr Verkehr aufzunehmen. Der Vorschlag des Bremer Büros: Der Knotenpunkt an der Ecke Raiffeisenstraße/Leerer Landstraße müsse ausgebaut werden.

Ein wesentlicher Punkt bei den Planungen: Die Wallhecken sollen laut Katharina Günther so wenig wie möglich beeinträchtigt werden. Es werde „großzügige Abstände“ zur Bebauung geben. Michael Otto, Geschäftsführer von Real Immobilien, sagte am Freitag auf Anfrage dieser Zeitung, dass seinem Unternehmen die ökologische Entwicklung von Baugebieten sehr wichtig sei. „Wir wollen auf jeden Fall dafür sorgen, dass die Wallhecken und die Bäume erhalten bleiben. Sie sollen nicht dem Erdboden gleichgemacht werden.“ Die nachhaltige Ausrichtung seines Unternehmens könne man auch daran ablesen, dass es bereits vor 15 Jahren Pionier beim Einbau von Wärmepumpen gewesen sei. 2010 habe man die ersten Baugebiete ohne Gasanschluss entwickelt: „Das ist heute ein sehr, sehr wichtiges Thema geworden.“ Auch „In der Diere“ plane man ohne Gas, Gründächer seien ein weiteres Ziel, das man umsetzen wolle.

Uneinheitliches Meinungsbild

„Natürlich würden wir gerne so schnell wie möglich loslegen“, räumte Michael Otto ein. Andererseits wolle und könne man nichts übers Knie brechen: „Die Planungsbüros sind allerorten ausgelastet. Da muss man sich in Geduld fassen.“ In der Ausschusssitzung wollte Stadtbaurätin Alexandra Busch-Maaß ein Meinungsbild einholen: „Der Projektentwickler benötigt ein Signal. Er möchte wissen, ob er weitere Leistungen beauftragen kann oder nicht. Schließlich will er nicht aus Jux und Liebe investieren.“ Offiziell war das Thema nicht auf der Tagesordnung. Deshalb gab es auch keine Abstimmung. Die Grünen-Fraktion übte Kritik an dieser Formalie. Ohne genaue Kenntnis der Pläne werde man keine Einschätzung aus dem Ärmel schütteln, sagte Grünen-Chefin Gila Altmann.

Die SPD lehnte Wohnungen „In der Diere“ rigoros ab: „Wir haben mit dem Gebiet Im Timp und dem Gelände der Blücherkaserne demnächst ausreichend Bauplätze“, sagte Ingeborg Hartmann-Seibt. Arnold Gossel (CDU) signalisierte für seine Fraktion Zustimmung: „Wir haben damit kein Problem.“ Die Planungen bezeichnete er als gut. Vor allen Dingen die riesige Grünfläche und die Einbindung des Pingos gefalle ihm. Eine Entscheidung über das Baugebiet wird voraussichtlich Anfang September in der nächsten Bauausschusssitzung fallen.

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