Hamburg  Wölfe gezielt bejagen? Das sagt die Bundesregierung dazu

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 18.07.2022 14:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Den Bestand der Wölfe in Deutschland durch Bejagung begrenzen? Das Bundesumweltministerium sieht dafür keine rechtliche Grundlage. Foto: dpa
Den Bestand der Wölfe in Deutschland durch Bejagung begrenzen? Das Bundesumweltministerium sieht dafür keine rechtliche Grundlage. Foto: dpa
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Der Wolf breitet sich in Deutschland immer weiter aus. Allein durch Niedersachsen könnten bald 1200 Exemplare streifen, schätzte kürzlich Landesumweltminister Olaf Lies (SPD) auf Basis einer wissenschaftlichen Untersuchung. Seine Konsequenz: Einzelne Raubtiere müssen geschossen werden. Das Bundesumweltministerium in Berlin sieht das anders.

Wie viele Wölfe sind genug, damit der Bestand des Raubtieres offiziell nicht mehr als gefährdet gilt? Für Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) ist die Grenze längst überschritten. Etwa 350 Tiere streifen mittlerweile durch das nordwestliche Bundesland. In wenigen Jahren könnten es schon 1200 allein in Niedersachsen und der Wolf überall in Deutschland vertreten sein.

Eine Studie im Auftrag der Landesregierung in Hannover kam kürzlich zu dem Schluss: Eine erneute Ausrottung des Wolfes ist selbst dann unwahrscheinlich, wenn einzelne Tiere durch Menschen getötet werden. Lies präsentierte die Ergebnisse und forderte die Bundesregierung auf, das umzusetzen, worauf sich die Ampel-Parteien in Berlin geeinigt hatten: ein regionales Bestandsmanagement.

Das bedeutet nichts anderes, als Wölfe gezielt in solchen Regionen zu bejagen, in denen ausreichend Raubtiere vorhanden sind. Oder wo sie die Weidetierhaltung an Deichen gefährden. Bislang sind Abschüsse nur dann erlaubt, wenn ein Wolf nachweislich mehrfach Zäune überwunden und Nutztiere angegriffen hat. So ein Nachweis gilt aber als schwierig.

Bislang erstreckt sich die Verbreitung der Wölfe vor allem auf die ostdeutschen Bundesländer und Niedersachsen. In anderen Ländern treten die Raubtiere nur vereinzelt in Erscheinung. Aber schon in wenigen Jahren, auch das ein Ergebnis der Untersuchung aus Niedersachsen, könnten sie in ganz Deutschland wieder sesshaft geworden sein.

Die Bundesregierung sieht aber trotzdem keine Möglichkeit, das Versprechen aus dem Koalitionsvertrag umzusetzen. Eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums teilte auf Anfrage unserer Redaktion mit: „Die Anforderungen an das Wolfsmanagement ergeben sich unmittelbar aus dem europäischen Naturschutzrecht. Dieses schließt ein Management einfach durch Abschuss einer bestimmten Anzahl von Wölfen aus.”

Die Forderung nach einem europarechtskonformen regionalen Bestandsmanagement sei gleich “der Quadratur des Kreises”. Das Ministerium suche daher „nach vernünftigen Lösungen, die der Weidetierhaltung und dem Schutz unserer Natur gerecht werden”, so die Sprecherin.

Der zuständige Unterabteilungsleiter im Ministerium hatte im Gespräch mit unserer Redaktion kürzlich Vital-Halsbänder für Schafe als Beispiel genannt. Durch diese könnten Schäfer gewarnt werden, sollten sich Wölfe einer Herde nähern.

Die Nutztierhalter sind die Bevölkerungsgruppe mit den größten Problemen durch den Wolf. Allein in Niedersachsen registrierten die Behörden im vergangenen Jahr 645 durch den Wolf getötete Schafe, Rinder aber auch Ponys. Wurden notwendige Schutzmaßnahmen wie beispielsweise eine wolfsabweisende Umzäunung eingehalten, gibt es für die Kadaver eine Entschädigung.

In Mecklenburg-Vorpommern waren es ausweislich amtlicher Zahlen knapp 200 Nutztiere, die der Wolf riss. Die Landesregierung in Schleswig-Holstein konnte auf Nachfrage keine konkrete Zahl nennen, verwies stattdessen auf eine Auswertung im Internet, in der teils weit mehr als ein Jahr zurückliegende Fälle noch nicht ausgewertet sind. Demnach starben im Norden 36 Nutztiere nach Wolfsangriffen, 11 mussten aufgrund ihrer Verletzungen eingeschläfert werden. Mindestens.

Niedersachsens Umweltminister Lies warnte davor, dass zunehmend die „Akzeptanzgrenze” der Bevölkerung für den Wolf erreicht werde - nicht nur bei Schäfern, sondern in der Bevölkerung allgemein. Mit der zunehmenden Ausbreitungen würden auch die Begegnungen mit Menschen zunehmen. Ein Grund mehr für Lies, die Ausbreitung zumindest zu verlangsamen. Dazu müssten allerdings Bundesgesetze angepasst werden, auf die er als Landesminister keinen Einfluss hat.

Das Bundesministerium indes sagt, dem Staat komme eine besondere Verantwortung für die Erhaltung des Wolfes zu. „Er darf deshalb nicht einfach abgeschossen werden.” Die Fronten bleiben also verhärtet, Studie hin oder her.

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