Osnabrück  Dreadlocks: Filzige Haarzöpfe auf den falschen Köpfen?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 08.08.2022 18:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Falsche Aneignung? Weiße sollen Dreadlocks nicht tragen dürfen, sagen Aktivisten. Diesen Besuchern des Burg Herzberg Festival 2022 ist das offenbar egal. Foto: www.imago-images.de
Falsche Aneignung? Weiße sollen Dreadlocks nicht tragen dürfen, sagen Aktivisten. Diesen Besuchern des Burg Herzberg Festival 2022 ist das offenbar egal. Foto: www.imago-images.de
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Dreadlocks - nichts für Weiße? Der verbissene Streit um die Haarzöpfe zeigt, wohin Vorstellungen kultureller Aneignung führen können - in eine Zeit, die so spießig ist wie die Ära Adenauers.

Dann lass ihn doch so rumlaufen: Boomer haben diesen Satz noch im Ohr. Wie viele ihrer Mütter haben nicht versucht, mit dieser ebenso tolerant wie resignativ klingenden Formel, den Familienstreit um die Haarpracht des Nachwuchses zu entschärfen. Der trug die Matte gern lang. Väter dagegen bestanden auf freien Ohren und sauberem Mittelscheitel als Zeichen berufstauglicher Korrektheit. Der Körper als Kampfplatz: Das haben nicht erst gendersensible Intellektuelle erfunden. Wer früher die Haare lang trug, war ein Gammler. Und das Haarnetz, mit dem die Bundeswehr 1971 die Haarpracht mancher Rekruten zu bändigen suchte? Ein gesellschaftspolitischer Skandal. Aber nun geht es wieder los. Wer darf Dreadlocks tragen und wer nicht? Der harsche Einspruch gegen die weißen Musiker einer Band und ihre Dreadlocks klingt wie ein spießiger Befehl aus der fernen Adenauerzeit.

Dabei scheint der Konflikt eigentlich so intensiv temperiert wie es der Name der Band sagt, die ihn jetzt auslöste: Lauwarm. Als Dreadlocks wirklich noch provozierten, wippten Konzertgänger zu Reggae-Rhythmen. Das war in den Siebzigern. Wer dachte, dass es die Dreadlocks längst in den globalen Orbit eines popkulturellen Symbols geschafft haben und damit außerhalb allen Verdachts stehen, der ist wohl so schief gewickelt wie eine dieser verfilzten Zopffrisuren. Im Frühjahr erst gab es Zoff, als in Hannover Friday-for-Future-Aktivisten die Musikerin Ronja Maltzahn wegen ihrer Dreadlocks von der Bühne verwiesen. Zuletzt wurde die Band Lauwarm der Bühne verwiesen. Und jetzt, im August 2021, sagt die Zürcher Bar „Gleis“ den Auftritt des österreichischen Gitarristen Mario Parizek ab. Der Vorwurf in diesen Fällen: Weiße, die Dreadlocks tragen, eignen sich ein kulturelles Zeichen an, das anderen gehört. Aber hatten wir nicht gerade gelernt, dass Kultur kein Besitz, sondern ein fluides Medium der Globalisierung ist?

Offenbar nicht. Weiße dürfen keine Dreadlocks tragen. Umgekehrt kann das Gedicht „The Hill we Climb“ der Afroamerikanerin Amanda Gorman offenbar nur von einer schwarzen Frau angemessen übersetzt werden. Übersetzungen des Gedichts, mit dem Gorman zur Amtseinführung des US-Präsidenten Joe Biden faszinierte, sorgten für hitzige Debatten auf dem umkämpften Kreuzungspunkt von Gender und postkolonialem Denken. Nur keine falsche Aneignung! Aktivisten haben das Verbotsschild weithin sichtbar auf dem Terrain der Kultur aufgestellt und verfolgen alles, was sie für einen Verstoß halten, mit einer Schärfe, an der auch Björn Höcke seine Freude hätte. Kultur als Kästchendenken, als sorgsam gehüteter Vorgarten mit einem Zaun drum herum: schauderhaft, jetzt aber wieder en vogue.

Aber genau darum geht es – um das Bild von Kultur.  Es war ja richtig, den rüden Zugriff auf andere Kulturen als fatale Geste der Macht zu geißeln. Kolonialherren haben sich einst an Kulturen bedient, haben geraubt und gerafft, in Afrika, der Südsee, Asien. Der Weg aus der Unterdrückung führt gerade über die Kultur – für Menschen einstiger Kolonien übrigens ebenso wie für die Nachfahren vormaliger Kolonialherren. Europäer lernen ihre Lektion. Doch diese Aufklärung ist längst umgeschlagen in eine neue Verbotspolitik. Postkolonial instruierte Aktivisten schwingen sich zu Wächtern auf, zelebrieren, was Salman Rushdie als „Absolutismus des Reinen“ geißelte. Dabei funktioniert Kultur nicht sortenrein. Kultur drängt auf Kontakt und Erneuerung. Kultur, das ist der große Karneval der Maskeraden, die Lust am Ausprobieren dessen, was gerade eben noch fremd war.

„Melange, Mischmasch, (…) das ist es, wodurch das Neue in die Welt tritt“, schrieb Salman Rushdie über seinen Bestseller „Die satanischen Verse“. Aber jetzt hören sich Aktivisten von Fridays for Future bis zu Verfechtern der postkolonialen Theorien so intolerant an, als hätten sie eine Schnittmenge mit dem damaligen iranischen Staatschef Chomeini, der 1989 gegen Salman Rushdie wegen seines Romans ein Todesurteil verhängte, oder der neuen Rechten und deren kulturellem Reinheitsfuror. Der absurde Streit um Dreadlocks auf dem angeblich falschen Kopf zeigt, dass Kultur der gesellschaftliche Kampfplatz ist, auf dem gerade am erbittertsten gestritten wird. Höchste Zeit für den Aufstand gegen die neue Verbotskultur. Höchste Zeit für eine neue Freiheit, die Kultur der anderen auszuprobieren, sich anzueignen, immer fair und auf Augenhöhe, aber mit aller Lust am Ungewohnten. Oder um es mit den Müttern der Boomer zu sagen: Lass sie so rumlaufen, wie sie wollen!

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