Hamburg Wortführer der deutschen Wutbauern: Werden massiv auf die Straße gehen
Auch in Deutschland könnte es bald wie schon in den Niederlanden zu massiven Bauernprotesten kommen. Zumindest kündigt das Anthony Robert Lee, Sprecher der Protestbewegung „Landwirtschaft verbindet Deutschland” (LSVD) im Interview mit unserer Redaktion an.
Wenn Anthony Robert Lee sich mal wieder aufregt, dann greift er zum Mobiltelefon und macht sich in einem Video Luft. Er schimpft über Politik, Nichtregierungsorganisationen oder auch Journalisten, die seiner Meinung nach schlechte Arbeit machen. Die Videos werden tausendfach geschaut und geteilt, er bekommt viel Zustimmung in den Kommentaren auf Facebook. Lee verbalisiert offenbar das Unbehagen vieler gegen „die da oben”.
Seine Zuschauer sind vor allem - aber nicht nur - Landwirte. Lee ist Sprecher der Bauernprotest-Bewegung „Landwirtschaft verbindet Deutschland”, die in den vergangenen Jahren hinter mehreren großen Bauernprotesten in Deutschland stand. Der Landwirt aus Rinteln in Niedersachsen betont selbst gern, dass er eigentlich nur Quereinsteiger in die Landwirtschaft sei. Früher war er Polizist in Berlin. Dann der Umzug nach Niedersachsen. Und jetzt Sprachrohr für viele Bauern in Deutschland.
Was Lee sagt, dürfte auch die Politik aufhorchen lassen: Nach den großen und anhaltenden Bauernprotesten in den Niederlanden kündigt Lee auch in Deutschland Aktionen an. Diese sollen über bisherige Solidaritätsbekundungen für die Kollegen in den Niederlanden hinausgehen. Es sei noch nie so einfach gewesen, die Bauern in Deutschland auf die Straße zu bekommen, sagt Lee. „Es brodelt.” Allein die derzeit noch laufende Ernte hätte bislang eine Massenbewegung verhindert.
In den Niederlanden geht es den Bauern konkret um die Stickstoff-Pläne der Regierung, die das Aus vieler Betriebe zur Folge hätten. In Deutschland ist der Unmut diffuser. „Dass die Bauern politischer Spielball sind gilt auf beiden Seiten der Grenze”, sagt Lee. „Wir werden in Deutschland massiv auf die Straße gehen.” Ob dabei auch in Deutschland die Maßgabe der niederländischen Bauern gelten werde, das gesamte Land lahm legen zu wollen, lässt er aber noch offen.
Hier das Interview im Wortlaut:
Frage: Herr Lee, in den Niederlanden sind die Bauern auf den Barrikaden, weil die Regierung sie zwingen will, den Stickstoff-Ausstoß teils drastisch zu reduzieren. Zündfunke der deutschen Protestbewegung „Land schafft Verbindung” waren 2019 ebenfalls Proteste in den Niederlanden. Wann gehen die Bauern in Deutschland wieder auf die Straße?
Antwort: Wir stehen unmittelbar davor. Es gibt nur deswegen bislang keine größeren Proteste in Deutschland, weil viele Landwirte voll in der Ernte stehen, um dieses Land zu ernähren. Da hat die Politik gerade Glück. Wären die Kollegen in Holland einen Monat später auf die Straße gegangen, hätte das auch in Deutschland massive Proteste nach sich gezogen. Es gibt ja bereits kleinere Solidaritätskundgebungen überall in Deutschland. Und es war noch nie so einfach, die Bauern auf die Straße zu bekommen. Es brodelt!
Frage: Warum? Der Protest in den Niederlanden richtet sich gegen Regierungspläne, die nur für die Niederlande gelten. Warum sollen da deutsche Bauern demonstrieren?
Antwort: Ich merke, dass viele Bauern in Deutschland aufgewacht sind. Es gab tatsächlich noch viele Landwirte, die von den ganzen Diskussionen um den Regulierungswahn hierzulande nichts mitbekommen haben, die einfach weitergeackert haben. Aber die Schüsse auf einen Bauernjungen auf seinem Trecker in den Niederlanden haben alle Bauern mobilisiert und betroffen gemacht. Dass die Bauern politischer Spielball sind gilt auf beiden Seiten der Grenze. Wir werden in Deutschland massiv auf die Straße gehen.
Frage: Wogegen? In Deutschland soll kein Landwirt gezwungen werden, den Stickstoff-Ausstoß seines Hofes um 95 Prozent zu reduzieren.
Antwort: Nun ja, wir in Deutschland haben die Debatte um Nitrat und das Grundwasser. Das ist vergleichbar. Unter den Landwirten hat sich noch gar nicht ganz rumgesprochen, was da gerade politisch festgezurrt wurde: In vielen Regionen werden die Bauern bald nur noch deutlich weniger Dünger ausbringen dürfen. Das wurde einfach so durchgeboxt im Bundesrat. Egal, ob die Betriebe nun tatsächlich die Verursacher der mutmaßlichen Nitratbelastung sind oder andere Emittenten. Schließlich basieren die Maßnahmen auf Werten aus dem Jahr 2012 und sind dann noch nicht einmal repräsentativ: Deutschland hat die schlechtesten Werte nach Brüssel gemeldet, andere Länder nur Durchschnittswerte. Das ist wie in den Niederlanden: Da werden die Bauern einseitig belastet und andere kommen ungeschoren davon.
Frage: Halt, halt. Das wird zwar behauptet, aber tatsächlich gibt es ja auch Einschränkungen für andere Bereiche in den Niederlanden: Filtervorschriften für die Industrie oder das landesweite Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen…
Antwort: Nun gut. Aber in Deutschland werden die Bauern bei Thema Nitrat immer einseitig in die Verantwortung genommen, obwohl wir selbstverständlich nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen im Sinne der Nachhaltigkeit arbeiten. Wir sollen innerhalb riesiger roter Gebiete 20 Prozent unter dem Bedarf einer Pflanze düngen, das heißt: Schlechtere Qualität beim Getreide und damit am Ende auch weniger Ertrag. Wenn das alle Bauern realisiert haben, wird es unbequem in Deutschland. Das ist der Initialfunke. Obendrauf kommt ja noch der ganze andere Quatsch. Wo sollen wir beispielsweise überhaupt Dünger herbekommen, wenn Russland keinen Kunstdünger liefert und in Deutschland die Tierbestände reduziert werden sollen. Mit was sollen wir düngen?
Frage: Nitrat in Deutschland, Stickstoff in den Niederlanden: Das sind jahrzehntealte Diskussionen und Probleme, die nie gelöst worden sind. Hat die aktuelle Landwirtsgeneration nicht einfach nur das Pech, dass nun Ernst gemacht wird?
Antwort: Ja, sicher, in der Vergangenheit spielte das Grundwasser beim Düngen in manchen Regionen und bei manchen Bauern sicher keine Rolle. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber: Es wird in der aktuellen Diskussion gar nicht anerkannt, was Bauern schon geleistet haben in den vergangenen Jahren: Allein in Niedersachsen haben die Landwirte 37 Prozent Stickstoff seit 2017 eingespart. Das ist ein Erfolg. Statt das anzuerkennen, wird immer mehr gefordert. Das überfordert die Bauern. Etwa der Green Deal der EU-Kommission, der die Produktivität der Landwirtschaft weiter drücken wird, weil er den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln drastisch reduzieren, was Missernten und weniger Erträge zur Folge haben wird. Wahnsinn! Und gleichzeitig importieren wir weiter Ware, für die solch strenge Vorschriften nicht gelten.
Frage: Widersprechen Sie sich da nicht selbst? Die niederländische Landwirtschaft exportiert 60 Prozent ihrer Produkte. Hauptzielland ist Deutschland. Noch vor wenigen Wochen wurde beklagt, dass in den Niederlanden beispielsweise Ferkel weiter ohne Betäubung kastriert werden dürfen. Nun solidarisiert man sich mit den Konkurrenten, die gerade noch kritisiert wurden. Wie passt das denn zusammen?
Antwort: Es geht jetzt um etwas Größeres. Aber natürlich müssen in Europa für alle die gleichen Vorgaben gelten. Dass das nicht so ist, ist katastrophal. Was ist das Ergebnis in den Niederlanden und auch in Deutschland? Das sind Landwirte, die bewirtschaften ihren Hof jetzt in der zehnten oder elften Generation. Und jetzt sollen sie diejenigen sein, die den Laden dicht machen. Kein Wunder, dass die auf die Barrikaden gehen. Die Bauern haben auch ihren Stolz.
Frage: Sie zeichnen ein Bild von Bauern als ewige Opfer. Die Klagekultur der Branche ist ja schon sprichwörtlich. Was ist denn die Erwartungshaltung? Dass die Bevölkerung am Ackerrand steht und applaudiert?
Antwort: Bloß nicht. Das haben wir ja bei den Pflegekräften gesehen, dass das nichts bringt. Die Landwirtschaft hat vor Jahren verpasst, die Öffentlichkeit mitzunehmen bei dem, was man macht. Da wurden schwere Fehler gemacht, mit denen die jetzigen Bauern zu kämpfen haben. Wir müssen die Bevölkerung zurückgewinnen.
Frage: Wo wollen Sie denn hin? Weiter Vollgas? Größere Ställe? Größere Äcker? Mehr Pflanzenschutzmittel?
Antwort: Das wurde doch jahrelang politisch gefördert. Immer größer, immer mehr. Da können Sie nicht nur die Landwirte für verantwortlich machen. Der Effekt sind sicher die günstigen Lebensmittelpreise in den zurückliegenden Jahren gewesen. Das ist jetzt vorbei in Zeiten des Ukraine-Krieges. Wir müssen als Gesellschaft Verzicht lernen. Das werden harte Zeiten. Und nein, ich halte eine Landwirtschaft, die nur auf Wachstum setzt, für falsch. Deshalb fordern wir auch eine klare Herkunftskennzeichnung, die eine Wettbewerbsgleichheit herstellen kann und im Sinne des Verbrauchers ist.
Frage: Wer wird der Adressat des Protestes in Deutschland sein? Politik? Handel? Oder wird die Ansage wie in den Niederlanden sein, wo die Landwirte loszogen, um das gesamte Land lahm zu legen.
Antwort: Der Adressat wird die Politik sein. Denn die muss handeln. Auch gegen die starke Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel. Denn natürlich leiden die Bauern unter dem Oligopol Lidl, Aldi, Edeka und Rewe. Das kann auch so nicht weitergehen. Wie dieser Protest aussehen wird? Mal schauen. Die Probleme der Landwirtschaft sind vielfältig. Uns wird die Grundlage für unsere Arbeit entzogen. Das betrifft Tierhalter genauso wie Ackerbauern. Wir werden auf jeden Fall auf die Straße gehen und der Protest wird sehr laut. Wir wehren uns dagegen, dass man uns abschafft.
Frage: Herr Lee, Sie formulieren provokant bis populistisch. Kann eine solche Sprache nicht auch zu einer Radikalisierung der Branche führen? Zu einer Weigerung, selbst notwendigen Änderungsbedarf zu akzeptieren?
Antwort: Die Gefahr gibt es sicherlich. Ich werde niemals Gewalt rechtfertigen. Und das wird es bei uns in Deutschland hoffentlich auch nicht geben. Was wir brauchen, ist die Masse an Landwirten und anderer Bereiche, die ebenfalls betroffen sind, um die Dimension der Probleme deutlich zu machen. Wir stellen mit dem nachgelagerten Bereich die meisten Arbeitsplätze in Deutschland. Anders wird es die Politik nicht verstehen. Was auch viele unserer Kritiker nicht verstehen: Wir haben mehr Schnittmengen mit Fridays For Future als das viele wahrhaben wollen. Wir Bauern können Ökologie, Naturschutz und die Erzeugung von hochwertigen Lebensmittel miteinander vereinbaren. Das haben nur noch nicht alle verstanden. Wir sind gesprächsbereit und lösungsorientiert. Aber man haut nur auf die Bauern drauf. Wo ist da die Kompromissbereitschaft? Die Bauern sind grüner als die Grünen.
Frage: Wo ist denn Ihre Kompromissbereitschaft? Bislang haben Sie vor allem gesagt, wogegen Sie sind.
Antwort: Wir können doch bei Vorhaben gegen „gute fachliche Praxis“ und wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht kompromissbereit sein. Wie kann man beispielsweise jetzt vier Prozent der Ackerfläche aus der Produktion nehmen, wenn die weltweite Getreideernte wegbricht? Da kann man doch nur dagegen sein, weil der Hunger in der Welt verschärft wird. Pardon, aber das ist einfach dumm.