Hamburg Per Fernbus in den Ukraine-Krieg: Statt Studium nun Kampf an der Front
Kurz nach Ausbruch des Ukraine-Krieges begleitete unsere Redaktion einen ukrainischen Reisebus in Richtung Kiew. Was wurde aus den Menschen an Bord? Student Dmytro kämpft nun an der Front um seine Heimat und sein Leben. Ein Bericht.
Am frühen Morgen des 24. Februar endete das alte Leben von Dmytro mit dem Klingeln seines Mobiltelefons. Alle seine Pläne, der Sommerurlaub, der Uni-Abschluss waren dahin. Ein Freund aus der Ukraine war am anderen Ende der Leitung mit der alles verändernden Nachricht: Russland hat Dmytros Heimat überfallen. In der Ukraine herrscht Krieg.
Zwei Tage später sitzt der 22-Jährige mit den kurzen, dunklen Haaren und dem hellen Blick in einem Fernbus in Richtung Kiew. Zumindest weist das Schild im Fenster dieses Reiseziel aus. Der Bus wird dort nie ankommen.
Die ukrainische Hauptstadt ist zu diesem Zeitpunkt fast vollständig von Russen eingekesselt. In den Vororten finden blutige Kämpfe statt. Die ukrainische Armee sprengt Brücken, um den Vormarsch zu stoppen.
Dmytro sitzt im quietsch gelben Bus und liest in einem Buch. Ganz hinten links hat er sich platziert.
Köln, Dortmund, Hannover, Braunschweig und Berlin liegen auf dem Weg. Überall sammelt der Bus Menschen ein, die unbedingt zurück wollen in ihre Heimat, die jetzt Schlachtfeld ist. Sie alle, auch Dmytro, hätten in Deutschland bleiben können - in Sicherheit weit weg vom Krieg, aber auch weit weg von ihren Familien.
Die Busreise endet in Lviv, einer ukrainischen Großstadt nahe der polnischen Grenze. Dmytro schlägt sich von hier aus weiter durch. Sein Ziel ist die Großstadt Zaporizhzhya, vier Tage nach der Abfahrt im Ruhrgebiet kommt er hier an - in seiner Heimat, aber in einem neuen Leben.
„Ich habe meine Eltern umarmt und bin der Territorialverteidigung beigetreten”, schreibt er unserer Redaktion. Aus dem Studenten ist ein Soldat geworden. Auf Instagram veröffentlicht er ein Bild in Uniform. Dmytro steht im Schützengraben, die Kalaschnikow in der Hand. Es liegt noch Schnee.
Seitdem kämpft er gegen die russischen Invasoren. Wie und wo er eingesetzt wird, dazu will er im Detail nichts sagen. „Aber ja, ich war in Gefechten, neben mir explodierte es.” Er habe noch nie zuvor eine Waffe abgefeuert. Das lerne man jedoch schnell, wenn die Heimat angegriffen werde. Er beobachte die Russen entlang der Frontstellungen nicht nur, er zerstöre sie auch.
Wie und was Dmytro schreibt, passt nicht mehr zu dem schüchtern wirkenden Studenten aus dem Bus. Die Feinde nennt er Schweine. Er sei der Armee beigetreten, weil er sich nicht mit dem Gedanken abfinden wolle, dass die Orte, an denen er bis vor Kurzem noch glücklich gewesen sei, nun von „russischen Terroristen” zerstört würden.
Der Krieg hat Dmytro verändert. Er und seine Kameraden wehren sich im Osten erbittert gegen die übermächtige russische Armee. Im fernen Deutschland sagen manche, die Situation sei aussichtslos. Dmytro, der Student, der jetzt Soldat ist, sieht das anders: „Die Ukraine wird diesen Krieg gewinnen.”