Kassel  Plädoyer für Kunstschau: Warum wir die Documenta brauchen

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 28.06.2022 17:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Besucher stehen vor dem Museum Fridericianum auf der documenta fifteen. Foto: Swen Pförtner/dpa Foto: Swen Pförtner
Besucher stehen vor dem Museum Fridericianum auf der documenta fifteen. Foto: Swen Pförtner/dpa Foto: Swen Pförtner
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Ist die Documenta am Ende? Der Skandal um antisemitische Motive auf Bildern des Künstlerkollektivs Taring Padi hat das Format in seine tiefste Krise seit seiner Gründung 1955 gestürzt. Dabei wird die Documenta gerade im 21. Jahrhundert gebraucht. Eine Analyse.

Die Provokation gehört zur Documenta, die Menschenverachtung nicht. Ob die 7000 Eichen von Joseph Beuys, der Streit um die Präsentation der DDR-Maler oder der Einsturz des Türenturms von Ai Weiwei - Streitfälle der Documenta-Geschichte bewegten sich zwischen Klamauk und Debatte. Im besten Fall bewegten sie das Gespräch einer ganzen Gesellschaft, so wie die Documenta 5. Das von Harald Szeemann inszenierte Kulturbeben vermittelte 1972 eine völlig neue Idee davon, wie relevant Kunst außerhalb der Expertenzirkel für alle Menschen sein kann. Mit dieser Ausgabe avancierte die Documenta zum Kraftwerk der Debattenkultur. Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Der Skandal um Taring Padis Bildchen von Juden mit Schweinsnasen und Raffzähnen ist keine Provokation mehr, sondern nur noch eine Hässlichkeit. Unfassbar, wie nachlässig Kuratoren im Vorfeld der Eröffnung gearbeitet haben.

Ist der schwarze Vorhang, mit dem Tring Padis Bildwand auf dem Friedrichsplatz nach ersten Protesten eilig überdeckt worden war, auch für das ganze Format gefallen? Hat sich die Documenta überlebt? Mit Hito Steyerl stellt ausgerechnet eine Teilnehmerin der Documenta fifteen diese Frage. Die österreichische Videokünstlerin und Philosophin zeigt eine ihrer Arbeiten im Ottoneum in Sichtweite des Fridericianums. Gleichzeitig erklärt sie das Etikett der Weltkunst für eine wohlfeile Autosuggestion eines Westens, der sich mit seinen globalen Botschaften in der Documenta bestens, weil selbstgefällig wiedererkannte. Dieses Prinzip ist jetzt implodiert - auch deshalb, weil der zum Kernthema der Documenta 15 ausgerufene Dialog mit dem Süden so schlampig in Szene gesetzt worden ist.

So verfahren, ja geradezu toxisch die Situation um den Generalverdacht des Antisemitismus jetzt auch sein mag - die Documenta bleibt wichtig, gerade im 21. Jahrhundert. Im Zentrum ihrer kulturellen DNA bilden Aufbruch und Wagnis jene Antriebe, die jede neue Edition der Kunstschau zu einem großen Update des Zeitgeistes machen. Wer wissen will, was die Welt beschäftigt, wie und wohin sich die Gegenwart gerade bewegt, der fährt alle fünf Jahre nach Kassel. Die Documenta hält den Korridor frei für eine Kunst, die zumindest die Chance bietet, nicht in einem Markt aufzugehen, der Kunst ebenso wie Luxusjachten oder Fußballclubs als Spielzeuge für Superreiche darbietet. Die Documenta erfindet sich jedes Mal neu. Sie öffnet die Fenster zur Welt - und zeigt, wie divers jene Welt ist, in der wir selbst leben. Zuletzt gelang Adam Szymczyk mit der Öffnung der Kunstschau nach Athen der eindrucksvolle Beleg dafür, wie die Documenta im 21. Jahrhundert große Zeitfragen wegweisend reflektieren kann.

Zugleich verdichten sich die Krisenzeichen. Wenige Monate vor dem Start der Documenta 15 entlarvten Historiker Werner Haftmann, den kunstwissenschaftlichen Stichwortgeber der ersten Documenta-Ausgaben als Kriegsverbrecher, der in Italien gefangene Widerstandskämpfer folterte. Forscher fragen zugleich immer dringlicher nach jenen Werken der von den Nationalsozialisten verfolgten Künstler, die auf der ersten Documenta eben nicht zu sehen waren. Im Solinger Zentrum für verfolgte Künste wird gerade die entsprechende Rechnung aufgemacht. Fast siebzig Jahre nach der ersten Documenta wird jener Selbstbetrug offenbar, der auch zur Geschichte des Kunstformats gehört. Ein Grund zur Resignation?

Nein, eher zur Hoffnung, denn nur Transparenz und Ehrlichkeit helfen in einer Situation weiter, in der die Politik und mit ihr auch wichtige Geldgeber von der Documenta abrücken könnten. Die Ankündigung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), nicht zur Documenta 15 kommen zu wollen, markiert mehr als eine protokollarische Randnotiz. Die bisher selbstverständliche Unterstützung des Bundes bröckelt. Ein Alarmsignal, schließlich gehört die Bundeskulturstiftung zu den wichtigen Geldgebern der Kunstschau. Jetzt kommt es darauf an, jenen Dialog aufzunehmen, der allein dem Kasseler Kunstformat die Glaubwürdigkeit sichern kann. Die Documenta sollte es wert sein, denn sie wird noch gebraucht - nicht als Schaufenster, sondern als Arena, als Raum für Erkundungsgänge durch komplexe Weltlagen.

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