Energiewende  Wie Emden vom Offshore-Ausbau profitieren will

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 31.07.2022 14:57 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Am Nordkai in Emder werden Bauteile für Windenergieanlagen verladen. Die Offshore-Ausbauziele der Bundesregierung versprechen zusätzlichen Bedarf an Zulieferbetrieben und Dienstleistern – davon könnte sie Seehafenstadt profitieren. Foto: Bruns
Am Nordkai in Emder werden Bauteile für Windenergieanlagen verladen. Die Offshore-Ausbauziele der Bundesregierung versprechen zusätzlichen Bedarf an Zulieferbetrieben und Dienstleistern – davon könnte sie Seehafenstadt profitieren. Foto: Bruns
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Die Windparkpläne für die Nordsee wecken große Erwartungen in Emden. Hier sollen Hunderte Arbeitsplätze entstehen. Dafür wird auch ein totgesagtes Hafenprojekt wieder interessant.

Emden - Die Energiewende elektrisiert Ostfriesland: „Der Norden wird Süddeutschland herausfordern“, gibt sich allen voran Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) beim Besuch in Emden zuversichtlich. Vor allem rund um die strategisch günstig gelegene Seehafenstadt macht man sich berechtigte Hoffnungen, vom Ausbau der Offshore-Windparks zu profitieren. „Wir reden hier über mehrere hundert Arbeitsplätze“, sagt Emdens oberster Wirtschaftsförderer der Stadt, Stefan Klaassen. Und das soll nur der Anfang sein. „Da steckt superviel Musik drin“, ist er sicher.

Was und warum

Darum geht es: Im Windschatten des Offshore-Ausbaus entstehen neue Arbeitsplätze. In Ostfriesland will man sich vor allem in Emden ein großes Stück vom Kuchen sichern.

Vor allem interessant für: alle, die von der Energiewende profitieren oder profitieren wollen

Deshalb berichten wir: Der Geschäftsführer der Flugplatz Emden GmbH hat sich an die Redaktion gewandt, um über eine neue Ausrichtung seines Unternehmens zu informieren. Die Energiewende bietet aber nicht nur Chancen für den Platz.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Ein Unternehmen, das schon jetzt vom Aufschwung profitiert, ist die Flughafen-Gesellschaft, eine Tochter der kommunalen Stadtwerke. Am Platz haben sich in den vergangenen Jahren Offshore-Dienstleister angesiedelt. Sie nutzen ihn, um Menschen und Material zu den Windparks in der Deutschen Bucht zu fliegen und Helikopter zu warten. Zusätzlich werden im Schatten des Towers Verwaltungseinheiten aufgebaut.

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Während viele Piloten fernab ihrer Einsatzorte wohnen, dürften sich die meisten dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dauerhaft in der Region niederlassen – und Steuern zahlen.

Alles auf die Karte Offshore gesetzt

Die Prognosen und Ausbauziele der nächsten Jahre veranlassen den Geschäftsführer des Flugplatzes, Olaf Schmidt, die Transformation voranzutreiben. Er setzt alles auf das Offshore-Geschäft. Sah man sich früher in erster Linie als Basis für Freizeitflieger und kleines Passagier-Drehkreuz, verlagern sich mit den neuen Mietern die Einnahmequellen. „Eigentlich sind wir mittlerweile ein Gewerbepark mit angeschlossenem Flugplatz“, so Schmidt.

Olaf Schmidt und Ines Reinema stehen auf dem Tower des Emder Flugplatzes. Der Geschäftsführer und die Marketingleiterin haben den Markenkern der Betreibergesellschaft neu geschärft. Sie setzen auf Offshore. Foto: Päschel
Olaf Schmidt und Ines Reinema stehen auf dem Tower des Emder Flugplatzes. Der Geschäftsführer und die Marketingleiterin haben den Markenkern der Betreibergesellschaft neu geschärft. Sie setzen auf Offshore. Foto: Päschel

Gerade hat sich der Energieversorger EnBW aus Karlsruhe, der 2019 in Emden eine Servicestation für seine Offshore-Windparks in der Deutschen Bucht eröffnete, Erweiterungsflächen gesichert. Parallel laufen laut Schmidt Gespräche mit zwei weiteren Interessenten für ein ebenfalls knapp 1900 Quadratmeter großes Grundstück.

Neues Emder Selbstbewusstsein

Die Entwicklung ist noch lange nicht am Ende, glaubt Schmidt. Das neue Selbstbewusstsein in Emden lässt sich aus der überarbeiteten Flugplatz-Website ablesen. Sie ist als Visitenkarte zu einem neuen Markenauftritt im Juli hochgeladen worden. Wer die alte Adresse flugplatz-emden.de eingibt, wird automatisch weitergeleitet zur Website aviation-park-north-sea.com. Der Name markiert den neuen Anspruch. In Emden nimmt man die Nordsee in den Blick.

Schmidt ist das, was man einen Macher nennt. Der Diplom-Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik begann seine internationale Karriere beim Lufttransportunternehmen (LTU) in Düsseldorf. Bevor er 2016 mit Mitte 50 nach Emden kam, war er fünf Jahre bei einer spanischen Fluggesellschaft mit dem Schwerpunktgeschäft Südamerika tätig gewesen. Anstatt seine Karriere in der norddeutschen Provinz ausklingen zu lassen, startete er noch einmal durch.

Fahrzeugumschlag im Emder Hafen. Die Energiewende bietet Chancen, das zweite Standbein neben der Automobilindustrie für die Region zu werden. Foto: Ortgies
Fahrzeugumschlag im Emder Hafen. Die Energiewende bietet Chancen, das zweite Standbein neben der Automobilindustrie für die Region zu werden. Foto: Ortgies

Im Wettlauf mit der Konkurrenz in Eemshaven

Sein Wirkungskreis in der Stadt ist allerdings beschränkt. Er endet an den Grenzen des Flugplatz-Areals, Schmidt weiß das. Es hält ihn nicht davon ab, mehr zu fordern. Emden könne sich „das zweite Standbein neben der Automobil-Industrie“ aufbauen, sagt er. Aber dann müsse die Stadt schnell sein, schneller als die Konkurrenz etwa im niederländischen Eemshaven.

Transport, Logistik, Montage und Produktion – alleine die Baustellen der Offshore-Windparks bieten beste Perspektiven für die Seehafenstadt. Dazu die enormen Mengen verfügbaren Grünstroms. Schmidt hält es für realistisch, dass „die gesamte Produktpalette“ in der Seehafenstadt angesiedelt werden kann. An freien Flächen im Hafen mangele es dafür nicht. „Deswegen gibt es den Rysumer Nacken, da gab es ja schon einmal große Pläne.“

Neue Hoffnung für den Rysumer Nacken

Gemeint ist das fast 500 Hektar umfassendes, unbebautes Hafenentwicklungsgebiet an der Knock. Für das Gebiet gibt es in Teilen bereits einen Bebauungsplan und es hat die Offshore-Fantasie der Emder Wirtschaft in der Vergangenheit schon einmal beflügelt. 2014 folgte jedoch das jähe Erwachen. Ein Gutachten bescheinigte einem erhofften Ausbau mangelnde Wirtschaftlichkeit. Das Projekt wurde faktisch begraben – oder, wie es offiziell hieß: auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt.

Stefan Klaassen ist seit November 2020 Emdens erster Mann für die Wirtschaftsförderung. Foto: Päschel/Archiv
Stefan Klaassen ist seit November 2020 Emdens erster Mann für die Wirtschaftsförderung. Foto: Päschel/Archiv

Stefan Klaassen, seit 2020 verantwortlich für die Wirtschaftsförderung in Emden, kennt die alten Diskussionen. „Mit der Energiewende kommt das Thema wieder ganz nach vorne“, sagt er. Für die Gespräche mit Investoren sei der Rysumer Nacken perspektivisch „ein ganz wichtiger Baustein“. Schneller und konkreter scheint die Ansiedlung neuer Betriebe dagegen auf einer anderen Fläche voranzukommen. „Wir konzentrieren uns auf den Wybelsumer Polder“, so Klaassen. Um welche Interessenten es sich handelt und wann sich die Verhandlungen auszahlen, sagt der Chef der Wirtschaftsförderung nicht.

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