Osnabrück Wie geht es weiter mit der Documenta fifteen?
Das war ein Paukenschlag mit Ansage: Die Trennung von Sabine Schormann, Generaldirektorin der Documenta, hat nicht wirklich überrascht. Aber wie geht es nun weiter mit der Weltkunstschau?
Neustart für die Documenta: Jetzt braucht die Documenta, was sie eigentlich mit jeder ihrer Ausgaben immer selbst sein sollte: ein Neustart. Die Welt neu erfinden, indem man sie neu sehen lehrt – das ist Programm und Leistung des Kunstformats seit Jahrzehnten. Aber dieser Motor kultureller Entwicklung braucht jetzt selbst Starthilfe. Die Präsentation antisemitischer Bildmotive war nicht nur fahrlässig und taktlos, sie hat vor allem der kulturellen Glaubwürdigkeit der Documenta schweren Schaden zugefügt. Judenhetze ausgerechnet dort, wo Joseph Beuys seinerzeit sein Projekt der „7000 Eichen“ startete: Die Macher der Documenta fifteen waren so gedankenlos, dieses Desaster auch noch auf dem Friedrichsplatz, also in der räumlichen und programmatischen Mitte der Documenta inszenieren zu lassen. Was für ein Tiefpunkt!
Schormann und Ruangrupa: Sabine Schormann schmückte sich mit dem pompösen Titel einer Generaldirektorin der Documenta, wollte aber, als Schwierigkeiten auftauchten, nur noch ihre Geschäftsführerin sein. Die Erklärung, die Schormann in eigener Sache noch am letzten Dienstag herausgab, klang nach kleinlicher Abwiegelei. Und Ruangrupa? Das Kuratorenkollektiv reagierte auf den Skandal um antisemitische Bilder mit dürren Entschuldigungen und hilflosen Gesten. Statt zu kommunizieren zogen sich die künstlerisch Verantwortlichen in befremdliche Sprachlosigkeit zurück. Ob Schormann oder Ruangrupa: Die Verantwortlichen der Documenta wirken naiv und überfordert. Dabei sollte die erfahrene Kulturmanagerin Sabine Schormann nach dem Desaster um das Millionendefizit der letzten Documenta 2017 für Stabilität, das Kuratorenkollektiv Ruangrupa für Kreativität sorgen. Beides hat nicht funktioniert.
Der globale Süden: Die Documenta fifteen sollte den Blick für den globalen Süden weiten, neue Perspektiven der Kooperation und des Dialogs eröffnen. Nach einem Drittel ihrer Laufzeit scheint dieses Ziel der Documenta verfehlt. Wer redet noch von Lumbung, der gemeinsam geteilten Reisscheune, als Symbol für Gemeinschaft und Nachhaltigkeit? Wer kann noch das offizielle Logo der Documenta mit den ineinander verschlungenen Händen anschauen, ohne sich dabei unwohl zu fühlen? Der Kontakt mit dem globalen Süden erweist sich vorerst als Misserfolg. Der Skandal um antisemitische Bilder überdeckt auch deshalb alles, weil er Missverständnisse und Sprachlosigkeit sichtbar gemacht hat. Künstlerkollektive wie Ruangrupa oder Taring Padi fordern Aufmerksamkeit für ihre Belange ein, nehmen aber Themen und Diskurse des Landes, das die Documenta ausrichtest, nicht wirklich zur Kenntnis. Nur so ist das Desaster um antisemitische Bilder auf der Documenta zu erklären. Eine Desillusionierung.
Wer macht eigentlich was? Als es eng wurde, sind sie alle geflüchtet: Die Documenta-Macher haben auf den Antisemitismus-Skandal fatal, weil passiv reagiert. Sie fanden keine Sprache, kein Miteinander, kamen in den Wochen der Debatte um die Bilder von Taring Padi niemals in die Offensive. Die Documenta erweist sich als Kunst-Kreuzfahrer, auf dem niemand auf der Brücke steht. Ruangrupas Praxis, Kooperation einfach ausfransen zu lassen und den Kontrollverlust schick und kreativ zu finden, reicht nicht hin, um ein Kunstformat von Weltgeltung verlässlich zu führen. Sabine Schormann machte den Fehler, sich von dieser falschen Kunstromantik einlullen zu lassen. Jetzt stehen Strukturreformen an, die wohl vor allem dem Bund als wichtigem Geldgeber ein neues und verstärktes Gewicht im Aufsichtsrat bringen werden. Das ist auch überfällig.
Ist das Kunst…? Wie geht der Satz weiter? Richtig: Oder kann das weg? Vom Buchtitel zum naseweisen Slogan für den Partydiskurs – diese Formel hat es in den Alltagswortschatz der Deutschen geschafft. Jetzt bringt sie das Dilemma der Documenta fifteen auf den bitteren Punkt. Ist das noch Kunst und wie weit geht ihre Freiheit, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht? Die Bildtransparente von Taring Padi sind nicht nur in sich selbst misslungen, sie nehmen auch der Kunst ihren Nimbus, ein Medium der Aufklärung und besseren Welterkenntnis zu sein. War Gegenwartskunst nicht immer schon die Sache leichtfertiger Scharlatane? Wer diesem Irrglauben noch immer anhängen wollte – die Documenta liefert ihm nun frische Belege. Jetzt muss wieder klarwerden, dass Kunst etwas mit Qualität und Auswahl zu tun hat, gerade in Kassel und umso mehr, da der Kunstbegriff grenzenlos ausgeweitet scheint.