Hannover  Niedersachsen: Wie das Land neue Lehrer gewinnen will

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 27.06.2022 11:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Niedersachsen herrscht akuter Lehrermangel. Am Montag hat die Landesregierung vorgestellt, wie sie das ändern will. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
In Niedersachsen herrscht akuter Lehrermangel. Am Montag hat die Landesregierung vorgestellt, wie sie das ändern will. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Die Unterrichtsversorgung an Niedersachsens Schulen ist so niedrig wie zuletzt vor 19 Jahren. Das Land will gegensteuern. Und zwar so.

730 zusätzliche Stellen, bis zu 400 Euro Prämie für neue Lehrkräfte, leichterer Zugang für Quereinsteiger und grundlegende Veränderungen bei der Ausbildung: Mit einem „Lehrkräfte-Gewinnungspaket“ will Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne dem akuten Lehrermangel begegnen. Die Unterrichtsversorgung an Niedersachsens Schulen ist in diesem Schuljahr so niedrig wie zuletzt vor 19 Jahren.

Seit Beginn der Legislaturperiode habe das Land 3000 Lehrer mehr für das Schulsystem gewinnen können und verzeichne damit einen Höchststand von insgesamt 83.000 Pädagogen. Dennoch sei die „Decke bei der Lehrkräfteversorgung noch zu kurz“, räumte der SPD-Politiker ein. Im kommenden Schuljahr erwarte Niedersachsen rund 32.000 Schüler zusätzlich. Die Auswirkungen des Ukraine-Krieges, nachgeholte Einschulungen sowie weiter steigende Geburtenzahlen seien die Ursachen für diesen sprunghaften Anstieg.

Und so will Tonne gegensteuern: Für das laufende Einstellungsverfahren zum 22. August dieses Jahres stellt das Kultusministerium 730 Vollzeitlehrereinheiten zusätzlich zur Verfügung, 150 davon sollen direkt in den Grundschulbereich geleitet werden.

Mit einem einmaligen und befristeten Prämiensystem soll die Motivation von Bewerbern gesteigert werden, in der aktuellen zweiten Einstellungsrunde doch noch eine offene Stelle zu besetzen, auch wenn sie nicht die erste Wahl ist. Bis zu 400 Euro zusätzlich für 24 Monate können ab sofort als Anreiz gezahlt werden. Die konkrete Höhe der Prämie ist abhängig von der Schulform und der Fächerkombination, der Zuschlag beträgt aber mindestens 150 Euro.

Weil gerade an Haupt-, Real- und Förderschulen Lehrer fehlen, erhalten alle Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst für diese Schulformen ab August eine „HRS-Prämie“ in Höhe von rund 300 Euro für die Dauer des gesamten Vorbereitungsdienstes. Zusätzlich zahlt das Land den Umzug, wenn Lehrer offene Stellen an weiter entfernten Schulstandorten annehmen.

„Es war nie attraktiver, Lehrer und Lehrerin in Niedersachsen zu werden. Jetzt ist der optimale Zeitpunkt, bei uns eine Stelle anzunehmen“, erklärte der Kultusminister.

Der Pool an potenziellen Quereinsteigern soll erweitert, Verfahren sollen beschleunigt und formelle Hemmnisse beseitigt werden. Allen Bewerbern soll ein Einstellungsangebot im Schulbereich gemacht werden, wenn nicht als Lehrkraft, dann im Bereich der pädagogischen Mitarbeit. Fehlende Qualifikationen können ab sofort durch pädagogische Tätigkeiten und/oder Berufserfahrung ausgeglichen werden. Meister sowie Fachschulabsolventen können an Haupt-, Real- und Oberschulen praktischen Unterricht erteilen, zum Beispiel in den Fächern „Arbeit-Wirtschaft-Technik“, „Hauswirtschaft“, „Textiles Gestalten“, aber auch „Werken“ und „Informatik“ sind mögliche Einsatzfächer für den Einsatz der Fachpraxislehrkräfte. Schließlich sollen ausländische Hochschulabschlüsse schneller und in höherem Umfang anerkannt werden.

In Zukunft sollen Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst mehr eigenverantwortlichen Unterricht erteilen können. Dafür sollen schriftliche Prüfungen reduziert werden. „Damit stärken wir die angehenden Lehrkräfte in der pädagogisch-didaktischen Praxis und gewinnen gleichzeitig hochwertige Unterrichtsstunden hinzu“, ist Minister Tonne überzeugt.

Die Einstellung von Studierenden und Pensionären, die Erhöhung von Teilzeit, zusätzliche Unterrichtserteilung auf freiwilliger Basis, das Hinausschieben des Ruhestandes mit Zuschlag und Lehrer im Vorbereitungsdienst, die zusätzliche Stunden gegen Vergütung erteilen: Die Schulleitungen vor Ort haben laut Ministerium schon jetzt eine „breite Palette“ an Möglichkeiten, um zusätzliches Schulpersonal beziehungsweise Lehrerstunden zu generieren. Sämtliche Möglichkeiten hat das Ministerium für die Schulen zusammengefasst und stellt sie den Schulen zur Verfügung.

„Ich bin sicher, dass das Einstellungsverfahren eine positive Dynamik entwickeln wird“, ist Minister Tonne zuversichtlich, dass seine „Lehrer-Anreize“ fruchten werden. Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) indes ist skeptisch. Tonnes Paket sei ein erster Schritt, „aber noch nicht der große Wurf, um den eklatanten Lehrkräftemangel zu beheben“. Und die oppositionelle FDP im Landtag meint: „Dieser Aktionismus des Kultusministers wird nicht dazu führen, dass die Unterrichtsversorgung deutlich besser wird.“

Die Grünen sind insbesondere mit Blick auf die Regelungen zum Quereinstieg skeptisch. Fraglich sei, ob die Haltung „einstellen, was geht“ den Schulen wirklich helfe, denn Quereinsteiger seien eben keine ausgebildeten Lehrkräfte. Kritik an den Quereinsteiger-Plänen kommt auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Niedersachsen, die sich einer „Entprofessionalisierung des Lehrberufes“ nach eigenen Angaben „konsequent entgegenstellt“. Dem SPD-Koalitionspartner CDU gehen die Anreize nicht weit genug. „Wir müssen auch über die Entbürokratisierung des Lehramtes nachdenken und unsere Lehrkräfte von unterrichtsfremden Aufgaben entbinden“, heißt es aus der Union.

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