Bayreuth  „Siegfried“ in Bayreuth: Naturgewalt trifft Ex-Göttin

Ralf Doering
|
Von Ralf Doering
| 04.08.2022 14:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Naturbursche trifft ehemalige Göttin: Siegfried (Andreas Schager) und Brünnhilde (Daniela Köhler) nähern sich einander an. Im Hintergrund steht Grane (Igor Schwab), im Original das Pferd Brünnhildes, hier ihr Assistent und Leibwächter. Foto: Enrico Nawrath
Naturbursche trifft ehemalige Göttin: Siegfried (Andreas Schager) und Brünnhilde (Daniela Köhler) nähern sich einander an. Im Hintergrund steht Grane (Igor Schwab), im Original das Pferd Brünnhildes, hier ihr Assistent und Leibwächter. Foto: Enrico Nawrath
Artikel teilen:

Auch am dritten Tag des neuen Bayreuther „Ring des Nibelungen“ will man sich nicht so recht an die kruden Regieideen von Valentin Schwarz gewöhnen. Dafür darf man sich umso mehr auf Andreas Schager als Siegfried und Daniela Köhler als Brünnhilde freuen.

Andreas Schager ist eine Urgewalt. So einem Typen nimmt man ab, dass er mit Bären spielt, Lindwürmer erschlägt und niederwalzt, was sich ihm in den Weg stellt. Kampfhose und schusssichere Weste trägt er, eine vorne-kurz-hinten-lang-Proll-Frisur, er übt Ninja-Kampfposen, säuft Schnaps wie Wasser und futtert gebratene Nudeln; Geschmacksrichtung vermutlich extrascharf.

Vor allem aber singt er drei Akte „Siegfried“. Eine Partie, die übermenschliche Kräfte verlangt, in der die Schagers Heldentenor leuchtet wie ein Skybeamer in der Partynacht. Für Differenzierung und feine Farbabstufungen bleibt da nicht immer die Zeit, Töne verrutschen und die Artikulation bleibt auf der Strecke wie auch die feinsinnige Phrasierung – schöner Gesang geht anders. Doch Schager gibt keinen Liederabend, sondern er spielt genau den – auf gut fränkisch – „g’schert’n“ Naturburschen, den Richard Wagner erdichtet und komponiert hat.

Laut Wagner wächst Siegfried im Wald auf, schmiedet sein Wunderschwert Notung, erschlägt damit den Riesen Fafner (Wilhelm Schwinghammer), der sich dank Tarnhelm in einen Riesenwurm verwandelt hat und faul auf dem Rheingold und dem Macht gebenden Ring des Nibelungen herumliegt. Anschließend zerschlägt er den Gesetzesspeer seines Großvaters Wotan (mit fülligem Bass, aber leider ziemlich unverständlich: Tomasz Koneiczny) und befreit Brünnhilde aus ihrer Verbannung.

Siegfried und sein Ziehvater Mime (Arnold Bezuyen) hausen in der düsteren Hütte, die in der „Walküre“ Hunding und Sieglinde bewohnt haben; Fafner siecht in Wotans Götterburg seinem Ende entgegen und wird vom Waldvogel (Alexandra Steiner) und dem jungen Hagen (Branko Buchberger) gepflegt. Letzteres klingt seltsam, aber in Schwarz‘ Sicht der Dinge symbolisiert Hagen ja das Rheingold und den Ring, um den sich die ganze Geschichte dreht. Also muss Schwarz den Hagen in Fafners Umgebung hinein erfinden, und später muss Hagen mit Siegfried zu Brünnhilde, damit der Ring des Nibelungen immer schön bei den richtigen Protagonisten bleibt. Auch wenn einem Angst und Bang wird angesichts des krachenden Dramaturgiegebälks.

Mystische Accessoires wie Ring, Gold, Speer und Tarnkappe spart Schwarz hingegen aus; vielleicht weil sie nicht in Schwarz‘ Versuch einer Reality-Familien-Soap passen. Dann zieht Siegfried aber doch ein Schwert aus Mimes Krücke, schwingt es, während in der Musik noch fleißig daran geschmiedet wird. Nicht nur Text und Szene passen mitunter nicht zusammen, sondern auch Musik und Szene.

Glaubt man dem Regieteam, lösen sich die Widerprüche in der „Götterdämmerung“ auf, vermutlich wie in einem Krimi, dessen falschen Spuren in einen großen Aha-Moment münden, in dem sich die Logik gewissermaßen von hinten erschließt. Die stumme Figur, die als „der junge Hagen“ im Programm ausgewiesen ist, könnte so ein Element sein.

Wem das zu wirr ist, der kann sich mit der Brünnhilde von Daniela Köhler ablenken. Die singt ihre Partie einfühlsam und mitreißend, gestaltet feinsinnig und ist damit wie ein Gegenpol zu Andreas Schager: hier die menschgewordene Göttin, da der derbe Naturbursche. Dafür hat Schwarz in der Uralt-Bayreuth-Kiste gekramt und zu einem Stil gefunden, der auch in den 1960-ern funktioniert hätte. Aber Retro ist ja in.

Jedenfalls eröffnet die Retrowelle der Musik Gestaltungsräume, die Cornelius Meister mittlerweile sehr gut nutzt. Witz und feine kammermusikalische Zeichnung entfalten sich, es entsteht innere Dramatik, und Wagner’sches Pathos lässt Meister auch zu. So erlebt das Festspielhaus in der letzten Dreiviertelstunde, wie Siegfried und Brünnhilde sich in einem langen Kuss gegenseitig wachküssen – er sie aus dem Schlaf, sie ihn aus seiner Naturburschen-Unschuld.

Daraus machen Meister und das Festspielorchester sowie Köhler und Schager einen Erlebnispfad der Emotionen, ein atemberaubend sinnlicher, immer wieder überraschender Auftakt zu seiner Liebesgeschichte, die ja in der „Götterdämmerung“ in Mord und Totschlag mündet. Man weiß nicht, wie Schwarz seine wirre Geschichte auflöst; die Buhs am Ende sprechen jedenfalls für gehörigen Unmut. Für Daniela Köhler und für Andreas Schager gab es aber donnernden Applaus.

Ähnliche Artikel