Letzter in Fairness-Wertung Sind ostfriesische Fußballer wirklich die größten Treter?
Der Fußballkreis Ostfriesland schnitt in der Fairness-Wertung überraschend schlecht ab. Der Vorsitzende appelliert an die Vereine. Wir haben die Hintergründe erforscht.
Ostfriesland - In Ostfriesland wird der unfairste Fußball Niedersachsens gespielt. Diese These lässt sich aus der Fairnesswertung aller 32 Fußballkreise in Niedersachsen formulieren. In diesem Ranking landete der hiesige Kreis in der vergangenen Spielzeit nämlich auf dem letzten Platz. Aber spiegelt das die Spielweise und das Verhalten auf den Fußballplätzen der Region wider? Sind Ostfriesen wirklich die größten Treter? Das sicherlich nicht, wie eine Recherche unserer Zeitung ergab. Die Gründe für das schlechte Abschneiden in der Fairnesswertung sind vielschichtig – und nicht so besorgniserregend, wie vorerst angenommen. Das schon mal vorneweg.
Ostfrieslands Fußballkreis-Vorsitzender Winfried Neumann sei – wie er sagt – „sehr überrascht und enttäuscht“ gewesen, als er vom letzten Fairness-Platz seines Kreises erfahren hatte. „In den Vorjahren sind wir nie ganz vorne in der Wertung gelandet, aber immer im Mittelfeld. Und nun Letzter? Das muss aufgearbeitet werden und darf sich nicht wiederholen. Da suche ich auch nicht nach Ausflüchten“, sagt Neumann deutlich. Sein erster Gedanke für das schlechte Abschneiden war, dass es an den vielen Sportgerichtsverfahren in der abgelaufenen Saison gelegen habe: „Da hatten wir einen starken Anstieg an Fällen.“ Die allermeisten jedoch im Jugendbereich – und die werden in der Fairnesswertung der Fußballkreise nicht berücksichtigt. Hier in die Wertung kommen lediglich Herren-Mannschaften von der Kreisliga aufwärts. Sportgerichtsentscheidungen hat es in diesen ostfriesischen Ligen nicht gegeben.
Undiszipliniertheiten nehmen zu
Kein ostfriesischer Verein war überaus fair in der abgelaufenen Saison, keiner landete in den Top-200 der 991 gewerteten Vereine. In der Saison 2019/20 – in der Saison 2020/21 hat es aufgrund der wenigen Spiele bis zum Saisonabbruch keine Fairnesswertung gegeben – war Ostfriesland in den Top-200 noch mit neun Teams und in den Top-100 mit vier Klubs vertreten. Das heißt, dass die ostfriesischen Teams in der vergangenen Spielzeit häufiger Gelbe, Gelb-Rote und Rote Karten gesehen haben als in den Vorjahren.
Zwei Beispiele dafür sind der SV Holtland und der TV Bunde. Beide hatten in den Vorjahren stets zu den Top-Teams Ostfrieslands in der Fairnesswertung, Holtland sogar Niedersachsens, gezählt. In der abgelaufenen Saison aber landeten sie im hinteren Fairnessbereich. „Wir haben uns überdurchschnittlich viele und unnötige Undiszipliniertheiten wie Ballwegschlagen und Meckern geleistet“, nennt Matthias Schmidt, Trainer des TV Bunde, als Hauptgrund.
Neumann nimmt Spieler in die Pflicht
In diesem Aspekt ist der TV ein Paradebeispiel für einen Trend, den Fußball-Kreischef Winfried Neumann ausgemacht hat: „Das Reklamieren bei Schiedsrichterentscheidungen hat zum einen zugenommen und ist zum anderen aggressiver geworden.“ Da sei es „nur logisch, wenn die Schiedsrichter darauf reagieren und Karten zücken“. Dass Schiedsrichter möglicherweise angehalten sind, etwas eher einzuschreiten und Karten zu vergeben – wie es sich Holtland-Trainer Jörn Janssen vorstellen könnte – verneint dagegen Ostfrieslands Schiri-Chef Martin Brand: „Es gab vor der abgelaufenen Spielzeit keine Ansage, dass Schiris härter durchgreifen sollen. Klar hat jeder Schiedsrichter seine eigene Linie, der eine schreitet eher ein als der andere. Aber alle Schiris zusammengenommen pfeifen von der Art her nicht anders als in anderen Kreisen.“
Schiris sind nach Meinung von Brand – und auch von Kreischef Winfried Neumann – nicht die Schuldigen für die schlechte Fairness-Bilanz Ostfrieslands. Hauptverantwortlich seien die Spieler und Trainer. „Alle Spieler müssen sich an die eigene Nase fassen und sich zügeln, um fair zu bleiben“, so Neumann, der auch einen Appell an die Trainer richtet: „Ich erwarte von den Trainern, dass sie die Spieler nicht nur fit halten und fußballerisch besser machen, sondern auch den Fairplay-Gedanken vorleben und auch ansprechen.“
Derby sorgen für hitzige Spiele
Ostfrieslands Schiedsrichter-Chef Martin Brand macht auch die fußballerische Entwicklung in Ostfriesland für den schlechten Fairnesswert verantwortlich. „Nach meinem Empfinden hat die spielerische Qualität in den vergangenen Jahren nachgelassen. So kommt es auch zu mehr Fouls – und das führt teils zu mehr Karten.“
Zudem begründet Martin Brand die vermehrten Karten auch mit der Ligaeinteilung. „In der abgelaufenen Saison gab es in Ostfriesland kleinere Klassen als sonst. Somit kam es zu mehr Lokalderbys und dadurch zu mehr Hitze auf dem Feld“, sagt Martin Brand. Das könnte – durch die größeren Staffeln in der neuen Saison – wieder etwas entschärft werden.
Erstmals Nichtantritte im Kreis Ostfriesland
Auffällig in der ostfriesischen Fairness-Statistik der vergangenen Saison sind auch drei Nichtantritte. Seit der Zusammenlegung von Leer, Aurich und Wittmund zum Fußballkreis Ostfriesland 2017 hatte es bis zur abgelaufenen Saison keinen Nichtantritt gegeben. Nun gleich drei (zweimal spielte das Ergebnis der Partie in der Tabelle überhaupt keine Rolle, einmal konnte der Verein wegen Personalnot kein Team stellen).
Diese Nichtantritte – für diese gibt es in der Fairnesswertung zehn Strafpunkte – beeinflussen den ostfriesischen Wert natürlich auf negative Weise, haben aber keinen großen Effekt. So wäre Ostfriesland auch ohne diese 30 Strafpunkte Letzter in Fairnesswertung geworden – dann nicht mit einem Strafpunkte-Durchschnittswert von 2,55, sondern 2,52 pro Spiel. Der vorletzte Fußballkreis hat einen Wert von 2,49.