Hamburg  Studie: Bald schon mehr als 1000 Wölfe in Niedersachsen unterwegs?

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 14.07.2022 12:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Wolf ist nicht mehr vom Aussterben bedroht in Niedersachsen und Deutschland. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung im Auftrag des Landes Niedersachsen. Foto: Lino Mirgeler/dpa
Der Wolf ist nicht mehr vom Aussterben bedroht in Niedersachsen und Deutschland. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung im Auftrag des Landes Niedersachsen. Foto: Lino Mirgeler/dpa
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Der Wolf ist in Deutschland nicht mehr vom Aussterben bedroht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung im Auftrag des Landes Niedersachsen. Die Konsequenz für Umweltminister Olaf Lies: Das Raubtier kann gezielt bejagt und mindestens einzelne Wölfe getötet werden.

Die Debatte um den Wolf wird in Deutschland und besonders Niedersachsen emotional geführt. 39 Wolfsrudel und vier sogenannte residente Einzelwölfe leben nach amtlichen Zählungen zwischen Nordseeküste und Harz. Das macht gut 300 bis 350 Raubtiere, die allein durch Niedersachsen streifen.Trotzdem gilt der Wolf weiter als vom Aussterben bedroht und darf nicht bejagt werden. Zu Recht?

Diese Frage hat das Land Niedersachsen Wissenschaftlern der Universität Wien gestellt. Die wiederum haben verschiedene Berechnungen angestellt, wie sich die Population des Raubtiers weiterentwickeln könnte. Am Donnerstag präsentierte Umweltminister Olaf Lies (SPD) das Ergebnis der umfangreichen Untersuchung. Kurz um: Er kann sich in seiner Forderung nach einem härteren Vorgehen gegen den Wolf bestätigt sehen.

Denn die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass der Wolf in Niedersachsen und Deutschland faktisch nicht mehr vom Aussterben bedroht ist. Mehr noch: Verbreitet sich das Raubtier weiter in der bisherigen Geschwindigkeit, dürfte es schon 2030 die gesamte Bundesrepublik besiedelt haben.

Bislang hat er sich vor allem in den ostdeutschen Bundesländern und in Niedersachsen breit gemacht. Für Niedersachsen heißt das: Die Zahl der Wölfe im Land wird von den derzeit rund 350 auf möglicherweise 1200 Wölfe ansteigen. Selbst bei einer Tötung einzelner Tiere durch den Menschen würde die Population weiter zunehmen.

Aktuell gibt es in diesen Regionen bereits Nachweise für das Raubtier:

SPD-Politiker Lies sagte, die Ergebnisse der Studie leisteten einen Beitrag zur „Versachlichung der Diskussion”. Der Wolf werde nicht aussterben, wenn das umgesetzt wird, was sich die Bundesregierung in Berlin vorgenommen hat: Ein „regionales Bestandsmanagement” in Deutschland zu ermöglichen.

Viele, auch Umweltminister Lies, verstehen darunter die rechtliche Möglichkeit, das Populationswachstum des Wolfs durch Abschuss auszubremsen. Josef Tumbrinck, Unterabteilungsleiter für Naturschutzfragen, vertrat kürzlich allerdings die Auffassung, dass es auf EU-Ebene keine rechtliche Grundlage für die prophylaktische Entnahme von Wölfen gibt, mithin: Deutschland das Bestandsmanagement nicht umsetzen kann.

Olaf Lies verweist indes auf Schweden und Frankreich, die die Ausbreitung der Wölfe durch Abschuss regulieren wollen. Geht es nach Lies sind das Vorbilder für Deutschland. „Es gibt eine Akzeptanzgrenze für den Wolf, ab der die Bevölkerung nicht mehr bereit ist, die Konflikte hinzunehmen, die die Rückkehr des Wolfes mit sich bringt”, sagte Lies.

Es brauche Lösungen vor Ort, er könne nicht warten, bis der Wolf das Saarland erreicht hat, bevor die Probleme in Niedersachsen angepackt werden können. Das Zögern sei unverantwortlich.

Betroffen sind bislang vor allem Weidehalter. Allein im vergangenen Jahr verzeichneten die Behörden in Niedersachsen 645 durch den Wolf getötete Nutztiere wie etwa Schafe. Im laufenden Jahr waren es bis Anfang Juli 345. Immer wieder kommt es aber gerade im ländlichen Raum auch zu Begegnungen zwischen Mensch und Wolf.

Bislang gilt: Nur auffällige Problemwölfe dürfen erschossen werden. Die rechtlichen Hürden dafür sind hoch, für Minister Lies zu hoch, der schon mehrfach wegen erteilter Abschussgenehmigungen verklagt wurde.

Wie viele Tiere er neben den auffälligen Wölfen entnehmen will, ließ Lies am Donnerstag zunächst offen. Unter Verweis auf die Ergebnisse der Untersuchung sagte er allerdings, dass selbst bei einer zweistelligen Zahl an getöteten Tieren die Wolfspopulation in Niedersachsen trotzdem weiter wachsen würde. Hinzugerechnet werden müssten aber auch die Tiere, die im Straßenverkehr sterben.

Er appellierte an die Bundesregierung, die Studienergebnisse in der Politik umzusetzen. “Es fehlt der Mut, heute Entscheidungen zu treffen, die morgen notwendig sind”, so Lies. Werde aber weiter nicht gehandelt, würden die Probleme immer weiter zu nehmen.

Anders bewertet indes der Naturschutzbund (NABU) in Niedersachsen die Ergebnisse. In einer ersten Stellungnahme erklärte Vorsitzender Holger Buschmann, in der Studie werden das Populationswachstum offenbar überschätzt. Der Wolf breite sich derzeit langsamer aus, als von den Wissenschaftlern angenommen.

Buschmann bezeichnete Lies härtere Wolfspolitik als gescheitert, „weil immer deutlicher wird, dass man mit den Abschüssen von Wölfen weder den Nutztierhaltern noch den Wölfen hilft.“ Eine willkürliche Entnahme von Wölfen sei „vollkommen sinnfrei, weil durch die Zerstörung von Rudelstrukturen sogar erhöhte Nutztierrisse die Folge sein können“, so Buschmann.

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