Berlin  Blanker Sexismus: Diese Bohlen-Sprüche sind nicht mehr vermittelbar

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 13.07.2022 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Dieter Bohlen verschwand 2021 vom Bildschirm - und kehrt nun doch zurück. Foto: Henning Kaiser/dpa
Dieter Bohlen verschwand 2021 vom Bildschirm - und kehrt nun doch zurück. Foto: Henning Kaiser/dpa
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Zum überraschenden DSDS-Comeback für Dieter Bohlen kursieren „Bohlens beste Sprüche“. Gab es denn gute? Ein Rückblick auf Bohlens Humor.

Dieter Bohlen verließ 2021, wie freiwillig oder unfreiwillig auch immer, seine große Bühne RTL. Nun hat der Sender eine finale Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ angekündigt - wieder mit Bohlen in der Jury. Casting-Teilnehmer und Zuschauer werden also wieder eine Reihe Bohlen-Klopper hören. Aber wie gut waren seine Sprüche eigentlich wirklich?

Dieter Bohlen ist rüstige 68 Jahre alt. Sein Stuhlgang beschäftigt ihn trotzdem noch obsessiver als jeden Dreijährigen. Im Alter wird das wahrscheinlich wieder ein Thema. Einschlägige Bohlen-Spruch-Sammlungen strotzen von Klosetts: Mal schwadroniert er von Darmverschlüssen und „Klopups-Imitatoren“. Mal nennt er sich die „Klobürste von DSDS – an mir bleibt immer die Scheiße hängen“. Dann wieder schockt er mit privaten Bekenntnissen: „Bei mir kommen solche Geräusche aus anderen Öffnungen.“ Wenn Bohlen den Klodeckel öffnet, sprudelt‘s nur so heraus. Seine Fantasie ist hochaktiv und spektakulär widerlich: „Das klingt, als wenn sie dir den Arsch zugenäht haben und die Scheiße oben rauskommt“, soll er einmal gesagt haben. Ein Satz, mit dem man vermutlich nicht mehr zum Proktologen gehen muss, sondern gleich zum Seelenklempner.

Aber: Bohlen kann auch loben! „Also für mich kommst du rüber wie so’n Kotzbrocken“, schmeichelt er in der 17. DSDS-Staffel dem Kandidaten Udo. „Voll unsympathisch. Wie so’n Arschloch.“ Klingt hart, ist aber kollegial gemeint. „Ich find sowas ja gut“, sagt Bohlen nämlich. „Es sind ja nonstop nur weichgespülte Schleimer unterwegs.“ Wer sich als Ekelpaket davon absetzt, sichert sich den Respekt von Bohlen, Deutschlands führendem Experten für Arschloch-Auftritte.

Natürlich ist Bohlen kein Primitivling, der sich nur für Fäkalien interessiert. Raffiniert lässt er anale und genitale Phase changieren. Als Alicia-Awa Beissert 2019 vor seine Jury tritt, steht Bohlen in Flammen. Er weiß kaum, was er zuerst loben soll, sagt er – startet dann aber doch mit dem Wichtigsten. Die 21-Jährige sieht „Bombe“ aus. „On top“ und als „Sahne-Ding“ obendrauf kommt noch was: Alicia kann singen, auch wenn das wohl nicht mehr kriegsentscheidend ist.

Beim Gedanken an den Auslandsrecall gerät Bohlen dann ins Träumen: „Du in Thailand am Strand. Die Palmen da, die wehen da so vor sich hin. Und du läufst dann da rum in einem weißen Bikini …“ Ist das ein feuchter Traum? Eine Regieanweisung? Der YouTube-Clip, in dem man die Szene immer noch angucken kann, schließt jedenfalls mit einem Bild vom Auslandsrecall. Alicia trägt einen weißen Bikini. Er bedeckt ihre Brüste nur knapp.

Anderthalb Jahrzehnte ist Bohlen bei RTL im Dienst – dann kommt diese #MeToo-Bewegung und stellt alles infrage, wofür der Mann steht. Bohlen geht in die Offensive. In Staffel 15 nennt er ein Kandidatinnen-Trio anerkennend: „Drei Pralinen auf der Bühne.“ Dann fällt ihm ein: Neuerdings muss man als mächtiger Entertainment-Macho doch vorsichtig sein! Also grübelt ein nachdenklich gewordener Bohlen vor sich hin: „Man sagt das ja nicht mehr, dass Frauen hübsch aussehen.“ Dann formuliert er noch mal um: „Also ihr seid mit Abstand irgendwie die nicht schlecht aussehendste Gruppe“, sagt Bohlen. „Ich finde, ihr seid hochintelligente Frauen, die auch noch, nebenbei, was nicht so wichtig ist, gut aussehen.“ Woker wird’s nicht.

Zwei Jahre später genießt der Pop-Titanwurz dann wieder den späten Frühling. Dass er Carolin Kries – eine Zahnspangenträgerin am Tag vor ihrem 16. Geburtstag – als „Schnuckelhasen“ begrüßt, ist wohl eher onkelhaft zu verstehen. Bei vollendeter Volljährigkeit aber brodelt das Bohlen-Hormon. „Schöne Beine“, kräht er der 18-jährigen Júlia Kramárová entgegen. Rebecca Miess begrüßt er – leicht alterskurzsichtig – mit den Worten: „Wow! Die richtige Rocklänge!“ Wie sich herausstellt, trägt die 21-Jährige eine sehr kurze Hose. Egal, die gefällt Bohlen auch. „Du hast was, wovon Pietro träumt“, sagt er witzig: „Eine Taille.“ Wer jetzt aber glaubt, Bohlen winkt Frauen nur wegen der Optik durch den Recall, der irrt. „Das einzig Gute an dir ist eben die Optik“, teilt er Rebecca mit – und verweigert ihr sein „Ja“. Dieser Mann bleibt unbestechlich.

Die leidenschaftlichsten Romanzen entstehen am Arbeitsplatz. Als Mandy Capristo in Staffel 12 am Jury-Pult sitzt, erwischt es auch Bohlen. Erstmal versucht er es mit freundlichem Sex-Talk. Gerade hat er eine Verlierer-Kandidatin verabschiedet, da beugt Bohlen sich zur Ko-Jurorin herüber. „Einen ganz hübschen Arsch hatte sie“, raunt er der Kollegin ins Ohr. „Der Po war okay.“ Später zieht er zum Spaß die High Heels eines androgynen Kandidaten an. Mandy Capristo hilft bei der Anprobe, und Bohlen sagt frech: „Endlich bist du mal so vor mir, wie sich das gehört – auf den Knien!“ Capristo deutet eine Ohrfeige an. Nanu? War dieser kleine Spaß etwa schon unangemessen? Sicherheitshalber fragt Bohlen nach: „Na, das hat dich ein bisschen geil gemacht, oder?“ Wider Erwarten hat es das nicht.

Wie schamlos Bohlen auf Mandy Capristo losgeht, ist empörend. Es schwingt aber auch ein Hauch ausgleichender Gerechtigkeit mit. Es ist ja wie bei der Mafia: Wer sich zu Bohlens Komplizen macht, kommt früher oder später selbst unter die Räder. In Staffel 12 schielt der hochbetagte Heino noch einmal auf den DSDS-Karriereschub. Zur Strafe wird er von Bohlen verbal entmannt. Als Heino einen Falsett-Sänger kritisiert, grätscht Bohlen ihm rein: „So oft könnte ich dir nicht in die Eier treten, bis du mit deiner Stimme so hoch kommst“, sagte er dem 76-Jährigen. Hui! Sowas musste Heino sich nicht mal anhören, als er in den 80ern mit Deutschlands Punkrockern um „Den wahren Heino“ prozessierte. A und O der Rossbeschau: Was taugt das Gebiss?

Tarantinos Filme geben den Regisseur als Fußfetischisten zu erkennen. Worauf steht Bohlen? 2017 lobt er auffallend häufig das Gebiss seiner Kandidatinnen. Das allerschönste hat Oshini. „Die geilsten Zähne, die ich bis jetzt gesehen habe im Wettbewerb“, bescheinigt der DSDS-Rossbeschauer der 17-Jährigen. Auch sonst gefällt sie ihm. „Exotisch“, findet Bohlen den 1,48 Meter großen Teenager. „Total vermarktbar“. Und erfreulich komplett: „Da muss man nicht erstmal alles Mögliche verändern visuell.“ Verändern? Was muss man an anderen denn so verändern? Bohlen: „Neue Haare drüber, neue Lippen, neue Zähne, neue Augen, neue Figur, neue Stimme“ – nichts davon braucht Oshimi. „Ist ja alles da!“ Besonders Zähne natürlich. Bevor Oshini von der Bühne darf, muss sie die noch einmal direkt vor Bohlens Nase blecken. Finales Urteil des Kenners: „Diese Zähne könnten töten.“ Leider ist die Kandidatin zu scheu, um Dr. dent. Bohlen noch vor Ort mundtot zu beißen.

Eins stimmt ja: Ein Mann deutlicher Worte wird nirgendwo mehr gebraucht als bei DSDS. Schon wegen der Juroren, die hier in Antisemitismus und Flüchtlingshass abdriften. Vor dem Wendler musste RTL ja schon Xavier Naidoo verabschieden – nachdem er Migranten als mörderische Wölfe apostrophiert hatte. Bohlens Reaktion ist dann das Spannungsmoment der auf den Bruch folgenden DSDS-Episode. Mehrfach bittet er sich Bedenkzeit aus, um am Ende ein für alle Mal festzustellen: „Wir suchen hier nicht den Superjuroren.“ Wie? Natürlich nicht? Aber was ist mit den Hass-Songs? Bohlen: „Wir machen hier eine Unterhaltungssendung. Und da geht es wirklich um Unterhaltung und nicht irgendwie Hass oder irgendwelche Hetze irgendwie.“ Dreimal „irgend“ in einem Satz. Gemessen an der Deutlichkeit, mit der Bohlen Zahnschönheit und „Arschloch“-Qualitäten der Kandidaten herausarbeitet, ist das wenig.

Quellen: Ein Großteil der zitierten Bohlen-Worte ist aus unseren alten Kritiken übernommen. Zusätzlich ausgewertet wurden „Die 60 fiesesten Sprüche des Poptitanen“, mit denen „Focus.de“ Bohlens 60. Geburtstag gefeiert hat, sowie eine frühe „Bild“-Sammlung der „10 härtesten Sprüche von ‚Dieter Gnadenlos‘“.

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