Zeitgeschichte: Gebietsreform  Ostfrieslands Landkarte wurde nachhaltig verändert

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 02.07.2022 15:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein „Opfer“ der Gebietsreform: der Landkreis Norden. Die NOR-Kennzeichen kehrten erst vor einigen Jahren zurück. Foto: Jürgens
Ein „Opfer“ der Gebietsreform: der Landkreis Norden. Die NOR-Kennzeichen kehrten erst vor einigen Jahren zurück. Foto: Jürgens
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Der 1. Juli 1972 gilt als Stichtag für die Gebietsreform. Auch Ostfriesland war massiv betroffen. Solche Reformen gab es aber schon davor: Ihnen fielen die Landkreise Weener und Emden zum Opfer.

Ostfriesland - Der 1. Juli 1972 gilt als ein wichtiger Stichtag für eine der umfassendsten kommunalen Gebietsreformen in Niedersachsen. Auch auf die Landkarte Ostfrieslands sollten sich die zu diesem Datum gefassten Beschlüsse nachhaltig auswirken. Allerdings wurden die Veränderungen nicht auf einen Schlag, sondern schrittweise vorgenommen.

Eingeführt worden sind die ostfriesischen Landkreise einst von den Preußen, die sich bei ihrer Gebietsreform im Jahre 1885 zunächst an der Aufteilung aus der vormaligen Ära des Hannoverschen Königreichs orientierten. Vergleichsweise kurz war die Geschichte des Landkreises Weener, der das gesamte Rheiderland umfasste und sich auf die heutigen Gemeinden Bunde und Jemgum sowie die Stadt Weener und den aktuellen Leeraner Ortsteil Bingum verteilte. Der Landkreis Weener wurde 1932 aufgelöst und dem Landkreis Leer zugeschlagen.

Schon mal vom Landkreis Emden gehört?

Im Jahr 1885 gab es auch noch einen Landkreis Emden, zu dem aber nicht die kreisfreie eigenständige Stadt Emden, sondern deren Umland gehörte. Dieses Gebiet erstreckte sich über die heutigen Gemeinden Krummhörn und Hinte sowie die Ortschaften Oldersum, Tergast, Rorichum und Gandersum, die inzwischen Teil von Moormerland sind.

1928 wurden Wolthusen und Borssum in die Stadt Emden eingemeindet. Der Landkreis Emden existierte ebenfalls nur bis 1932. Anschließend wurden sieben Gemeinden vom Landkreis Leer übernommen. Den Rest verleibte sich der Landkreis Norden ein

Was wurde aus dem Norderland?

Besagter Landkreis Norden ging aus dem historischen Norderland hervor. Er beinhaltete neben der Stadt Norden sowie den Inseln Memmert, Norderney, Juist und Baltrum die heutigen Gemeinden Brookmerland, Hage, Großheide und Dornum. Die vom ehemaligen Landkreis Emden übernommenen Gemeinden Larrelt und Harsweg wurden 1945 und Uphusen wurde 1946 an die Stadt Emden abgetreten, 1972 folgten Twixlum, Wybelsum und Logumer Vorwerk.

Dafür wanderten die bis dahin zum Landkreis Wittmund gehörenden Gemeinden Roggenstede, Westeraccum, Westeraccumersiel und Westerbur zum Landkreis Norden und wurden dort in die Gemeinden Dornum und Dornumersiel eingegliedert.

Der Landkreis Norden wurde Geschichte

Ab August 1977 wurde der Landkreis Norden in den Landkreis Aurich integriert, wenngleich etliche Menschen bis heute vom Altkreis Norden und Altkreis Aurich sprechen. Ausdruck dessen ist auch die Tatsache, dass das nach der Kreisreform abgeschaffte Kfz-Nummernschild-Kürzel NOR mittlerweile wieder verfügbar ist.

1977 wurde der Landkreis Norden in den Landkreis Aurich eingegliedert, mit den NOR-Kennzeichen war danach erstmal Schluss. Seit 2012 sind sie wieder zugelassen. Die damalige Norder Bürgermeisterin Barbara Schlag sicherte sich gleich ein Kennzeichen für ihren Dienstwagen. Foto: OZ-Archiv
1977 wurde der Landkreis Norden in den Landkreis Aurich eingegliedert, mit den NOR-Kennzeichen war danach erstmal Schluss. Seit 2012 sind sie wieder zugelassen. Die damalige Norder Bürgermeisterin Barbara Schlag sicherte sich gleich ein Kennzeichen für ihren Dienstwagen. Foto: OZ-Archiv

Der Landkreis Aurich entstand aus der Stadt und dem alten Amt Aurich mit seinen ehemaligen Amtsvogteien in Aurich, Timmel, Holtrop und Victorbur. In den 1930er Jahren bildeten sich über Fusionen neue Gemeinden wie Middels und Ihlowerhörn. Im April 1951 wurden einige Gemeinden und Gutsbezirke, die bis dahin auf die Kreise Wittmund und Aurich verstreut waren, zur Gemeinde Wiesmoor zusammengefasst und dem Kreis Aurich zugeordnet. Dieser wuchs so in der Fläche von 627 auf über 653 Quadratkilometer.

Die Stadt Aurich wurde größer

Im Zuge der niedersächsischen Kommunalreform wurde die Kernstadt Aurich um 20 der angrenzenden ehemals eigenständigen Ortschaften erweitert. Boekzetelerfehn, Hatshausen, Jheringsfehn und Neuefehn wechselten ab dem 1. Januar 1973 zum Kreis Leer, wo sie in die Gemeinden Moormerland beziehungsweise Neukamperfehn eingegliedert wurden.

Der Landkreis Aurich, der neben der Stadt Aurich die Einheitsgemeinden Großefehn, Ihlow, Südbrookmerland und Ihlow umfasste, schrumpfte dadurch nun wieder etwas auf 628 Quadratkilometer. Dank des Zusammenschlusses mit dem Landkreis Norden von 1977 ist die Fläche mittlerweile aber um ungefähr das Doppelte angewachsen.

Die Geburtsstunde von Moormerland und Uplengen

Die Ausgangsbasis für den Landkreis Leer waren neben der selbstständigen Stadt Leer die alten Ämter Leer und Stickhausen. Bei der preußischen Kreisreform vom 1. Oktober 1932 wurden Leer, Weener und Borkum zu einem neuen Landkreis Leer zusammengeschlossen. Die niedersächsische Gebietsreform startete im Prinzip bereits am 1. Juli 1968 mit der Eingliederung der Gemeinden Loga und Heisfelde in die Stadt Leer. Dafür wurden Petkum und Widdelswehr am 1. Juli 1972 an die Stadt Emden abgegeben.

1973 folgten eine Reihe von Fusionen, bei denen neue Gemeinden wie Dollart, Moormerland, Rhauderfehn, Uplengen und Westoverledingen entstanden. Am 1. März 1974 wechselte Idafehn, bis dahin Teil der Gemeinde Strücklingen im Landkreis Cloppenburg, zur Gemeinde Ostrhauderfehn und gehörte ab dem Zeitpunkt zum Landkreis Leer, der mit knapp 1100 Quadratkilometern flächenmäßig nur unwesentlich kleiner als der benachbarte Landkreis Aurich ist.

Schwund im Landkreis Wittmund

Der Landkreis Wittmund setzte sich anfangs aus den alten Hannoverschen Ämtern Wittmund und Esens sowie der Stadt Esens zusammen. Bis zum April 1919 gesellte sich Wilhelmshaven hinzu, bevor es als kreisfreie Stadt eigenständig wurde. Im Rahmen der Moorkolonisierung gehörten ab Juni 1922 zwischenzeitlich noch die neuen Gemeinden Mullberg und Wiesmoor zum Kreis Wittmund. Beide bildeten 1951 die vergrößerte Gemeinde Wiesmoor, die dann dem Kreis Aurich zugeordnet wurde.

Der Niedersächsische Staatsgerichtshof stoppte 1977 Pläne für einen neuen Landkreis Friesland mit Wittmund als Kreisstadt. DPA-Foto: Stratenschulte/Archiv
Der Niedersächsische Staatsgerichtshof stoppte 1977 Pläne für einen neuen Landkreis Friesland mit Wittmund als Kreisstadt. DPA-Foto: Stratenschulte/Archiv

Nach der niedersächsischen Gebietsreform setzte sich der territoriale Schwund nahtlos fort. Der Kreis Wittmund verlor die Gemeinde Gödens an die Gemeinde Sande in Friesland. Marcardsmoor und Wiesederfehn wurden als Teil der Gemeinde Wiesmoor in den Landkreis Aurich integriert.

Vier weitere Gemeinden kamen, wie oben bereits geschildert, zum Landkreis Norden. Insgesamt hat sich die Zahl der Gemeinden im Landkreis Wittmund durch die Gebietsreform von vorher 67 auf aktuell 19 reduziert. Von der Fläche her ist er mit rund 650 Quadratkilometern der kleinste der drei ostfriesischen Landkreise.

Der Staatsgerichtshof musste entscheiden

Im Jahr 1977 war auch der Landkreis Wittmund vorübergehend aufgelöst, um mit den Gemeinden Jever, Sande, Schortens, Wangerland und Wangerooge des benachbarten Landkreises Friesland einen neuen Landkreis Friesland zu bilden. Wittmund sollte dabei als Kreisstadt fungieren.

Nach diversen rechtlichen Beschwerden erklärte der Niedersächsische Staatsgerichtshof in Bückeburg diese Kreisreform in Teilen für verfassungswidrig, woraufhin der Niedersächsische Landtag zum 1. Januar 1980 die Landkreise Ammerland, Friesland und Wittmund in ihren alten Grenzen von 1977 wiederherstellte.

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