Krummhörner Pastorin schlägt Alarm Hohe Belastung und alte Konzepte schaden der Kirche
Zum Ende ihres Berufslebens schimpft eine Krummhörner Pastorin über die Zustände in der Kirche. Ihr zufolge gibt es zwar Ideen, die sich aber nicht halten.
Visquard/Flensburg - Insgesamt fast 30 Jahre lang arbeitete Heike Schmid als evangelisch-reformierte Pastorin in der Krummhörn. Zuletzt in Visquard und Groothusen. Sie galt als engagiert, setzte sich für die Dörfer ein und könnte nun eigentlich mit ihrem gerade begonnenen Ruhestand zufrieden sein. Das ist sie aber nicht, macht sie auf Nachfrage unserer Redaktion deutlich. Grund dafür sind festgefahrene Strukturen und hohe Arbeitsbelastungen, die die Kirchen und deren Mitarbeiter nicht weiterbringt. Als die Pandemie kam und plötzlich umgedacht werden musste, habe Schmidt dabei noch Hoffnung gehabt, schreibt die gebürtige Nordhornerin. Zuletzt sei aber wieder vieles beim Alten gewesen.
Was und warum
Darum geht es: um die Zukunft der großen Kirchen
Vor allem interessant für: Geistliche und passive Christen, die sich mit der richtigen Motivation vielleicht auch wieder stärker für ihren Glauben interessieren würden
Deshalb berichten wir: Wir hatten kürzlich mitbekommen, dass Heike Schmid in den Ruhestand gegangen ist. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
„Ich habe 2020, als Corona anfing, als ganz große Chance erlebt.“ Sie und ihr Organist entwickelten digitale Andachten, die zweimal wöchentlich über den Messengerdienst Whatsapp, über Facebook und die Plattform Soundcloud verbreitet wurden. „Auf einmal hatten wir eine ganz andere und viel größere Gemeinde.“ Nicht nur in Ostfriesland, sondern auch in der Grafschaft Bentheim, in Schleswig-Holstein, im Rheinland und sogar in Hongkong habe es Zuhörer gegeben. „Kirche wurde spontan, wir hielten Gottesdienste draußen unter freiem Himmel und entwickelten ein Café (Breng dien eigen Muckje met), das ebenfalls draußen stattfand. Es gab Taufen in den Gärten der Eltern und auch eine Taufe am Deich. Wir haben uns alle jeden Tag neu erfunden, und ich habe das geliebt.“
„Endlos lange Predigten in leeren Kirchen“
Vor einem Jahr habe es dann aber geheißen, dass möglichst wieder alles so wie vor Corona werden soll. „Das hat mich ganz traurig gemacht“, so Schmid. „Kirche spontan, fröhlich, frisch, jung, ungewöhnlich, das fand ich so wunderbar. An so einer Kirche hätte ich gerne weitergearbeitet.“ Das „Zurück zum Alten“ habe hingegen ihre „Kraft gefressen“, weil sie in der „alten Form“ der Kirche nur noch wenig Sinn sehe. „Wie viele Menschen sollen noch austreten, bevor alle begreifen: So geht es nicht weiter?“, fragt sie. „Endlos lange Predigten in leeren Kirchen – wie lange soll das noch so weitergehen?“ Noch nie habe die Kirche so weit am Boden gelegen wie jetzt. „Es muss sich ganz viel ändern, sonst geht alles den Bach runter.“
Dazu komme die zunehmende Arbeitsbelastung. So soll die Pfarrstelle Visquard-Groothusen jetzt auch noch um die Dörfer Uttum und Manslagt erweitert werden. Es ist nur eines von vielen Beispielen dieser Art im ländlichen Raum. So gibt es beispielsweise auch in der Krummhörn eine einzige Pfarrstelle für die Kirchengemeinden Canum-Freepsum-Woltzeten, Campen, Hamswehrum und Upleward. So etwas könne nur funktionieren, „wenn alle bereit sind, neue Wege der Arbeit zu überlegen, sonst ist die Pfarrperson, die diese Arbeit übernimmt, heillos überfordert.“
Aufgaben besser verteilen und bündeln
Man müsse so beispielsweise schauen, wie es in Sachen Geburtstagsbesuche weitergeht, wer das Gemeindeblatt und die Protokolle schreibt, die Kirchenbücher führt und Patenbescheinigungen ausstellt. Es dürfe nicht sein, dass das „und vieles andere mehre die Pfarrpersonen belastet“, warnt Schmid. Auch beim Konfirmandenunterricht müsse sich etwas ändern. „Es müsste ein guter Weg überlegt werden: Was kann zusammengelegt werden? Gibt es andere Formate wie zum Beispiel Konfi-Camps, wo im Block gearbeitet und die Zeit fröhlich verbracht wird?“
Der wöchentliche Unterricht sei nämlich nicht mehr zu realisieren und er mache mit Kleinstgruppen auch wenig Sinn. Auch fragt sich die nun in Flensburg wohnende Pastorin, warum jede Gemeinde weiterhin ihren eigenen Sonntags-Gottesdienst haben muss. Für Visquard und Groothusen habe man zuletzt auch immer nur einen gemeinsamen angeboten mit anschließendem Kaffee. „Das war fröhlich und Gemeinschaft stiftend.“ Wenn alles gut überlegt sei, wofür man wie viel Kraft einsetze, „kann das gut klappen mit der vielen Arbeit im Pfarramt. Es geht nur nicht mehr alles, wie es früher einmal war.“
Ulf Preuß ist Sprecher der evangelisch-reformierten Kirche und Frank Wessels Präses des Synodalverbands Nördliches Ostfriesland. Die beiden bestätigen auf Nachfrage, dass Schmids bisherige Pfarrstelle um zwei Orte erweitert wurde. Die Ausschreibung laufe. Man suche deutschlandweit über die evangelische Kirche, so Wessels, der von „sehr wenig Nachwuchs“ spricht. Daher hoffe man vor allem auf Geistliche mit einer bestehenden Stelle, die wechseln möchten. Als Region an der Nordsee könne man da durchaus mit dem Standort punkten, hofft er. Bis die Stelle neu besetzt ist, muss sich der neue Kirchenratsvorsitzende Bernhard Wiards um die Aufgaben vor Ort kümmern.