Überlebende des Holocaust  So wurde ein jüdisch-polnisches Schicksal zu einem Auricher Projekt

| | 19.07.2022 19:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Esther Wallheimer mit ihrem Bruder Motek, der im Ghetto Litzmannstadt an der Krankheit Ruhr starb. Foto: Privat
Esther Wallheimer mit ihrem Bruder Motek, der im Ghetto Litzmannstadt an der Krankheit Ruhr starb. Foto: Privat
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Esther Wallheimer wollte als Überlebende des Holocaust nie wieder nach Deutschland kommen. Jetzt wurden ihre Erinnerungen über viele Umwege mit Auricher Hilfe auf Deutsch veröffentlicht.

Aurich - Nein, sie wollte nie nach Deutschland kommen. Das hatte sich Esther Wallheimer als 1927 im polnischen Lodz geborene Jüdin fest vorgenommen. Damals hieß sie noch Luxembourg. An ihrem Vorsatz hatte sie lange festgehalten. Jetzt ist ausgerechnet im Land ihrer Peiniger die Geschichte ihres Lebens in den Jahren 1939 bis 1945 als Buch erschienen. Das auf Hebräisch geschriebene Manuskript war auf verschlungenen Wegen aus ihrem Heimatort Karkur in Israel nach Aurich gelangt. „Macht damit, was ihr für richtig haltet“, sollen die Worte gewesen sein, die bei der Übergabe gefallen sind.

Was und warum

Darum geht es: Eine Geschichte darüber, was ein polnisch-jüdisches Schicksal in der Stadt Lodz mit Aurich zu tun hat.

Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte und Menschen, denen die Erinnerungskultur wichtig ist

Deshalb berichten wir: Die Geschichte hinter dem Buch hat uns fasziniert.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Dann ist der Bote, Stolperstein-Pate Rainer Gleibs, mit diesem Schatz nach Hause gefahren. Das war in Esther Wallheimers Todesjahr 2008. Bei ihm blieben die Erinnerungen lange ungelesen, denn die waren auf Hebräisch geschrieben. „Das ist eine schwierige Schriftsprache ohne Vokale, in der man Sätze im Zusammenhang lesen und verstehen muss“, sagt Günther Lübbers, der den Arbeitskreis „Stolpersteine“ für die Deutsch-Israelische Gesellschaft Ostfriesland leitet. Lesen und übersetzen konnte sie deshalb lange niemand. Die Erlebnisse kannte bis dahin nur Esthers Tochter Vered, die der Überlebenden kurz vor ihrem Tod im Jahr 2008 beim Schreiben half.

Günther Lübbers mit Berni und Esther Wallheimer nach der Ankunft 1994 in Edam. Foto: Lübbers
Günther Lübbers mit Berni und Esther Wallheimer nach der Ankunft 1994 in Edam. Foto: Lübbers

Lange blieben die Erlebnisse ein Geheimnis

So blieben die Erlebnisse lange verborgen. Rainer Gleibs hatte laut Lübbers versucht für die Übersetzung die Stadt Aurich zu gewinnen. Die hatte, wie andere, abgelehnt. Die Jahre gingen dahin. „Auch die eigene Familie kannte die Geschichte lange nicht“, sagt Lübbers. Ein Phänomen, das er bei vielen Holocaust-Überlebenden beobachtet hat. „Nach den traumatischen Erlebnissen wollen die Überlebenden alles hinter sich lassen, die Familie damit nicht belasten“, ist seine Vermutung. Aber das Erlebte lastet auf der Seele. „Es aufzuschreiben, ist für manche wie eine Therapie.“

Inzwischen hat der Auricher das Skript, das den fast 4000 Kilometer langen Weg zurückgelegt hat, in einem dicken Aktenordner abgeheftet. Zusammen mit der langen Geschichte, wie daraus ein Buch geworden ist. Auf dem Skript klebt ein gelber Notizzettel. „Ich möchte leben“, liest Lübbers vor. Diesen Titel hat die Autorin ihren Erinnerungen gegeben. Das daraus entstandene Buch ist unter dem Titel „Ein riesiges Gefängnis – Erinnerungen an das Ghetto Litzmannstadt“ erschienen. Litzmannstadt war der deutsche Name, den die Besatzer der Stadt Lodz gegeben hatten.

Viele Erinnerungen sind nur schwer zu ertragen

Was es mit ihm macht, solche Erinnerungen zu lesen? „Vor allem Berichte über Menschen, die nicht überlebt haben, fallen mir mit der Zeit immer schwerer“, sagt Lübbers. „Was passiert ist, ist für mich so unfassbar, dass ich damit immer schwerer umgehen kann“, sagt er. Trotzdem besucht er Gedenkstätten, berichtet darüber in einem Blog. „Das mache ich für die Hinterbliebenen. Es gibt ihnen ein gutes Gefühl, wenn sie sehen, wie in Deutschland die Erinnerungskultur gepflegt wird.“ Das sieht er an den Rückmeldungen. Er wird damit nicht aufhören, auch wenn es ihm schwerfällt. „Für viele ist es der einzige Weg, aus der Ferne daran teilzuhaben.“

Berni und Esther Wallheimer 1994 beim ehemaligen Auricher Bürgermeister Wolfgang Ontijd im Rathaus. Foto: Lübbers
Berni und Esther Wallheimer 1994 beim ehemaligen Auricher Bürgermeister Wolfgang Ontijd im Rathaus. Foto: Lübbers

Auch Stationen im Leben von Esther Wallheimer hat er besucht. Den Verladebahnhof Radegast mit dem Ziel Auschwitz. Auch das Vernichtungslager blieb Esther Wallheimer nicht erspart. Ihre Geschichte ist räumlich eng verknüpft mit der vieler Auricher Juden. Auch im Ghetto Litzmannstadt starben viele. Dort verlor Esther Wallheimer ihren Bruder Motek im Alter von acht Jahren an die Ruhr und den Hunger. Das Ghetto war auch der Tod für Karoline Käthe Hess, die in der Wallstraße 56 in Aurich gelebt hatte. Auch Kossmann Oskar Hartog aus der Wallstraße 46 wurde dort ermordet – und viele mehr. Die Welt ist klein, wenn es um die Gräuel der damaligen Schreckensherrschaft geht.

Viele Verbindungen nach Aurich

Das Schicksal von Esther Wallheimer hat Günther Lübbers in Etappen gelesen. Immer so, wie die Übersetzerin die Seiten schickte, die nach vielen Jahren gefunden wurde: Auch Schulamit Wolffs-Mariuma aus Tel Aviv, von der Israelisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer, hat Verbindungen nach Aurich. Ihr Vater ist hier geboren. Dank Wolffs-Mariuma kann jetzt jeder lesen, warum Esther Wallheimer so lange gezögert hat, bis sie mit ihrem Mann dessen Auricher Heimat besuchte. Denn als sie zusagte, es zu übersetzen, sagte auch die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin zu, das Buch heraus zu bringen.

Berni und Esther Wallheimer bei ihrem ersten Besuch in Aurich bei Günther Lübbers und seiner Frau. Foto: Lübbers
Berni und Esther Wallheimer bei ihrem ersten Besuch in Aurich bei Günther Lübbers und seiner Frau. Foto: Lübbers

Beim zweitem Besuch ihres Mannes im Jahr 1994 willigte Esther Wallheimer das erste Mal ein mitzukommen. Günther Lübbers hat noch Fotos von damals. Das Paar nach der Ankunft am Flughafen von Amsterdam. Das Paar lachend auf seinem Sofa. „Es war, als würden sich Freunde treffen“, erinnert er sich. Überschwänglich war die Erleichterung darüber, dass die neuen Deutschen nichts mehr gemeinsam haben mit denen, an die Esther Wallheimer sich erinnerte. Seit 1992 ist Lübbers selbst in der Erinnerungsarbeit aktiv. Er trifft Menschen aus der ganzen Welt, deren Schicksal mit Aurich verbunden sind. Seine Augen strahlen. Noch immer sind diese Begegnungen ein großer und wertvoller Teil seines Lebens.

„Bis ich 38 Jahre alt war, hatte ich selbst kaum eine Vorstellung davon, was im Zweiten Weltkrieg passiert war“, erklärt er. „Der Geschichtsunterricht hatte in der Schule die beiden Weltkriege ausgespart.“ Umso mehr setzt er sich 30 Jahre später noch immer dafür ein, dass Erfahrungen wie die von Esther Wallheimer nicht vergessen werden. Hat er während der Zeit jemals Deutsche kennengelernt, die den Menschen aus den Erinnerungen ähnlich waren? „Zum Glück nicht, aber das Böse kann in jedem lauern. Deshalb ist es wichtig, über die Auswirkungen von Hass zu sprechen.“ Gerade vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges sei das wieder wichtig.

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