Hamburg  Ina Müller: Wie sie vor 15 Jahren „Inas Nacht“ erfand

Daniel Batel
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Von Daniel Batel
| 21.07.2022 12:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Ina Müller begrüßt bei „Inas Nacht“ den Musiker Marius Müller-Westernhagen. Die neuen Folgen der Late-Night-Show starten heute um 23.35 Uhr im Ersten. Foto: NDR/ARD/dpa/Morris Mac Matzen
Ina Müller begrüßt bei „Inas Nacht“ den Musiker Marius Müller-Westernhagen. Die neuen Folgen der Late-Night-Show starten heute um 23.35 Uhr im Ersten. Foto: NDR/ARD/dpa/Morris Mac Matzen
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Die Kultsendung „Inas Nacht“ feiert Jubiläum. Seit 15 Jahren sabbelt Ina Müller mit Star-Gästen in einer Hamburger Kneipe. Das Format hat sie sich selbst ausgedacht, wie sie im exklusiven Interview verrät.

Von Anfang an hatte das Talkformat „Inas Nacht“ Erfolg, für die Sendung hagelte es diverse Preise. Aber das war nicht immer so: Im Interview erzählt Müller, wie ihre Kindheit ihr Verhältnis zu Geld geprägt hat.

Frage: Frau Müller, als Sie eingeschult wurden, haben Sie nur Plattdeutsch gesprochen. Heute lernen die wenigsten Kinder im Norden die Sprache überhaupt noch. Besteht die Gefahr, dass sie ausstirbt?

Antwort: Ich fürchte, ja. Aber der Mensch war ja auch mal behaarter als heute, irgendwann hat die Evolution eingesetzt. Genauso, denke ich, verhält es sich mit Sprachen. Wenn sie nicht mehr gebraucht wird, stirbt sie aus. Das Plattdeutsche wird in meinen Augen heute eher künstlich am Leben gehalten. Auf der einen Seite finde ich das gut, weil es meine Muttersprache ist und ich mir wünsche, dass sie erhalten bleibt. Auf der anderen Seite finde ich, dass sich die Sprache nicht mehr richtig entwickelt. Die ganzen neuen Ausdrücke fehlen, oder sie werden künstlich hergestellt. Eine CD heißt dann „Spegelplatt“ und so geht es mit vielen Wörtern.

Frage: Gibt es Ihrer Meinung nach einen Missbrauch der plattdeutschen Sprache?

Antwort: Manche benutzen sie kommerziell und sagen: Wenn es auf Hochdeutsch nicht klappt, lass es uns auf Platt versuchen – das verkauft sich gut. Mich stört auch, dass Platt oft mit Mistforken und Hühnern inszeniert wird. Leute in meinem Alter, die mit Platt aufgewachsen sind, gucken heute doch auch Netflix und hören Spotify. Da muss man doch das Plattdeutsche nicht ständig in diesen Kontext einbetten. Ich hätte gerne mit meinen Plattdeutsch-Lesungen und Geschichten weitergemacht, aber ich habe gemerkt, dass ich dadurch zu doll auf dieses Heimatthema festgenagelt wurde.

Regelmäßig singt Ina Müller auf Plattdeutsch:

Lesen Sie auch: Warum Ina Müller nicht auf dem Dorf leben will

Frage: Vor Ihrer Bühnenkarriere haben Sie in Apotheken gearbeitet. Wie stehen Sie heute zu Ihrem Wohlstand?

Antwort: Wohlstand, das Wort habe ich auch lange nicht mehr gehört! Ich bin in meiner Kindheit ohne Taschengeld aufgewachsen, und hatte dadurch erst spät eigenes Geld. Ich erinnere mich noch, wie es sich anfühlte, als mein erstes Ausbildungsgehalt auf meinem Kontoauszug stand. Heute bedeutet Geld für mich vor allem Sicherheit, und manchmal macht mich ein zu teures, unnützes Paar Schuhe leider glücklich, und ich empfinde es als erleichternd, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob ich irgendein Abo abbestellen sollte. Zum Beispiel ein Zeitungsabo hätte ich mir früher nie geleistet, heute leiste ich mir das bewusst.

Frage: Lesen Sie die Apotheken-Umschau?

Antwort: Ja, ich liebe die Umschau. Das ist für mich wie ein Ritual, so wie „Sturm der Liebe“ gucken. Ich bin immer noch von meiner Apothekenzeit geprägt, das waren immerhin zwölf Jahre meines Lebens. Mein Medizinschrank zuhause ist auch immer gut gefüllt.

Frage: Wofür geben Sie am meisten Geld aus?

Antwort: Für Urlaub und gute Hotels. Vor ein paar Jahren war ich mal für zweieinhalb Monate in London, um dort an einer Privatschule einen Sprachkurs zu machen. Für die Zeit habe ich mir eine sauteure Bude in Notting Hill gemietet, dazu die teure Sprachschule, ständig Theaterbesuche für zig hundert Pfund das Ticket, und London an sich als völlig überteuerte Stadt. Als ich meine Ausgaben am Ende mal überschlug, hat es mich fast aus meine neuen Schuhe gehauen.

Frage: Geraten Sie manchmal in Verlegenheit wegen des eigenen Vermögens?

Antwort: Ich war neulich mal für einen Tag bei der Hamburger Tafel, weil ich mich da als Botschafterin engagiere, und da kann es einem schon das Herz zerreißen, wenn man sieht, wie viele Menschen in einer reichen Stadt wie Hamburg ihre Familie nicht satt kriegen - obwohl sie arbeiten gehen. Wir reden hier nicht über Urlaub oder Abos oder Theater. Wir reden hier über Menschen, die nicht genug zu essen haben. Dazu noch das Problem, dass jetzt alles so viel teurer ist. Das heißt, es benötigen noch mehr Menschen Hilfe. Wir brauchen die Tafeln, und die Tafeln brauchen Spenden und Freiwillige, die mithelfen.

Frage: In Ihrem Song „Laufen“ geht es ums Älterwerden. Woran merken Sie, dass Sie älter geworden sind?

Antwort: Ich bin schneller erschöpft als früher. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Hund, der älter wird. Ich muss nicht mehr jedem hinterherrennen, ständig laut rum bellen, überall dabei sein, immer alles viel zu schnell und zu nervös. Und meine Nerven werden immer dünner, der Hintern dafür immer dicker, die Arztbesuche immer häufiger... soll ich weitermachen?

Frage: In Ihrem Song „Eichhörnchen“ geht es um etwas Ähnliches.

Antwort: Da geht es eher um die Schusseligkeit. Das wird ja auch nicht besser wenn man älter wird. Allerdings muss ich zugeben, dass mir das auch schon mit 25 ständig passiert ist. Wo ist der Schlüssel? Wo steht das Auto? Ich habe mir jetzt für meine Vitamin D Tabletten einen Dosierer gekauft und ans Bett gestellt, weil ich nachmittags oft nicht mehr weiß, ob ich sie morgens schon genommen habe. Jetzt öffne ich morgens diese Schatulle, klappe den Dienstag auf und denke jedes Mal: Das ist wirklich das Unsexieste auf der ganzen Welt, ein Tablettendosierer, da wo früher mal die Kondome waren (lacht).

Frage: Sie sind mit Johannes Oerding liiert, wohnen aber alleine. Womit verbringen Sie in ruhigen Momenten Ihre Zeit?

Antwort: Wenn ich einen Tag lang sehr viel Gesellschaft hatte, bin ich danach wirklich gerne allein. Ich faulenze gerne, weil mir Langeweile nichts ausmacht. Ich tanke durch Langeweile wieder Energie auf. Ich kann mir zum Beispiel stundenlang Hundevideos auf YouTube angucken. Da merke ich richtig, wie ich danach einen Oxytocin-Kick und gute Laune bekomme, weil es richtig Spaß machen kann, sich so einen Mumpitz anzusehen.

Frage: Auf den sozialen Netzwerken treiben Sie sich eher nicht rum, wenn Sie mal viel Zeit haben, oder?

Antwort: Ich nehme mir immer wieder vor, endlich aktiver zu werden. Ich habe über 130.000 Follower, darüber freue ich mich so riesig. Es setzt mich aber auch unter Druck. Sie folgen mir ja, das heißt doch, sie erwarten auch was. Und immer wenn ich eine Idee habe, was man posten könnte, fummel‘ ich solange rum, bis ich die Idee schon wieder blöd finde, oder nicht weiß, wie man das zu lange Video schneidet, und dann bin ich auch schon wieder erschöpft (lacht).

Frage: Lassen Sie uns über Ihre Sendung „Inas Nacht“ sprechen. Wer hatte damals die Idee mit den Bierdeckeln?

Antwort: Im Prinzip hatte ich die komplette Sendung schon vor Augen, es musste nur noch eine passende Kneipe gefunden werden. Ich wusste, wir brauchen singende Shanties vor‘m Fenster, eine Musikecke, ein paar Gäste, die Fragen auf Bierdeckel schreiben, und einen Tresen. Eigentlich wollten wir in die Haifischbar, in der schon Heidi Kabel früher eine Sendung hatte. Aber die wurde gerade saniert. Direkt nebenan lag der Schellfischposten. In den habe ich mich sofort verliebt, da stimmte alles.

Frage: Wovor sind Sie aufgeregter: Vor einem Auftritt als Sängerin oder vor einer TV-Aufzeichnung?

Antwort: Vor „Inas Nacht“ bin ich nie aufgeregt. Ich freue mich vor jeder Sendung wie ein Hund aufs Leberwurstbrötchen. Wenn ich auf die Bühne gehe und live singe und erzähle, ist das etwas ganz anderes. Da fängt der Tag schon anders an. Habe ich genug geschlafen, wann kann ich essen, was macht die Stimme, wieso tut die Schulter weh? Da muss um acht einfach alles stimmen. Da kann man nichts schneiden oder wiederholen.

Frage: Ab Oktober geht es für Sie auf große Tournee. Wie lange machen Sie das noch, wenn Sie dabei so eine Anspannung verspüren?

Antwort: Fünf Minuten vor der Show denke ich jedes Mal, ich bin zu alt für den Scheiß. Wirklich! Wenn ich dann auf der Bühne stehe dauert es einen Moment, bevor die Anspannung abfällt, und es anfängt Spaß zu machen. Nach der Show möchte ich NIE wieder etwas anderes machen. Ich glaube, das hat die Natur so eingerichtet. Ich würde gerne Mick Jagger fragen, wie das bei ihm so ist.

Frage: Würden Sie „Inas Nacht“ gerne so lange machen, bis die Kneipe Rollatoren-gerecht umgebaut werden muss, wie Sie selbst einmal gesagt haben?

Antwort: Ich könnte mir im Moment überhaupt nicht vorstellen, keine Konzerte mehr zu spielen, oder die Sendung nicht mehr zu drehen. Ich mache beides einfach so lange, wie es mir Spaß macht, solange, wie das Publikum Bock drauf hat, und die Sendung so lange, wie der NDR uns den ganzen Bums bezahlt.

Frage: In „Inas Nacht“ geht es viel um Musik. Sie geben Nachwuchskünstlern oft eine Chance, die später zu Stars werden – Dua Lipa zum Beispiel. Haben Sie dafür einen Riecher?

Antwort: Man muss ein bisschen trüffelschweinig unterwegs sein. Es sollte bestenfalls ein Zeitraum sein, wo die Künstlerin oder der Künstler hierzulande nicht schon im Radio gespielt wird, aber sie schon auf Newcomer-Listen geführt werden. Bei Dua Lipa war mir sofort klar, dass sie ein Weltstar werden würde. Bei Lana del Rey habe ich wiederum völlig danebengelegen, da war ich mir gar nicht so sicher, ob da jemals was passiert. Peinlich!

Frage: Haben Ihre Shantys Sie schon mal auf eine Seefahrt eingeladen?

Antwort: Bisher leider noch nicht. Aber da bringen Sie mich auf eine Idee. Das sollten wir eigentlich mal tun! Allerdings sind die meisten meiner Jungs ja keine echten Seebären, sondern eher Fahrschullehrer, Gymnasiallehrer, anständige Kaufleute...

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