Hamburg  Praktisch, aber gefährlich? Das ist das Problem mit Zyklus-Apps

Viktoria Meinholz
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Von Viktoria Meinholz
| 01.08.2022 06:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Erzähl mir deine geheimsten Geheimnisse, flüstern die Zyklus-Apps uns zu. Ich sag sie auch fast niemandem weiter. Foto: Unsplash/Jonathan Borba (Symbolbild)
Erzähl mir deine geheimsten Geheimnisse, flüstern die Zyklus-Apps uns zu. Ich sag sie auch fast niemandem weiter. Foto: Unsplash/Jonathan Borba (Symbolbild)
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Zyklus-Apps stehen seit Jahren in der Kritik, weil sie sensible Daten abfragen und weiterleiten. Doch ihrem Erfolg hat das nicht geschadet – bis jetzt.

In diesem Artikel erfährst Du:

Schon praktisch, oder? Du gibst den Beginn Deiner Periode in Dein Smartphone ein und schon bekommst Du eine Voraussage zu Deinem zukünftigen Zyklus. Wenn Du die App mit einer paar Daten fütterst, wird Dir gesagt, wann Du Deinen Eisprung haben wirst, warum Du Dich vielleicht gerade heute etwas unwohl fühlst und wann Deine nächste Periode zu erwarten ist.

Wenn Du versuchst, schwanger zu werden, kann so eine App besonders hilfreich sein: Denn neben Deiner Periode kannst Du auch angeben, wann Du zuletzt Sex hattest – und ob Du verhütet hast.

Alles sehr persönlich, aber Du erzählst es ja nur Deinem Handy. Falsch! Dass Zyklus-Apps alles andere als sorgsam mit unseren Daten umgehen, ist seit Jahren bekannt. Einige Apps wie „Flo“, die in Deutschland erfolgreichste App, haben Daten an Facebook und andere Unternehmen weitergegeben, wie aus einem Bericht von Privacy International und Recherchen der „New York Times“ aus dem Jahr 2019 hervorgeht. Und ja, auch von deutschen Nutzerinnen.

Für die Werbung sind diese Daten sehr interessant. Sie können so ihre Angebote perfekt an die Konsumentin anpassen – und gerade Schwangere gelten als vielversprechender Markt.

In dieser Grafik aus dem Jahr 2020 findet sich auch die Zyklus-App Clue. Sie teilte damals mit Firmen das Geburtsjahr und Alter sowie die genutzten Funktionen der App. Dabei ganz entscheidend: Die Grundaussage, ob eine Frau verhüten oder schwanger werden will.

Doch während viele auf eine Weitergabe ihrer Daten zu Werbezwecken heute nur noch mit einem Achselzucken reagieren, hat sich die Debatte in den USA verändert. Dort wird nun allen Frauen geraten, die Apps sofort zu löschen. Denn nach dem Ende von Roe v. Wade könnten die Daten zu einer strafrechtlichen Verfolgung führen.

Warum das? Nachdem das Oberste Gericht der USA, der Supreme Court, das Recht auf Abtreibung gekippt hat, sind diese in den Vereinigten Staaten vielerorts zu einer Straftat geworden. Bisher werden zwar „nur“ die ausführenden Kräfte und nicht die Person, die eine Schwangerschaft beenden will, juristisch verfolgt. Doch viele Aktivistinnen gehen davon aus, dass die Bundesstaaten, die Abtreibungen unter Strafe stellen, zukünftig auch die Frauen bestrafen werden.

Wenn also die in die App eingetragenen Daten an die Behörden weitergegeben werden – was in den USA möglich ist – könnten diese genutzt werden, um Frauen und deren Schwangerschaften, aber auch Abbrüche oder Fehlgeburten zu überwachen.

Klingt spooky und wie frisch aus „The Handmaid‘s Tale?“ „Es ist schwer zu sagen, was wo, wie und wann passieren wird, aber die Möglichkeiten sind ziemlich gefährlich“, sagte die Bürgerrechtsanwältin Cynthia Conti-Cook der „New York Times“ nach der Entscheidung des Supreme Court. Nicht nur Daten in Zyklus-Apps, auch die Google-Suche nach einer Abtreibungsklinik, die Nachricht an die beste Freundin oder die Bewegungsdaten – all das könnte laut Experten zukünftig genutzt werden, um eine Abtreibung zu beweisen.

In Deutschland scheint so etwas erst einmal unmöglich. Hier wurde am selben Tag, als die USA sich von modernen Frauenrechten verabschiedeten, endlich der Paragraf 219a gekippt, der Informationen über Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe gestellt hatte. Doch auch in Deutschland sind Abtreibungen eigentlich illegal. So steht es im Paragraf 218 des Strafgesetzbuches, für dessen Abschaffung sich viele Menschen momentan stark machen. In den ersten zwölf Schwangerschaftswochen bleiben Abtreibungen aber straffrei, wenn es vorher eine Beratung gegeben hat, die Schwangerschaft durch ein Sexualdelikt wie eine Vergewaltigung entstanden ist oder gesundheitliche Gefahren bestehen.

Auch gelten in Europa strengere Datenschutzregeln als in den USA. Trotzdem ist es – gerade bei Apps, die ihren Standort in einem anderen Land haben – auch hier relevant, was mit den sensiblen Daten geschieht. Mit der App „Drip“, die drei Frauen aus Berlin geschaffen haben, gibt es für Android-Nutzerinnen eine Alternative. Dort werden die Daten verschlüsselt und lokal gespeichert und werden nicht an Externe weitergegeben. 

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