Hamburg/Sylt Franca und Christian sind nicht William und Kate
Eine Hochzeit ist ein Zeichen der Liebe und des Trotzes, im Jahrzehnt der Krise die Hoffnung nicht zu verlieren. Genau richtig, findet unsere Kommentatorin.
Wer steht auf der Gästeliste? Wie wird das Brautkleid aussehen? Welcher Champagner wird ausgeschenkt? Und – mein persönlicher Favorit der Vorberichterstattung – welche Parteimitgliedschaft hat der Standesbeamte? Das Interesse an der Hochzeit von Franca Lehfeldt und Christian Lindner erinnert an die Aufregung der Klatschpresse vor der Vermählung des britischen Thronfolgers William mit seiner Kate.
Doch stehen die Frischangetrauten (am heutigen Donnerstag ist das Standesamt) nicht in einer Thronfolge. Sie sind qua Job beziehungsweise Amt Personen des öffentlichen Interesses – was im Rahmen der Hochzeitsvorbereitungen dazu geführt hat, dass wir ihnen das letzte bisschen Privatsphäre weggeiern wollen. Es ist kein Staatsakt, wenn ein Finanzminister heiratet. Es ist ein Tag Sonderurlaub.
Da kein Steuerzahler den Champagner, die Krabben oder die Eheringe bezahlt, sollte es uns allen herzlich egal sein, wie viel das Paar dafür ausgibt. Geld, das sie nicht durch Ausbeutung, Drogenhandel oder Kriegsgewinne erhalten haben, sondern durch verantwortungsvolle Positionen zum Wohl unserer Gesellschaft. Warum also dieser unnötige Sozialneid?
Ja, aber die Kosten für die Security für die eingeladene politische Elite, fragt manch einer spitzfindig. Dabei wird der Personenschutz für Olaf Scholz, Annalena Baerbock oder Robert Habeck sowieso gezahlt, nicht nur auf der Hochzeit. Als einst Angela Merkel in Florenz urlaubte, schütze sie auch kein Pfefferspray vor Angriffen, sondern eine Gruppe Personenschützer. Da hat sich aber niemand aufgeregt. Dass das Paar Lehfeld-Linder ihre Traumhochzeit aus der Toskana an die Nordsee verlegt hat, damit der Staat Geld spart, wird selbstverständlich erwartet.
Spitzenpolitiker von SPD, Grünen, FDP und CDU: Sie alle werden zugegen sein, wenn Christian Lindner „Ja“ sagt. Ein Zeichen der Einigkeit an der politischen Spitze unseres Landes, allen sachlichen Differenzen zum Trotz. Christian Lindner ist eben auch nur ein ganz normaler Mensch, der seine Arbeitskollegen zur Feier einlädt, auch wenn wir das manchmal vergessen. Vielleicht ist ein Fest, bei dem sich Olaf Scholz hinter Friedrich Merz einreiht, um ein Stück Hochzeitstorte zu ergattern, genau das Stück Normalität, das wir brauchen.
Eine Hochzeit in diesen Zeiten ist ein Zeichen des Trotzes. Eine Entscheidung für die Liebe, für das Leben. Auch wenn die 2020er-Jahre drohen, ein Jahrzehnt der Krise zu werden, ist der beste Kampf dagegen das Leben.
Liebe Franca Lehfeldt und lieber Christian Lindner, herzlichen Glückwunsch!
Sehen Sie das alles ganz anders? Vielleicht gefällt Ihnen der Kommentar von Sören Becker besser.