Hamburg  Carolin Fortenbacher: „,Mamma Mia!‘ war definitiv ein Wendepunkt für meine Karriere“

Dagmar Leischow
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Von Dagmar Leischow
| 26.07.2022 17:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ab dem 4. August mit ihrem neuen Programm zurück auf der Bühne: Carolin Fortenbacher. Foto: René Münzer
Ab dem 4. August mit ihrem neuen Programm zurück auf der Bühne: Carolin Fortenbacher. Foto: René Münzer
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Am 4. August steht Carolin Fortenbacher mit ihrem neuen Stück in Hamburg auf der Bühne. Dazu spricht die frühere „Mamma Mia“-Schauspielerin im Interview über ihren Western-Bezug, ihren beruflichen Werdegang und ihr schweres Familienschicksal.

Bellend kommt Carolin „Caro“ Fortenbachers Hund Cosmo um die Ecke gesaust. Wie immer begleitet er die Sängerin und Schauspielerin zur Probe des Stücks „Der letzte Ritt nach San Fernando“ in einer Lagerhalle in Hamburg-Stellingen.

Obwohl Corona – auch Caro Fortenbacher wurde vor ein paar Wochen positiv getestet – die Vorbereitung der Uraufführung am 4. August im Schmidt Theater ziemlich durcheinandergewirbelt hat, wirkt die 59-Jährige, gekleidet in eine bunte Schlaghose, eine rosa Bluse und weiße Plateauschuhe, kein bisschen gestresst. Sie ist halt eine Frohnatur, die so schnell nichts aus der Bahn wirft.

Frage: „Der letzte Ritt nach San Fernando“ taucht ins Western-Genre ein. Sind Sie ein Western-Fan?

Antwort: Nicht unbedingt. Ich kenne aber selbstverständlich Klassiker wie „Zwölf Uhr mittags“. Als Kind habe ich vor allem Serien wie „Bonanza“ oder „Shiloh Ranch“ gesehen – und gemocht.

Frage: Glauben Sie, Sie hätten sich im wilden Westen als Barfrau in einem Saloon behaupten können?

Antwort: Klar. Wahrscheinlich wäre ich genauso couragiert wie meine Mutter gewesen. Als sie mit meinem Vater – meine Eltern waren beide Pädagogen – in einer Bar in einem Schullandheim einen Streit geschlichtet hat, nahm sie plötzlich ein Glas und warf es hinter den Tresen. Mitten in den Spiegel. Auf einmal war alles still, der Streit war vorbei. Obwohl meine Mutter nur Gast in dieser Bar war, muss ich immer an sie denken, wenn ich bei den Proben als Barsängerin Caro Coquette hinter der Theke stehe.

Frage: Würden Sie sich als einen Familienmenschen bezeichnen?

Antwort: Absolut. Allerdings hat sich bei mir inzwischen einiges geändert. Ich bin zweimal geschieden, meine Eltern leben nicht mehr. Meine Tochter, zu der ich ein ganz enges Verhältnis habe, ist nach London gezogen. Aber es gibt noch meinen Bruder samt Familie in Hamburg. Und dann sind da halt die Menschen, die meine Seele lieben: meine engsten Freunde. Sie sind meine Wahlfamilie.

Frage: Ihre Eltern sind 2016 an einem Tag innerhalb von fünf Stunden gestorben.

Antwort: Das war harter Tobak. Meine Mutter war schon länger krank. Die Ärzte hatten prognostiziert, man müsse jeden Moment mit ihrem Ableben rechnen. Doch ihre Sterbephase zog sich über zwei Monate hin. Mein Vater wiederum hatte sich kurz vor seinem Tod ins Krankenhaus einliefern lassen, weil es ihm nicht gut ging.

Antwort: An seinem Todestag wollte ich eigentlich bei ihm in der Klinik sein und ihm nur schnell ein paar Sachen von zuhause holen. Aber als ich nach meiner Mutter sah, spürte ich: Ich muss bleiben, sie stirbt gleich. Mit meinem Bruder saß ich dann an ihrem Kopfende, während sie aufhörte zu atmen. Danach habe ich meine Tochter angerufen, die schon auf dem Weg zu meinem Vater ins Krankenhaus war. Sie sagte zu ihm: „Großvati, wenn du willst, kannst du jetzt gehen.“ Tatsächlich war er fünf Stunden später tot.

Frage: Hat Sie das völlig aus der Bahn geworfen?

Antwort: Trotz meiner Trauer war mir bewusst: Für meine Eltern war der Tod letztlich eine Erlösung. Meine Mutter wurde 91, mein Vater 89. Es war bewegend, die beiden gemeinsam zu beerdigen. Schließlich sind sie 67 Jahre zusammen gewesen. So eine lange Beziehung wie meine Eltern werde ich niemals haben... Dank ihnen hatte ich auf jeden Fall eine wunderschöne Kindheit.

Frage: Zog es Sie bereits als Mädchen auf die Bühne?

Antwort: Ich habe immer sehr viel Quatsch gemacht und meinen Bruder dauernd zum Lachen gebracht. In der Schule war ich der Klassenclown. Allerdings war ich nicht die ganze Zeit laut. Ich habe mich ziemlich oft zurückgezogen – um dann aus der Stille heraus etwas Lustiges zu tun.

Frage: Dennoch strebten Sie zunächst nicht etwa in Richtung Comedy, sondern zum Tanz. Warum?

Antwort: Mein Vater war Sportlehrer. Er hat mich darauf eingeschworen, dass Haltung für Mädchen immer sehr wichtig ist. Besonders, wenn sie älter werden. So kam ich zum Tanzen. Bevor ich 1985 ans Theater ging, habe ich vier Jahre ein Sportstudio geleitet. 1982 begann ich die erste Musical-Ausbildung in Hamburg im Volker Ullmann Studio, aus dem später die Stage School hervorgegangen ist.

Frage: Hat es Sie nach Ihrer Abschlussprüfung gar nicht zu „Cats“ ans Operettenhaus Hamburg gezogen?

Antwort: Doch. Ich sollte sogar zum Casting kommen. Blöderweise habe ich neben meiner Ausbildung im Sportstudio so viel trainiert und unterrichtet, dass ich mir eine Adduktorenentzündung zuzog. Um überhaupt vortanzen zu können, ließ ich mir eine Spritze direkt in die Adduktoren geben. Leider hat das nicht funktioniert...

Frage: Sie kriegten dann am Staatstheater Kassel ein Engagement für „West Side Story“. Wurde dort Ihre Fünf-Oktaven-Stimme entdeckt?

Antwort: Nein. Aber der Choreograf war derjenige, der mich zum Singen auf der Bühne ermutigte. Ich sang in einem ausgewählten Quartett die Traumsequenz, also „Somewhere“. 1989 sagte schließlich mein erster Mann zu mir: „Du musst etwas mit deiner Stimme machen.“ Er vermittelte mir den Kontakt zur Gesangslehrerin Liliana Aabye. Sie war schon damals eine alte Opernsängerin. Ein Urgestein. Bereits bei unserer ersten Begegnung hat sie festgestellt, dass meine Stimme fünf Oktaven hat.

Frage: Damit hätten Sie Koloratursopranistin werden können.

Antwort: Das stand durchaus zur Debatte. Ich habe an der Philharmonie des Alto-Theaters Essen vorgesungen, der damalige Intendant Manfred Schnabel wollte mich sogar engagieren. Bloß sollte ich noch ein halbes Jahr bei zwei anderen Lehrern Unterricht nehmen und keine Musicals mehr machen. Das war zwar eine Riesenchance, aber ich merkte: Das bin ich nicht. Ich möchte frei sein. Außerdem hätte ich anfangs Operettenrollen übernehmen müssen, die ich nicht so komisch hätte gestalten können, wie ich es jetzt mache.

Frage: 2002 gingen Sie zu „Mamma Mia!“ ans Operettenhaus. Wie waren die fünf Jahre als Donna für Sie?

Antwort: „Mamma Mia!“ war definitiv ein Wendepunkt für meine Karriere. Ich hatte eine tolle, aber tierisch anstrengende Zeit. Zum Glück sagte der Regisseur Paul Garrington zu mir: „Du kannst deine Tagesstimmung mit in deine Rolle nehmen.“ Das galt genauso für meine Kolleginnen, die Rosie und Tanya gespielt haben. Wir konnten so sein, wie wir waren – der Regisseur hat uns Freiheiten gelassen. Das liebe ich. Denn ich bringe immer irgendetwas von mir in meine Rollen ein.

Frage: Seit 2017 geben Sie „Abba macht glücklich“-Konzerte. Warum haben Sie nicht direkt nach „Mamma Mia!“ einen Abba-Abend konzipiert?

Antwort: Das wollte ich nicht. Dann wäre ich bloß eine Cover-Sängerin gewesen – ohne eigene Geschichten. Ich musste mich als Solokünstlerin erst mal finden. 2007 bekam ich einen Plattenvertrag. Zuerst sollte ich eine deutsche Pink werde, letztendlich wollte mich mein Label als moderne, poppige Milva vermarkten. 2008 trat ich beim Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid an und belegte den zweiten Platz. Hinter den No Angels, die mit fünf Prozent Vorsprung gewonnen haben. Danach hat sich aber keiner mehr so richtig um mich gekümmert. Ich musste mich selbst neu orientieren.

Frage: Mit Nik Breidenbach, mit dem Sie nun in „Der letzte Ritt nach San Fernando“ auftreten, haben Sie dann den passenden Bühnenpartner in Sachen Komik gefunden.

Antwort: Mirko Bott, der ehemalige künstlerische Leiter des Schmidt Theaters, wollte mich für eine One-Woman-Inszenierung an sein Haus holen. Er meinte: „Du brauchst einen kongenialen Partner.“ So ist Nik ins Spiel gekommen. Wir haben uns ziemlich schnell liebgewonnen und beschlossen, eine gemeinsame Produktion zu machen. Daraus entwickelte sich 2011 das Stück „Oh, Alpenglühen!“, das quasi bei mir in der Küche entstanden ist.

Frage: Sie gastieren seither regelmäßig im Schmidt Theater und an anderen Häusern. Träumen Sie trotzdem noch von einer eigenen kleinen Bühne?

Antwort: Ja. Ich würde meine kleine Bühne Caros Salon nennen. Ich wünsche sie mir, weil uns in Hamburg eine Location fehlt, wo wir einfach tanzen und coole Live-Musik hören können. Im Übrigen war ich früher mal Discoqueen im Trinity. (lacht)

Frage: Sind Sie in erster Linie eine lebhafte Person?

Antwort: Ja. Ich würde mich als temperamentvoll, aber zugleich tiefgründig-emotional bezeichnen. Das Tragisch-Komische ist das, was ich liebe. Ich bin halt Künstlerin und denke privat natürlich auch mal darüber nach: Wie geht es wohl weiter?

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