Baugebiet in Ihlow  Bürgerinitiative setzt sich gegen Wohnpark durch

| | 14.07.2022 16:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Das Haus hinter der ehemaligen Gaststätte an der Alten Wieke 56 sollte für das Baugebiet abgerissen werden – die Bewohner erfuhren das in der Sitzung des Ortsrates. Foto: Böning
Das Haus hinter der ehemaligen Gaststätte an der Alten Wieke 56 sollte für das Baugebiet abgerissen werden – die Bewohner erfuhren das in der Sitzung des Ortsrates. Foto: Böning
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Die Gemeinde Ihlow hatte nach Auffassung der Bürger das neue Wohngebiet zu forsch vorangetrieben. Das schürte die Befürchtung, dass alles schon beschlossene Sache sein könnte.

Ihlowerfehn - „Es hätte nicht so laufen müssen“, sagt Klaus Möhlmann am Tag, nachdem der Bauausschuss den Wohnpark am Ihlower Forst erst einmal gestoppt hat. Möhlmann ist Mitglied der Bürgerinitiative, die sich nach der Vorstellung des Projekts im Ortsrat Ihlowerfehn vor einer Woche spontan gegründet hat. Ihr Ziel: Das Projekt stoppen – jedenfalls, solange ein Investor im Spiel ist. „Wenn die Gemeinde die Flächen kauft und erschließt, ist es eine andere Geschichte“, findet Möhlmann. Dann könnte auch er mit dem Baugebiet leben.

Was und warum

Darum geht es: Der Bauausschuss der Gemeinde Ihlow hat gegen den Wohnpark am Ihlower Forst gestimmt. Gegenwind für die Pläne eines Investors gab es vor allem von einer Bürgerbewegung.

Vor allem interessant für: Menschen, die Bauplätze und Wohnraum suchen, Anwohner, Politik und die Verwaltung

Deshalb berichten wir: Der Bauausschuss hat am Mittwoch über das Projekt abgestimmt. Viele Bürger waren anwesend.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Es geht um eine Fläche zwischen den Straßen Wieke und Alte Wieke in Ihlowerfehn. Ein Emder Investor, der nicht namentlich genannt werden möchte, will auf 4,6 Hektar einen Wohnpark erschließen und könnte sich vorstellen, auch selbst zu bauen und zu vermieten. Seine Vision: Kleine Grundstücke mit im ersten Bauabschnitt 35 Einfamilienhäusern, 16 Doppelhaushälften, vier Reihenhäusern mit bis zu fünf Parteien und vier Mehrfamilienhäusern, auch ein Seniorenheim wäre möglich. Schon eine Woche nach der Vorstellung im Ortsrat sollte der Bauausschuss über das Projekt abstimmen. Das ging den Mitgliedern der Bürgerinitiative viel zu schnell.

Die Verwaltung war zu schnell

Eine Gemeindeverwaltung, die zu schnell arbeitet? Dass sie das einmal kritisieren würde, kam auch Renate Dittrich von der SPD-Fraktion seltsam vor. „Eigentlich bin ich immer die, die sich beschwert, wenn etwas zu lange dauert“, sagte sie im Ausschuss am Mittwoch. In der Abstimmung war sie – wie alle Kollegen – gegen den Start eines Bauleitverfahrens.

Das Projekt wäre selbst bei einem positiven Beschluss noch lange nicht spruchreif gewesen. „Wir reden von einer Umsetzung in frühestens zwei bis drei Jahren“, sagte Friedhelm Saathoff, der seitens der Gemeinde Ihlow das Verfahren erklärte. „Wenn es überhaupt kommt und nicht noch ein Feldhamster hier wohnt.“ Trotzdem gaben die Ausschussmitglieder dem Projekt schon im ersten Schritt keine Chance. Ob durch den Druck der aufgebrachten Bürger oder ob die Entscheidung ohnehin so gefallen wäre, das wissen sie nur selbst.

Baugebiete sind trotzdem notwendig

Im Gegensatz zu einigen Mitgliedern der Bürgerbewegung leugnen die Ausschussmitglieder nicht, dass in der Gemeinde der Bedarf an Bauplätzen und Wohnraum groß ist. „Wir brauchen Baugebiete, aber nicht um jeden Preis“, sagte Julian Jetses von der SPD. Ein „Nein“ für die Pläne des Investors gab es von ihm trotzdem. „Es sind einfach noch zu viele Fragen offen“, monierte er. Welche genau er damit meinte, blieb offen. „Außerdem ist ein solches Projekt für uns nicht mit einem Investor machbar. Die Gemeinde muss erst einmal die Flächen erwerben, bevor wir weiterplanen.“

Karl Enno Rocker von Bündnis 90/Die Grünen forderte die Verwaltung auf, nicht alles innerhalb kürzester Zeit umsetzen zu wollen und den Rat dadurch unter Druck zu setzen. „Wir sollten uns lieber fragen, ob eine vor 20 Jahren im Flächennutzungsplan als Wohnbebauung festgelegte Fläche heute noch zeitgemäß ist“, sagte er. „Vor allem in Hinblick auf den Klimawandel und den Flächenfraß können wir nicht einfach so weitermachen wie immer.“

Die Entscheidung trifft die Politik

Und Bürgermeister Arno Ulrichs (parteilos), der mit dem Wahlversprechen antrat, Wohnraum und Bauplätze in der Gemeinde zu schaffen? „Wir können nur Vorschläge unterbreiten, die Entscheidung trifft letztendlich immer die Politik“, sagt er in Richtung der anwesenden Bürger. „Es wäre allerdings schön gewesen, wenn wenigstens Gegenvorschläge gekommen wären“, fügte er hinzu: „Wir müssen jetzt andere Lösungen finden.“

Die Gemeinde und die gemeindeeigene Entwicklungs- und Dienstleistungsgesellschaft Ihlow mbH (EDI) besitzen anschließend an den geplanten Wohnpark eigene Flächen in der Größe von 4,4 Hektar. Es fehlen allerdings Grundstücke, über die diese Flächen erschlossen werden können. Die wiederum könnte der Investor für den Wohnpark bieten, wenn sein Projekt umgesetzt wird. Über sein Grundstück an der Alten Wieke 56 könnten zunächst der Wohnpark selbst und schließlich auch die Flächen der Gemeinde erschlossen werden. Wenn diese Möglichkeit wegfällt, kann die Gemeinde ihre eigenen Flächen nicht nutzen.

Ein Landwirt hat es in der Hand

Die sind wiederum offenbar an den Landwirt verpachtet, der einer für die Gemeinde saubersten Lösung im Weg steht: Den Eigentümer der Flächen an der Bangsteder Kirchstraße. Hierüber die Gemeindeflächen zu erschließen, wäre der Wunsch der Verwaltung. Diese Chance ist offenbar erst einmal vertan. Denn der Landwirt war ebenfalls in der Sitzung anwesend und sichtlich erbost über das Vorgehen der Verwaltung: „Wenn ich die Person bin, die alles aufhält, dann bin ich es gerne“, sagte er in der Bürgersprechstunde. Ihm stinkt, wie sich Ihlowerfehn und der Ihlowerfehnkanal in der Vergangenheit verändert haben.

Und der Investor? Das Gebäude an der Alten Wieke 56 hat er bereits gekauft und ist verwundert, wie alles gekommen ist. „Ich hatte mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet. Ich dachte, die Gemeinde sucht dringend Wohnraum und Bauplätze“, sagt er. Aber er nimmt es sportlich. Ob er das Grundstück an der Alten Wieke 56 gekauft hätte, wenn er geahnt hätte, wie die Entscheidung ausgeht? „Wohl eher nicht“, sagt er ehrlich. „Aber wer weiß, wofür das gut war und welche Möglichkeiten sich noch auftun.“ Wo, wenn nicht im lebendigen Zentrum soll eine Gemeinde wie Ihlow wachsen – fragt er sich. „Hier gibt es Schulen und Supermärkte.“

Besser kein neues Baugebiet?

Wenn es nach einigen der anwesenden Bürger gehen würde, würde in ganz Ihlowerfehn kein neues Baugebiet entstehen. „Ärzte sagen auch, sie nehmen keine weiteren Patienten auf. Dann können wir als Gemeinde doch auch sagen, dass wir keine Bauplätze mehr wollen“, hieß es aus dem Publikum. Für Arno Ulrichs ist das keine Option. Für die Menschen auf der Liste der Gemeinde für einen Bauplatz wahrscheinlich auch nicht. „Gerade heute habe ich noch drei Anfragen erhalten“, so Ulrichs. „Wir können den Menschen nicht einfach sagen: ‚Ihr dürft hier nicht wohnen.‘“

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Klaus Möhlmann: „Hätte sich der Investor von Anfang an mit uns zusammengesetzt und uns in den Prozess eingebunden, hätten wir sicherlich anders reagiert. Aber Menschen vor vollendete Tatsachen zu stellen, ist immer schwierig.“ Der Investor selbst bleibt pragmatisch und will das Haus an der Alten Wieke 56 erst einmal weiterhin vermieten. „Und abwarten, was sich noch entwickelt“, sagt er. Schließlich sei die Aufregung bei geplanten Baugebieten anfangs meist groß und lege sich mit der Zeit.