Bayreuth Bayreuther Festspiele: „Fliegender Holländer“ wird zum Gangsta-Rapper
„Der Fliegende Holländer“ von Dmitri Tcherniakov steht im zweiten Jahr auf dem Programm der Bayreuther Festspiele. Die Inszenierung zeigt, wie es gelingen kann, sich von Wagners Geschichte zu lösen und doch nah am Text zu bleiben.
Das Vertrauen in Richard Wagners Mythen scheint zu schwinden, da geht es dem Regisseur des „Fliegenden Holländer“ bei den Bayreuther Festspielen, Dmitri Tcherinakov, ähnlich wie Valentin Schwarz im neuen Bayreuther „Ring“. Bei Tcherniakov wird der zur ewigen Weltumrundung verdammte Kapitän zum Schwerverbrecher mit Kindheitstrauma. Das Kunststück besteht darin, dass Tcherniakov seine Geschichte eng an Wagners Vorlage und der Musik entlang führt.
Dazu entwirft er eine spießige Kleinstadt mit spießiger Kleinstadtbürgern; Tcherniakov ist ja auch immer sein eigener Bühnenbildner. Sogar die Häuser werden bei ihm zu Protagonisten: Er bewegt sie wie riesige, kantige Tänzer in großen Zeitlupen-Choreografien von Schauplatz zu Schauplatz. Das ist einfach großes Theater, unabhängig von der Frage, ob man dieser „Holländer“-Version folgen will oder nicht.
Auf jeden Fall stimmt das musikalische Niveau. Oksana Lyniv, die ukrainische Dirigentin, stürzt sich geradezu explosiv in die aufgepeitschte See im „Holländer“-Vorspiel. Zweieinhalb Stunden lang lenkt sie dann das Festspielorchester mit hoher Energie durch die Partitur. Nicht alles gelingt dabei perfekt, aber dafür arbeitet sie heraus, wie tänzerisch schwingend der frühe Richard Wagner einerseits sein konnte und wie düster und dramatisch, wie zukunftsweisend er gleichzeitig schon war. Trotz mancher Pannen: Dieses Dirigat hat Freude bereitet.
Das gleiche gilt für die Sänger. Thomas J. Mayer in der Titelrolle charakterisiert seine Figur mit dunklem Bass von vornehm und elegant bis hin zu brutal und angsteinflößend. Ihm ebenbürtig singt und spielt Elisabeth Teige die Senta, die der Kirche-Schulhaus-Mittelmäßigkeit des Städtchens mithilfe des Holländers entkommen will. Im „Ring“ spielte Teige die Nebenrollen der Freia und die Gutrune; als Senta sticht sie allein durch einen senfgelben Mantel (Kostüme: Elena Zaytseva) aus der graubraunen Masse heraus, und mit ihrem intensiven, impulsiven Gesang. Georg Zeppenfeld als Sentas Vater Dalant, Attilo Glaser als Steuermann: Das ist sehr feiner, stimmiger Wagner-Gesang.
Der Chor klingt füllig, wie er klingen muss, auch wenn er einmal das ganze musikalische Gefüge fast zum Einsturz bringt (Einstudierung: Eberhard Friedrich). Doch nach einigen Schreckensmomenten im „Steuermann“-Chor steuert Oksana Lyniv wieder in ruhiges Fahrwasser – gerade noch einmal gut gegangen.
Am Ende erschießt Sentas Pflegemutter Mary den Holländer und Senta bleibt am Leben. Das stellt Wagners Schluss auf den Kopf: Da stirbt Senta, um den Holländer aus der ewigen Verdammnis zu retten. Tcherniakov aber erzählt nicht von einem Mythos, sondern von Ausgrenzung und Intoleranz. So oder so: Ein wunderbarer Kontrast zum verkorksten „Ring“ ist dieser „Holländer“ in jedem Fall. Das empfindet auch das Publikum so.