Osnabrück Wissen Sie, ob Ihr Kollege mehr verdient? So erfahren Sie es
Unternehmen, die ihre Gehälter für alle Mitarbeiter sichtbar machen, sind in Deutschland noch immer die Ausnahme. Wie erfahren Arbeitnehmer also, ob sie angemessen verdienen? Experten geben Tipps.
Es ist eine Frage, die viele umtreibt: Verdient der Kollege oder die Kollegin mehr als ich? Doch gerade das Gehalt gilt hierzulande noch immer als Tabuthema. Über Geld spricht man eben nicht. Nicht zuletzt, weil damit stets auch eine persönliche Wertung und Hierarchie einhergeht. Verdient ein Kollege mehr als die anderen, könnte schlechte Stimmung im Team entstehen – dieser Gedanke verunsichert viele.
„Wollen Arbeitnehmende Lohntransparenz schaffen, haben sie leider nach wie vor nur sehr beschränkte Möglichkeiten“, sagt Henrike von Platen, Gründerin der gemeinnützigen Organisation „Fair Pay Innovation Lab“ in Berlin, die sich für Entgeltgleichheit zwischen Männern und Frauen einsetzt. „Denn Unternehmen, die ihre Gehälter für alle Mitarbeitenden sichtbar machen, sind noch immer die Ausnahme.“
Was also tun?
Erste Informationsquellen können Karriere- oder Gehaltsportale im Internet sein. So bietet beispielsweise das Statistische Bundesamt einen interaktiven Gehaltsvergleich an. Nutzer müssen hier eingangs Fragen etwa zu ihrem Alter, Bundesland oder ihrer Ausbildung beantworten. Anhand der Eingaben sowie amtlicher Daten schätzt das Tool dann ein durchschnittliches Gehalt für verschiedene Berufsprofile innerhalb von Deutschland.
Ähnlich funktioniert die Plattform Lohnspiegel.de, die vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung betreut wird. Eigenen Angaben zufolge bietet sie einen Gehaltsvergleich für über 500 Berufen. Auch hier müssen Interessierte verschiedene Daten eingeben, ehe ihnen angezeigt wird, wie hoch der typische Verdienst von Beschäftigten mit ähnlichen Merkmalen ist.
„Es ist zwar sinnvoll, sich über Vergleichsportale darüber zu informieren, was gezahlt wird, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen“, sagt von Platen. „Es kann sich dabei aber nur um eine grobe Orientierung handeln, denn verlässlich faire Bezahlung erreichen wir nur, wenn die Unternehmen sich verändern.“
Die Firmen selbst geben nur ungern die Durchschnittsgehälter der Kollegen preis. Seit Juli 2017 gilt in Deutschland zwar das Entgelttransparenzgesetz. Dieses räumt Arbeitnehmern einen Auskunftsanspruch gegenüber dem Arbeitgeber ein, was das Gehalt von Kollegen in vergleichbaren Positionen angeht.
Das Gesetz eignet sich allerdings nur eingeschränkt dazu, einen besseren Überblick über die Gehaltsstrukturen zu bekommen. Denn es gilt nur in Unternehmen ab 200 Mitarbeitern und sofern es mindestens sechs Beschäftigte in einer vergleichbaren Tätigkeit gibt. Kleine Betriebe werden damit ausgeklammert. Zudem verschafft das Gesetz Arbeitnehmern nicht das Recht, eine Auskunft zum konkreten Gehalt eines Kollegen in der gleichen Position zu bekommen. Es besagt lediglich, dass sie auf Wunsch Informationen erhalten, wie hoch der Verdienst der Vergleichsgruppe - sprich der Median - ist.
Wer den Auskunftsanspruch wahrnimmt und dadurch erfährt, dass der Median der Kollegen deutlich höher liegt, könnte dann Klage erheben und auf eine angemessene Bezahlung pochen.
Weniger kompliziert wäre es, mit ausgewählten Kollegen direkt und offen in den Austausch über Gehälter zu gehen. „Reden hilft”, rät Verhandlungscoach Claudia Kimich aus München.
Denn was viele nicht wissen: Klauseln in Arbeitsverträgen, die besagen, dass Arbeitnehmer mit Kollegen nicht über das Gehalt sprechen dürfen, haben Arbeitsgerichte als nichtig erklärt.
Der Expertin zufolge ist es bei dem Gespräch wichtig, das Gegenüber nicht einseitig auszufragen, sondern bereit zu sein, auch das eigene Gehalt zu nennen, also eine Art Tausch anzubieten. „Arbeitnehmer müssen ihre Gefühle moderieren“, empfiehlt Kimich. So könnten sie beispielsweise sagen: „Es ist mir sehr unangenehm, aber ich wüsste gerne, was du verdienst und würde dir im Gegenzug auch mein Gehalt nennen. Können wir da zusammenkommen?“
Erfahren Arbeitnehmer so, dass sie weniger verdienen als Kollegen in vergleichbarer Position, können sie sich das im Gehaltsgespräch zunutze machen - vorausgesetzt andere Argumente greifen nicht. „Will ein Beschäftigter mehr Lohn, muss er in erster Linie auf Basis seiner Leistung argumentieren“, sagt Kimich. „Das Wissen, dass finanziell mehr drin ist, hilft dabei.“
Erst wenn sich der Vorgesetzte darauf nicht einlässt und zudem auf einen fehlenden finanziellen Spielraum oder Lohngleichheit verweist, sollten Arbeitnehmer ihren Joker ziehen, ohne dabei den Kollegen zu nennen. Etwa: „Wir beide wissen doch ganz genau, dass hier auf vergleichbarer Position mehr verdient wird.“