Berlin  Wegen Wartungsarbeiten: Heute wird das Gas abgedreht

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 11.07.2022 06:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nord Stream 1 soll gewartet werden. Foto: dpa/Stefan Sauer
Nord Stream 1 soll gewartet werden. Foto: dpa/Stefan Sauer
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Heute wird die für Deutschland wichtigste Gasleitung abgedreht. Nord Stream 1 soll gewartet werden. Doch viele trauen dem Braten nicht. Das Update zur Gas-Krise.

Der Tag, den viele fürchten, ist da: Nord Stream 1 wird wegen der jährlichen Wartungsarbeiten abgedreht. Das dauert meist zwischen zehn und 14 Tagen. Laut Betreibergesellschaft soll das Gas am 21. Juli wieder fließen. Viele, auch Wirtschaftsminister Robert Habeck, befürchten jedoch, dass die Leitung wegen der Spannungen mit Russland nicht wieder aufgedreht wird.

Nord Stream 1 ist die wichtigste Gas-Pipeline, die Deutschland mit Russland verbindet. Schon seit einigen Wochen wird von Gazprom 60 Prozent weniger Gas durch die Pipeline geliefert. Das beeinflusst laut Bundesnetzagentur im Moment vor allem, wie viel Gas Deutschland an Nachbarländer, wie Tschechien und Frankreich weiterleiten kann. „Sollten die russischen Gaslieferungen über Nord Stream 1 weiterhin auf diesem niedrigen Niveau verharren, ist der anvisierte Speicherstand von 90 % bis November kaum mehr ohne zusätzliche Maßnahmen erreichbar“, teilt die Bundesnetzagentur mit.

Laut den jüngsten Daten vom 8. Juli sind die deutschen Gasspeicher zu 62,12 Prozent gefüllt. Damit sind die Füllstände seit Ende der Heizperiode erstmals gesunken. Dennoch ist der Füllstand laut Bundesnetzagentur vergleichsweise hoch für diese Jahreszeit.

Die Reduktion ist einer der Gründe, warum Wirtschaftsminister Habeck den aktuellen Notfallplan Gas ausgerufen hat. Das bedeutet im Klartext, dass die Gasversorgung gestört, aber weiterhin gewährleistet ist. „Die Lage ist angespannt und eine Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden“, teilt die Behörde bereits seit Wochen mit.

Unternehmen und private Verbraucher müssen auch vorerst nicht mit ausbleibenden Lieferungen rechnen. „Auch wenn wir in keine Gasnotlage kommen, bleibt das Gas teuer“, sagte Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller dem „Focus“. Dabei seien die Folgen der aktuellen Gasknappheit preislich bei den Verbrauchern noch gar nicht angekommen. „Das kann für eine Familie schnell eine Mehrbelastung von 2000 bis 3000 Euro im Jahr bedeuten. Da ist die nächste Urlaubsreise oder die neue Waschmaschine dann oft nicht mehr drin.“ Deutschland drohe eine „Gasarmut“. Wer bis morgen eine Megawattstunde Gas braucht, zahlt im Großhandel aktuell 185,53 Euro.

Gas ist auch ein wichtiger Energie-Träger und Rohstoff für viele Industriezweige. Vor allem in der energiehungrigen Chemie- und Pharmaindustrie sind die Sorgen vor einem Gasmangel groß. Die Branche ist laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) mit einem Anteil von 15 Prozent größter deutscher Gasverbraucher. Sie braucht Gas als Energiequelle und als Rohstoff zur Weiterverarbeitung in Produkten - etwa in Kunststoffen, Arzneien oder Düngemitteln.  Diese Kosten dürften auch für höhere Preise bei vielen anderen Gütern sorgen.

Da Gasversorger aktuell keine Möglichkeit haben, die Preissteigerungen weiterzugeben, bekommen viele wirtschaftliche Probleme. Der Konzern Uniper hat bereits Staatshilfen beantragt. Uniper spielt eine zentrale Rolle für die deutsche Energieversorgung und beliefert mehr als hundert Stadtwerke und Industriefirmen.

Robert Habeck hat zugesagt, aber will die Eigentümer in die Pflicht nehmen: „Es gehört ja jemandem, auch jemandem, der solvent ist und der stützen kann“, sagte der Grünen-Politiker dem Deutschlandfunk. Ein milliardenschwerer Einstieg des Bundes bei Uniper über eine Beteiligung beim Eigenkapital sei möglich. Denkbar sei aber auch ein Mix mit der Möglichkeit, dass Uniper hohe Preissteigerungen beim Gaseinkauf an die Kunden weitergebe.

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