Tierisch kurios Gänse machen sich in Petkumer Neubaugebiet breit
Kurioser Nachbarschaftskonflikt im Baugebiet „Zum Bind“ in Emden: Es siedeln sich nicht nur immer mehr Menschen an, sondern auch Gänse. Der Ärger nimmt zu.
Emden - Im Emder Stadtteil Petkum verschärft sich ein ungewöhnlicher Nachbarschaftskonflikt: Stück für Stück läuft dort das Baugebiet „Zum Bind“ voll – doch in der neuen Siedlung am Sieltief, die durchzogen von künstlichen Kanälen ist, fühlen sich nicht nur immer mehr Menschen wohl. Die neuen Bewohner teilen den Lebensraum mit einer wachsenden Population herrenloser Hausgänse. Und obwohl deren Gebiet mit jedem neuen Haus kleiner wird, denken die Gänse offenbar nicht daran, sich zurückzuziehen. Im Gegenteil: Sie erheben Anspruch auf die neuen Straßen, Gärten und Steganlagen. „Sie verlieren ihre Angst vor den Menschen“, sagt Anne Hitschke, die mit ihrer Familie in Petkum gebaut hat.
Was und warum
Darum geht es: In Petkum konkurrieren auf ungewöhnliche Weise Mensch und Tier in einem Neubaugebiet.
Vor allem interessant für: Tierfreunde, Familien mit kleinen Kindern und alle, die gerne über kuriose Gegebenheiten in Ostfriesland lesen
Deshalb berichten wir: Der Frust der menschlichen Siedler wächst. Der FDP-Ratsherr Erich Bolinius, der in Petkum wohnt, hat die Redaktion auf das Thema aufmerksam gemacht. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Gerade in der Brutzeit der großen Vögel machen sich Eltern wie die Hitschkes Sorgen. Anlieger berichten von aggressiven Gänsen, die sich fauchend widersetzten, wenn man sie vom Grundstück verscheuchen wolle oder ihrem Nachwuchs zu nahe komme. Zunehmend genervt reagieren einige Neu-Petkumer auch auf die Hinterlassenschaften, die nach den Streifzügen großer Gänsegruppen auf ihren Grundstücken liegen. Der Interessenskonflikt kommt nicht überraschend. Seit Jahren ist bekannt, dass sich die Tiere in dem Gebiet, das lange brach lag, vermehren. Die ersten dieser Hausgänse, die sich von Wildgänsen deutlich unterscheiden, stammten aus einem Privatbesitz. Nach dem Verkauf der Flächen an einen Investor haben sie sich die neu gewonnene Freiheit zunutze gemacht. Mittlerweile leben dort mehrere Dutzend der großen Vögel. Die Rede ist von mehreren Gruppen mit insgesamt mehr als 50 Gänsen, Tendenz steigend.
Die Tiere sollten umziehen
Bereits 2017 wies der ehrenamtliche Naturschützer der Stadt Emden, Habbo Wildeboer, auf die sich anbahnende Problematik hin. Er hatte sich früh dafür eingesetzt, dass die Population umgesiedelt wird. Ein Versuch, die Tiere einzufangen, scheiterte ebenso wie die Überlegung, die Gänse bei einem Landwirt unterzubringen, der ihnen einen artgerechten Lebensraum bieten wollte. Danach hätten sich sowohl der Investor als auch die Stadt nicht mehr um eine Lösung gekümmert, beklagt Wildeboer: „Es ist schlichtweg so, dass niemand da ranwill“, sagt er.
Der FDP-Ratsherr Erich Bolinius sieht ebenfalls Handlungsbedarf. Er wohnt in Petkum und bekommt in seinem Garten regelmäßig „Besuch“ von Gänsen. In einem Schreiben an die Stadtverwaltung, das der Redaktion vorliegt, drängt er auf eine Lösung und fragt: „Ist es nicht möglich, diese einzufangen und umzusiedeln?“
Anlieger sind ratlos
Sein Vorschlag: „Zwischen dem Baugebiet „Zum Bind 1“ und dem Ems-Seiten-Kanal befindet sich ein großes Stück Grünland, welches nicht bebaut wird. Das Gebiet würde sich eignen, allerdings liegt es sehr nahe an dem bisherigen Gebiet, welches die Gänse bisher nutzen.“ Er ahnt offensichtlich, dass ein solcher Umzug nicht reichen würde und die Vögel schnell wieder zurückkehren könnten.
Die Anlieger sind einigermaßen ratlos. „Wir sind keine Tiergegner“, betont Anne Hitschke. Tatenlos zusehen wollen sie allerdings auch nicht. Sie denkt dabei an ihre fünfjährige Tochter. „Ich habe Angst, wenn die Kinder unterwegs sind. Es nimmt Überhand“, sagt sie.
Gestörte Abendruhe
Das Thema ist sensibel und beschäftigt auch die Familie Müller, die seit rund zwei Jahren im neuen Baugebiet lebt. Die zehnjährige Tochter Emma findet die Gänse „süß“, wie sie sagt. Sie würde sich ebenso wie ihre Mutter Monja freuen, wenn die Gänse in Petkum bleiben. Allerdings seien auch sie und ihre Freundin schon von Gänsen angegangen worden. „Die beschützen die Kleinen richtig“, berichtet die Viertklässlerin.
So gerne die Müllers das Wohngebiet mit den Tieren teilen, das Zusammenleben erfordert Kompromisse. Monja Müller schildert, dass sich die Gänse jeden Tag in Scharen in den Gärten einfinden und dabei wenig zurückhaltend sind: „Wenn einer laut wird, fangen sie an zu meckern.“ Offenbar haben auch die Tiere zum Abend am liebsten ihre Ruhe. Damit würden sie sich von den meisten ihrer menschlichen Nachbarn gar nicht so sehr unterscheiden.