Osnabrück Wir sind alle Vincent: Was der van Gogh-Fund über uns sagt
In Edinburgh wird ein bislang unbekanntes Selbstbildnis von Vincent van Gogh gefunden. Eine Sensation? Ja, weil der Fund nicht nur etwas über van Gogh sagt.
Ein kleines Bildnis, unter Pappschichten verborgen, mit Leim verklebt: nicht der Rede wert, oder? Doch! Denn das Bildchen, das Experten an der schottischen Nationalgalerie in Edinburgh gefunden haben wollen, stammt von Vincent van Gogh. Der Name ist der Game Changer. Er macht aus der stillen Arbeit einer Restauratorin ein Weltereignis. Denn jedes Bild van Goghs rührt an ein Drama, das jeder Mensch durchlebt: das der Krisen auf dem Weg zum Ich. Kaum ein anderer Künstler hat dieses Drama so exzessiv durchlitten wie van Gogh. Deshalb sind wir alle Vincent.
In Edinburgh wird der Fund nun wie ein PR-Coup vermarktet. Das passt in eine Zeit, in der Funde neuer Bilder von alten Meistern das Interesse für die Kunst frisch beleben sollen. Ob Leonardo da Vincis für eine halbe Milliarde Dollar verkaufter Salvator Mundi oder nun eine kleine Zeichnung van Goghs – etwas vom Erlöser haftet weiter am Image des Künstlers. Er ist der Magier, der alle Lebensrätsel löst, indem er sie stellvertretend durchleidet. Deshalb fasziniert das exklusive Bild ein Millionenpublikum wie ein Ereignis der Popkultur.
Vincent van Gogh, das ist die Geschichte des Ich, das sich verzweifelt ins Freie eines selbstbestimmten Lebens kämpft. Ein Maler wie ein Rockstar, ein Künstler in der Hall of Fame eines Millionengeschmacks. Van Gogh zieht, immer noch, so wie sonst vielleicht nur Pablo Picasso, Claude Monet oder Edvard Munch. In Berlin tauchen gerade junge Leute in die Motivwelten van Goghs als Bilderbad einer virtuellen Welt. Kunst avanciert zur visuellen Wellness, Malerei zum Jungbrunnen für Menschen, die intensiver fühlen, sich damit erneuern wollen.
Das alles macht den Fund des Selbstbildnisses von van Gogh zur Sensation. Für Experten müsste der Fund ein Routineereignis sein. Die expressiven Genies der Zeit um 1900 haben oft auch die Rückseiten ihrer Leinwände bemalt. Ob ein neuer Munch in der Kunsthalle Bremen oder ein doppelter Ernst Ludwig Kirchner im LWL-Museum in Münster - der Bilderfund auf der B-Seite der Kunst-Single gehört zu jenen Ereignissen in den Museen, die erwartbar sein können. Ob die Edinburgher Kuratoren darauf spekuliert haben? Bei van Gogh ganz sicher.
Jetzt geht es darum, das Bildchen aus Leim und Pappe wie aus einer klebrigen Schlammschicht zu bergen. Eine Prozedur mit hohem Risiko, eine Kunst-OP am offenen Herzen eines Meisterwerkes. Hoffentlich wird jetzt nichts überstürzt, nur um der Weltöffentlichkeit die Sensation nun auch vor Augen stellen zu können. Gleichviel. Was immer auch Experten sagen mögen – ein Bild will ans Licht, weil es alle betrifft. Jeder Mensch ein Künstler? Der Spruch von Joseph Beuys trifft nirgends so genau wie bei Bildern von van Gogh. Wir sind eben alle Vincent. Ein bisschen wenigstens.