Gewalt gegen LGBTQIA+ Vielfalt soll bei CSDs im Vordergrund stehen
Es gibt mehr Übergriffe auf queere Menschen. Das zeigen auch Vorkommnisse bei „Christopher Street Day“-Demonstrationen (CSDs). Doch Gewalt sollte dabei nicht im Fokus stehen – im Gegenteil.
Ostfriesland - In Frieden und mit Freude sich selbst, die Vielfalt und den Regenbogen feiern und Sichtbarkeit schaffen – das sind die Ziele von „Christopher Street Day-Demonstrationen“ (CSDs).
Bei einigen Veranstaltungen in den vergangenen Wochen wurde die Feier der Vielfalt jedoch von einigen Gewalttaten überschattet. Wir haben bei Organisatorinnen und Organisatoren aus Ostfriesland und der Region nachgefragt, wie es ihnen damit geht.
Was und warum
Darum geht es: Sicherheit bei CSDs
Vor allem interessant für: Menschen aus Ostfriesland, die sich für Themen wie gleichgeschlechtliche Liebe, Akzeptanz und Frieden interessieren
Deshalb berichten wir: In den vergangenen Wochen gab es einige queerfeindliche Übergriffe, zum Beispiel in Karlsruhe, Augsburg und Kelkheim, aber auch einen Anschlag in Oslo. Die Autorin erreichen Sie unter: d.hoppe@zgo.de
Was passiert ist
Am 4. Juni hat eine Gruppe von Menschen in Karlsruhe mehrere Personen angegriffen, die zuvor an der dortigen CSD-Parade teilgenommen hatten. Eine Regenbogenfahne soll entrissen und angezündet worden sein. Mindestens sechs Personen wurden dabei durch Tritte und Schläge verletzt. Ähnliches passierte nur zwei Wochen später nach dem CSD in Augsburg. Dort soll eine größere Gruppe von acht bis zehn Personen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Parade beleidigt, bedrängt und Regenbogenflaggen zerrissen haben, berichtet die Augsburger Allgemeine in Berufung auf einen der Organisatoren. Mindestens zwei Menschen sollen verprügelt und getreten worden sein, als sie bereits am Boden lagen. Sie wurden anschließend ins Krankenhaus gebracht. Am selben Wochenende fand auch der CSD in der Stadt Kelkheim im Main-Taunus-Kreis statt. Nach der Veranstaltung sind dort laut dem Wiesbadener Kurier ein 22- und ein 23-Jähriger am frühen Sonntagmorgen vor einer Bar von einem Unbekannten aufgrund ihrer Homosexualität verprügelt worden.
All diese Vorkommnisse beschreibt Timo Rabenstein als „traurige Höhepunkte“. Er ist Koordinator des Präventionsnetzwerks „Sexuelle Vielfalt erregt Niedersachsen“ (Sven) für die Region Ostfriesland. „Die CSDs sind mehr geworden, also gibt es auch mehr Möglichkeiten für Menschen, die ihre Wut dagegen rauslassen wollen“, sagt er betroffen. Ein weiteres Beispiel sei das, was in Oslo passiert ist. In der norwegischen Hauptstadt hatte ein Mann in der Nacht zum 25. Juni vor einer bekannten Schwulen-Bar um sich geschossen, wie unter anderem die Taz berichtet. Zwei Menschen starben. Die für den Tag geplante Parade wurde daraufhin abgesagt. Sie soll an einem anderen Datum nachgeholt werden.
Mehr Angriffe auf queere Menschen
Diese Gewalt gegen Menschen aus der LGBTQIA+-Community, zu der sich unter anderem Personen zählen, die lesbisch, schwul, bi-, trans- oder intersexuell sind, scheint weit weg. Doch Feindlichkeit gibt es überall: „Leider gab es in Papenburg erst kürzlich einen Angriff auf ein schwules Paar infolgedessen einer der beiden im Krankenhaus behandelt werden musste. Das macht nur allzu deutlich, dass auch wir hier noch sehr viel zu tun haben“, teilt Bettina Kruthaup, erste Vorsitzende des Queeren Netzwerks Emsland mit. Der Verein organisiert den CSD in Papenburg, der dort erstmalig am 10. September stattfinden soll.
„Allgemein sind die Übergriffe auf queere Menschen mehr geworden“, meint Timo Rabenstein. „Queer“ ist ein Sammelbegriff für Menschen, die sich beispielsweise als schwul, lesbisch, trans- oder bisexuell bezeichnen. Für die Steigerung der Übergriffe sieht der Koordinator verschiedene Gründe: „Wir können offener und freier leben.“ Ein Beispiel dafür sei, dass die Ehe für Alle vor fast fünf Jahren durchgesetzt wurde. „Es gibt außerdem die Möglichkeit, sich jünger zu outen. Die queere Gemeinschaft hat an Stärke gewonnen. Das führt im Gegenzug dazu, dass auch die Übergriffe steigen“, vermutet Rabenstein.
Tipps für Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Auf dem sozialen Netzwerk Instagram hat die Aktivistin Wikiriot Tipps gepostet, wie Menschen, die an einem CSD teilnehmen wollen, etwas für ihre Sicherheit tun können. Dort heißt es unter anderem, dass sie „unauffällige Wechselkleidung“ mitnehmen sollen. Timo Rabenstein findet es traurig, dass es solche Tipps geben muss. „So ein Verstecken und Verkleiden auf dem Hin- und Rückweg kann es doch nicht sein“, meint er. „Wir wollen so etwas bei den CSDs hier nicht empfehlen, weil wir nicht davon ausgehen, dass etwas passiert.“ Ähnlich denkt Melly Doden, die den CSD in Aurich organisiert: „Wir haben bislang keine negativen Erfahrungen gemacht. Bisher deutet auch nichts darauf hin. Es gibt zum Beispiel keine Gegendemo. Wir sprechen uns aber immer mit der Polizei ab und werden sie auch dafür sensibilisieren.“
Andere Tipps seien jedoch wichtig, wie dass jemand Bescheid weiß, wo man ist. Das gelte jedoch auch für andere Veranstaltungen. Der Sven-Koordinator rät außerdem: „Wenn man Gewalt sieht, sollte man um Hilfe rufen, sich aber nicht selbst gefährden.“ Für die anstehenden CSDs in Leer (16. Juli) und Aurich (10. September), die er auch mitorganisiert, hofft Timo Rabenstein, „dass viele Leute kommen und Farbe zeigen“. Menschen, die aufgrund der vergangenen Übergriffe Angst haben, sollen darüber mit Freunden, in Jugendgruppen oder mit professionellen Stellen reden.
Frieden und Unterstützung
Beim CSD in Oldenburg am 18. Juni blieb alles friedlich. „Wir haben eine Stadt, die den CSD sehr willkommen heißt, was es uns recht leicht macht“, erklärt Organisator Andreas Gerbrand. Mit 15.000 Menschen war es dieses Jahr die bisher größte Veranstaltung der Community in Oldenburg. „Die CSDs in Norddeutschland unterstützen sich gegenseitig. Wir kommen natürlich auch nach Leer.“
Timo Rabenstein freut sich, dass vom CSD in Köln am 3. Juli bisher keine Vorfälle gemeldet wurden. Mit 1,2 Millionen Menschen ist der CSD dort eine der größten Veranstaltungen der LGBTIQIA+-Community in Europa. „Ich erinnere mich an eine Polizeimitteilung aus dem letzten Jahr, dass es an dem CSD-Wochenende in Köln weniger Straftaten gab als an anderen Wochenenden, wo nur Touristen und Club-Gänger da waren. Das symbolisiert, dass die queere Community friedlich ist“, findet er. Ein Zeichen für den Frieden sei außerdem die Regenbogenfahne. „Der Regenbogen als Friedens- und Freiheitszeichen löst bei einigen Menschen Hass aus – das kann ich nicht verstehen“, sagt Rabenstein. „Vielfalt, Lebensfreude und Akzeptanz sollen bei CSDs im Vordergrund stehen.“