Energieexpertin im Interview Wie die Nordseeküste in der Energiewende groß rauskommt
Energieexpertin Claudia Kemfert sieht im Umgang der Politik mit den Folgen von Klimawandel und Ukraine-Krieg vor allem verpasste Chancen. Für die Nordseeküste erkennt sie dagegen klare Vorteile.
Berlin/Ostfriesland - Wer mit Professorin Claudia Kemfert über den Umgang der Politik mit dem Klimawandel spricht, kriegt viel zu hören über eine „verschleppte Energiewende“, über „verfehlte Energiepolitik“, über ein irritierendes Festhalten an eingefahrenen fossilen Wegen. Kemfert leitet die Abteilung für Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Wir haben mit ihr über die Energiewende gesprochen und über die Chancen, die sich daraus für die Nordseeküste ergeben.
Offshore-Windparks
Moin Frau Kemfert, die Bundesregierung will die Offshore-Windenergie deutlich ausbauen, im Grunde bis 2045 knapp verzehnfachen. Ist das überhaupt möglich?
Claudia Kemfert: Technisch wäre es zu schaffen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die größte Herausforderung liegt in der Einhaltung der Natur- und Artenschutz-Anforderungen.
Und ganz billig kann so ein Vorhaben ja auch nicht sein.
Kemfert: Die Kosten für Offshore Windenergie sinken, obwohl sie immer noch teurer sind als Windenergie an Land. Leider müssen wir derzeit unglaublich viel Geld für fossile Energien aufwenden, Geld, was uns an anderer Stelle fehlt. Aber wir sind ein reiches Land. Und die Windenergie wird grundsätzlich immer preiswerter. Die Kosten liegen heute noch etwas über denen von konventionellen Energien. Noch, denn: durch die derzeitigen Preisexplosionen fossiler Energie und Atomenergie rechnen sich alle erneuerbaren Energien auch ohne Förderung. Und dann spricht für die Offshore-Windenergie auch, dass im Vergleich zu Onshore deutlich höhere Strommengen produziert werden können.
LNG
Sprechen wir mal über LNG-Terminals. Das erste deutsche Terminal überhaupt soll ja noch in diesem Winter, also in Rekordzeit, in Wilhelmshaven seinen Betrieb aufnehmen. Was halten Sie vom Import verflüssigten Erdgases?
Kemfert: Ein notwendiges Übel. Die Förderung, der Transport und die Verbrennung von fossilem Erdgas verursachen klimawirksame Treibhausgase. Durch den Import verschlechtert sich unsere Klimabilanz weiter. Ursache ist die verschleppte Energiewende, der Ausbau erneuerbarer Energien geht nicht schnell genug. Deswegen muss man aber leider für den Übergang zumindest schwimmende Terminals haben, keine festen. Anders als vor 15 Jahren macht es heute keinen Sinn mehr, in feste LNG Terminals zu investieren, da sie 20 bis 25 Jahre ausgelastet sein müssen, damit sie sich rechnen.
Bundestag und Bundesrat haben im Mai auf Antrag der Regierungsparteien SPD, Grüne und FDP ein Gesetz zur Beschleunigung des Einsatzes verflüssigten Erdgases beschlossen. In der Anlage sind elf Vorhaben aufgelistet: Sieben schwimmende Terminals (Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Stade, Hamburg, Rostock, Lubmin) und vier fest installierte Terminals (Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Stade, Rostock). Das Gesetz sieht zudem vor, dass die Genehmigungen für die LNG-Anlagen in Übereinstimmung mit den deutschen Klimazielen bis spätestens zum 31. Dezember 2043 befristet werden.
Aber für den Übergang ist LNG okay?
Kemfert: Für einen sehr begrenzten Übergang. Und nur, weil man mit der Energiewende noch nicht so weit ist. Unsere Studien zeigen, dass wir in den kommenden Jahren etwas mehr Flüssiggas nach Deutschland importieren müssen, um russisches Gas komplett zu ersetzen. Je schneller die erneuerbaren Energien ausgebaut werden, desto weniger Gas brauchen wir noch.
Sie finden, das hätte alles nicht so kommen müssen??
Kemfert: Wenn wir die Energiewende nicht ausgebremst hätten, nicht. Wir bezahlen jetzt den Preis der verschleppten Energiewende der letzten 15 Jahre, die zu sehr auf fossile Energien gesetzt hat, die auf eine zu große Abhängigkeit von fossilem Erdgas nach Russland gesetzt hat. LNG ist umwelt- und klimaschädlich und teuer. Wir dürfen nicht weiter die Klima- und Energiewende-Ziele verfehlen. Nun müssen wir in Windeseile völlig überteuerte schwimmenden Flüssiggas-Terminals installieren. Diese exorbitanten Kosten hätten wir uns sparen können.
Wenn man was genau gemacht hätte?
Kemfert: Wenn man die Energiewende vor über 20 Jahren, als man sie begann, nicht ausgebremst hätte. Wir hatten alle guten Zutaten: Unternehmen, die erneuerbare Energien herstellen, ausreichende Materialien, sinkende Kosten. Durch das Ausbremsen haben wir Unternehmen, wichtige Produktionsketten und über 150.000 wertvolle Industriearbeitsplätze verloren. Als man vor knapp 20 Jahren begann, die erste Nordstream-Pipeline zu planen, hätte man stattdessen – oder zumindest in Ergänzung – ein Flüssiggasterminal bauen müssen, um die Abhängigkeit von Russland zu mindern. Nun scheinen wir die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und wieder fossile Pfadabhängigkeiten zu zementieren, statt endlich und konsequent die Energiewende umzusetzen.
Wasserstoff
Wasserstoff wird als Energieträger der Zukunft immer wieder genannt, ihm wird von vielen eine herausragende Bedeutung zugesprochen.
Kemfert: Man sollte die Bedeutung nicht überbewerten. Er hat eine Bedeutung, aber nicht wirklich eine herausragende. Wasserstoff ist nicht das neue Öl. Ökostrom ist das neue Öl. Wasserstoff gehört zur Energiewende dazu, aber er muss grün produziert sein. Das heißt: mit Ökostrom und nicht mit Atomstrom oder fossilem Strom oder Erdgas. Und: Wasserstoff ist eigentlich eine Verschwendung. Er braucht drei bis fünfmal so viel Ökostrom, als wenn man den direkt nutzen würde. Ich sage immer: Der grüne Wasserstoff ist der sogenannte Champagner unter den Energieträgern. Er ist kostbar, er ist teuer und nur etwas für besondere Anlässe.
Er wird ja auch als Pufferelement gesehen, also eine Art Energiespeicher, wenn zum Beispiel die produzierte Windenergie gerade nicht gebraucht wird.
Kemfert: Ja, Wasserstoff ist auch ein Speicher für den schwankenden Ökostrom. Statt Windanlagen abzuregeln, sollte man Wasserstoff produzieren. Und kann ihn nutzen. Aber: Überall dort, wo der Ökostrom direkt genutzt werden kann, ist er am effizientesten. Also beispielsweise in der Elektromobilität oder der Wärmepumpe. Überall da, wo es keine direkte elektrische Alternative gibt, wie in der Industrie, dem Schwerlast- oder Flugverkehr, ist Wasserstoff sinnvoll.
Also mehr ein kleineres Rädchen im künftigen Energiemix?
Kemfert: Durchaus. Die deutlich bedeutsameren Rädchen sind eindeutig die erneuerbaren Energien, also Wind, Solar und alle anderen Komponenten. Wir können uns vollständig aus erneuerbaren Energien versorgen, wenn wir Geschwindigkeit anlegen und Windenergieanlagen ausbauen, Genehmigungsverfahren entschlacken, Barrieren abbauen, Flächen ausweisen für Windenergie, Solarenergie auf die Dächer legen, Ausbildungsprogramme machen. Dann können wir in zehn Jahren eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien haben. Und grüner Wasserstoff ist auch dabei.
Welche Rolle spielt die Nordseeküste dabei?
Kemfert: Die spielt schon eine wichtige Rolle. Einerseits kann dort mehr Windenergie geerntet werden, nicht nur auf See, sondern auch an Land. Und dann wird man dort Wasserstoff produzieren, als Zwischenspeicher, um damit Schwankungen aufzufangen. Außerdem werden dort die erneuerbaren Energien unschlagbar billig werden, gerade die Windenergie, und damit auch die Stromkosten. Damit bekommt die Nordwestküste einen Standortvorteil, den wir heute noch nicht sehen, der aber ganz sicher kommen wird.