Hamburg Schweinepest: Werden Schweine Hunderte Kilometer zum Schlachten gefahren?
Langsam wird es in manchem Stall in Niedersachsen eng. Nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in einem Betrieb im Emsland stellt sich die Frage: Wohin mit all den Schweinen aus der Sperrzone? Es geht um 200.000 Tiere, die über kurz oder lang geschlachtet werden müssen.
Als die Seuche ins Emsland kam, begannen für viele Bauern die Probleme. Zwar wurde ein Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) bislang nur auf einem Betrieb nachgewiesen, und auch nur auf einem weiteren wurden Schweine vorsorglich getötet. Die indirekten Auswirkungen der Pest bekommen aber knapp 300 Landwirte ziemlich unmittelbar zu spüren. Und das, obwohl ihre Tiere gesund sind.
Der Grund: Um den Ausbruchsherd herum wurde eine Sperrzone gezogen, Radius zehn Kilometer. Innerhalb des Radius werden gut 200.000 Schweine gehalten, verteilt auf das Emsland und die angrenzende Grafschaft Bentheim. Erreichen die Tiere ein Gewicht von 110 bis 120 Kilogramm, gelten sie als schlachtreif.
Normalerweise kommt dann ein Viehtransporter und bringt die Tiere zum Vertragsschlachthof des Landwirts. Aber in der Seuchenzone ist nichts normal. Um eine Ausbreitung des Virus zu unterbinden, dürfen Schweine nicht transportiert werden. Bis zu 90 Tage könnte die Sperrzone Bestand haben.
Über kurz oder lang führt das zu Tierschutzproblemen in den Ställen. Denn die sind darauf ausgelegt, dass schlachtreife Tiere auch tatsächlich die Höfe verlassen und nicht noch dicker werden. Sonst wird es schnell zu eng. Bis zu 8000 Tiere sollen es sein, die in der Sperrzone pro Woche schlachtreif werden, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium in Hannover.
Ein Transport wäre mit einer Ausnahmegenehmigung möglich: Das Veterinäramt im Emsland oder in der Grafschaft Bentheim müsste diese genauso gegenzeichnen, wie die Amtsärzte am Zielort ⎼ sprich am Schlachthof.
Allerdings: Bislang steht noch nicht fest, wohin eigentlich die Transporter zum Schlachten fahren könnten. Einerseits ist die Vermarktung des Fleisches eingeschränkt. Es muss stark erhitzt und darf höchstens in Dosenform verkauft werden. Das lässt die Gewinnspanne der Schlachter und der angeschlossenen Vermarkter stark schrumpfen. Andererseits sorgen sich die Betriebe um ihre Exportlizenzen, wenn sich im Ausland rumspricht, dass sie Schweine aus ASP-Sperrzonen schlachten. Selbst dann, wenn die Tiere selbst nicht infiziert sind.
Dem Vernehmen nach haben in den vergangenen Tagen „intensive Gespräche” dazu stattgefunden, wer denn nun wo schlachten könnte. Dabei gebe es im näheren Umfeld eine ganze Reihe größerer und kleinerer Betriebe, wie diese Karte zeigt.
Doch das Agrarministerium in Hannover bestätigt, dass sich bislang kein Betrieb aus Niedersachsen bereit gefunden hat, die Aufgabe übernehmen. Weitere Angaben wollte die Behörde nicht machen.
Aus informierten Kreisen heißt es allerdings, dass derzeit davon ausgegangen wird, dass die Tiere an drei bis vier Standorte außerhalb des Bundeslandes gehen: an einen Tönnies-Betrieb in Weißenfels in Sachsen-Anhalt, einen Vion-Betrieb in Betrieb in Perleberg, Brandenburg, sowie zwei kleinere Schlachthöfe in Nordrhein-Westfalen in Hamm (Westfleisch) und Geldern (Manten).
Wann die ersten Transporter fahren, ist unklar. Aus der Schlachtbranche heißt es, es seien vorher noch einige Dinge zu klären. Kommt es so wie von einigen erwartet, stehen den Schweinen somit möglicherweise noch lange Fahrten bevor. Zwischen Weißenfels oder Perleberg und dem Emsland liegen weit mehr als 400 Kilometer.
Ein weiteres Problem: In der Sperrzone liegen viele Sauenbetriebe, in denen Ferkel zur Welt kommen. Diese werden normalerweise an spezialisierte Mäster abgegeben, die die Tiere großziehen. 3000 Tiere erreichen nach offiziellen Zahlen pro Woche die sogenannte Marktreife und müssten eigentlich in größere Ställe transportiert werden.
Aber auch diese Kette ist unterbrochen. Transporte sind nicht ohne Weiteres möglich. Die Ferkel in Ställe außerhalb des Zehn-Kilometer-Radius zu bringen, ist untersagt. Und innerhalb des Radius gilt die Unterbringung der kleinen Schweine zumindest als schwierig. Von Solidaritätsappellen innerhalb der Branche ist schon die Rede.
So oder so: Die 300 Betriebe innerhalb der Sperrzone werden durch die ASP Geld verlieren. Manche, aber längst nicht alle, haben eine Versicherung dagegen abgeschlossen. Derzeit wird darüber verhandelt, ob das Land Niedersachsen den Betrieben eine Beihilfe zahlen soll. Vertreter der Landwirtschaft hatten sich dafür ausgesprochen.
Ansonsten, so heißt es, würden einige der Betriebe innerhalb der Sperrzone vor der baldigen Pleite stehen. Die Auflagen gelten einstweilen noch bis Mitte Oktober.
Die Grünen im Landtag sehen Fehler bei der Landesregierung, weswegen nun eine weitere wirtschaftliche Katastrophe drohe in der Schweinehaltung. Miriam Staudte, agrarpolitische Sprecherin, sagte: „Leider ist vom Agrarministerium versäumt worden, im Vorfeld die genauen Abläufe für diesen Fall festzulegen und auch Vermarktungswege mit Schlachthöfen und Lebensmitteleinzelhandel abzusprechen.“
Staudte kritisierte zudem, dass nach Bekanntwerden des Ausbruchs am 1. Juli einige Zeit verstrichen sei, bis Schutzmaßnahmen wie die Sperrzone in Kraft traten. „Das hätte natürlich dazu führen können, dass kranke Tiere noch durchs Land gefahren werden. Es war reines Glück, dass dies nicht zu einer Ausbreitung der Seuche geführt hat.“
In einer parlamentarischen Anfrage an die Landesregierung will sie nun wissen, ob rund um den Ausbruch vermehrt Schweine transportiert worden sind.