Wiesmoor gestern und heute Als die Blumenstadt auch Garnisonsstadt war
29 Jahre lang war Wiesmoor ein Bundeswehr- und NATO-Stützpunkt. Auch diese Zeit hat prägende Eindrücke hinterlassen.
Wiesmoor - In diesem Jahr ist die Fehn-Kaserne genauso lange aus Wiesmoor verschwunden, wie sie Bestand hatte: 29 Jahre. In gerade einmal 100 Jahren Stadtgeschichte sind 29 Jahre aber ein durchaus prägender Abschnitt. Motivation hinter der Ansiedlung einer Kaserne in Wiesmoor war zunächst die Schaffung neuer und dauerhafter Arbeitsplätze. Ein höheres Sicherheitsgefühl war sicherlich ein angenehmer Nebeneffekt im kollektiven Unterbewusstsein der Stadt. Immerhin war der bis dahin verheerendste Krieg aller Zeiten noch keine 20 Jahre vorbei.
Dafür mussten jedoch zunächst einmal Grundlagen geschaffen werden. Zum Beispiel eine Behelfsbrücke über den Nordgeorgsfehnkanal, um Baumaterial für die Kaserne an den Standort in Mullberg transportieren zu können. Die Brücke wurde nach Fertigstellung der Kaserne und der Natobrücke als festem Übergang abgerissen.
Der erste Chefkam gar nicht erst
Das 3. Flugabwehrraketenbataillon 26, kurz die „Dritte“ genannt, war Teil einer Abwehrkette gegen Flugzeugangriffe, die von Norwegen bis in die Türkei reichte. Mit 160 Soldaten gehörte es zur 4. Luftwaffenverteidigungsdivision, die seit Januar 1961 in Aurich aufgestellt war. Erster Chef der Einheit sollte Hauptmann Gustav Denzer werden. Weil er die Stationierung von Atomsprengköpfen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, trat er aber seinen Dienst nicht an und wurde später entlassen.
Da die Stationierung von Atomwaffen in der Bundesrepublik rechtlich untersagt ist, überwachten US-Soldaten in Wiesmoor die Sprengköpfe. Jedem FlaRak-Verband war ein US Army Detachment zugeteilt. Diese Spezialeinheit für sensible Aufgaben trug die Schlüsselgewalt über die Atomsprengköpfe. Den echten Ernstfall unter dem Codenamen „Blazing Skies“ („flammender Himmel“) gab es zum Glück nie.
Aus Skepsis wurde ein vertrautes Miteinander
Stand die Bevölkerung der militärischen Präsenz anfangs noch skeptisch gegenüber, so wurde daraus im Laufe der Zeit ein durchaus vertrautes, harmonisches Miteinander. Dazu trug unter anderem die gemeinsame Bewältigung der Schneekatastrophe 1978/79 bei. Außerdem pflegte die „Dritte“ den Kontakt zur Bevölkerung durch Aktionen wie etwa ein Oktoberfest, das viele Jahre lang auf dem Marktplatz stattfand.
Die dunkelsten Stunden erlebte dieses Miteinander am 13. Januar 1989, als ein britisches und ein deutsches Kampfflugzeug über Wiesmoor kollidierten und abstürzten. Die Besatzung der britischen Maschine starb, der deutsche Pilot konnte sich retten. Zivile Opfer gab es nicht, aber Wohnhäuser und eine Grundschule waren nur rund 300 Meter von der Absturzstelle entfernt. Bürgerinitiativen und Proteste erreichten schließlich, dass Tiefflüge über bewohntem Gebiet stark abnahmen.
Das Waffensystem des Bataillons hatte gegen Ende der 1980er Jahre ausgedient, die Batterie wurde 1993 nach Husum verlegt. Geblieben sind viele Ex-Soldaten, die in Wiesmoor eine neue Heimat fanden. In dem Buch „Wiesmoor 1922 – 2022“ beschreiben Ewald Hennek und Karl-Heinz Frees die Entwicklung Wiesmoors von den Anfängen der Besiedlung bis heute. Gemeinsam mit den Autoren beleuchten wir in dieser Serie verschiedene Aspekte der Stadtgeschichte. In der nächsten Folge geht es um die dunklen Jahre der Stadtgeschichte: Die NS-Zeit, den Krieg und den Wiederaufbau. Alle Fotos auf dieser Seite stammen aus dem Buch das im Verlag Print Media, Wiesmoor (ISBN 978-3-00-072019-2) erschienen ist.
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