Wenn es doch klappen würde  Ab 28 Grad macht die Emder Eisenbahnbrücke generell „hitzefrei“

Mona Hanssen Heiko Müller
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Von Mona Hanssen und Heiko Müller
| 11.08.2022 17:01 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Zu den Matjestagen ging es wieder: Die Eisenbahnbrücke konnte hochklappen und beispielsweise die „Atlantis“ der AG Ems (hinteres Boot) in den Delft lassen. Foto: Hanssen/Archiv
Zu den Matjestagen ging es wieder: Die Eisenbahnbrücke konnte hochklappen und beispielsweise die „Atlantis“ der AG Ems (hinteres Boot) in den Delft lassen. Foto: Hanssen/Archiv
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Ab 28 Grad klappt die Emder Eisenbahnbrücke wieder mal nicht mehr auf. Das hatte die Deutsche Bahn offenbar nicht so kommuniziert. Der Ärger bei einem Unternehmen ist groß.

Emden - Ihm tue die Deutsche Bahn fast schon ein wenig leid. Das sagte André Grünebast, Sprecher des Teams Wassersport Ostfriesland (TWO), im Gespräch mit dieser Zeitung am Donnerstag. Seit dem Vortag klappt die Eisenbahnbrücke, die den Wasser-Zugang zum Ratsdelft und den Alten Binnenhafent reguliert, zeitweise mal wieder nicht auf. Ab 28 Grad bekommt der Brücken-Bediener die Anweisung, die Brücke nicht mehr zu öffnen, erklärte eine Bahnsprecherin dieser Zeitung auf Anfrage. Die Sorge ist zu groß, dass der Stahl der Brücke sich bei der Hitze ausdehnt und die Brücke nicht mehr schließen kann. Priorität hat aber die Bahn-Verbindung zum Außenhafen und Borkum-Kai.

Was und warum

Darum geht es: Die unendliche Geschichte der Emder Eisenbahnbrücke, die nicht hochklappt, geht ins nächste Kapitel.

Vor allem interessant für: Bootjefahrer, Touristen, Emderinnen und Emder

Deshalb berichten wir: Die AG Ems teilte am Mittwoch mit, dass wieder mal alle Fahrten der „Atlantis“ abgesagt werden müssten, weil die Eisenbahnbrücke nicht hochklappt. Seit Mitte Juli sei das schon wieder der Fall. Wir haben genauer nachgefragt.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Grünebast möchte nicht auf die Bahn schimpfen, obwohl insbesondere Bootjefahrer unter den erneuten Zwangs-Schließungen leiden. In den Niederlanden, das oft als Vorbild für optimale Wasserreviere herangezogen wird, seien wegen der Hitze auch einige Brücken dicht und Strecken gesperrt. Es sei einfach so, dass man in diesen Breitengraden bislang die Infrastruktur nicht auf eine derartige Hitze ausgelegt habe. „Wir brauchen jetzt einfach andere Konzepte.“ Seit mehr als zehn Jahren ist die Eisenbahnbrücke störanfällig, wird immer wieder saniert und repariert. Die jüngste Sanierung war erst Ende Mai abgeschlossen worden. Die nächste Runde steht für Januar an. Dann soll auch die „Temperaturmessung optimiert“ werden und die Brücke länger verfügbar sein. Das ist zumindest die Hoffnung der Bahn.

Kommunikation der Bahn offenbar schlecht

Grünebast sagt, dass die Bootjefahrer in Ostfriesland, die zum Team Wassersport gehören, informiert würden, wenn sie nicht schon von dem erneuten Problem wüssten. Denjenigen, die Boote mit einer Höhe von mehr als 3,10 Meter haben, erkläre man, wie alternativ gefahren werden könne oder wann die Brücke zu kühleren Zeiten klappen könnte. Seinem Eindruck nach seien viele Emder Boote aber schon wieder zurück, weil bei Volkswagen der Betriebsurlaub endet.

Der Tourismus wird für Emden immer wichtiger: zu Land und zu Wasser. Foto: Hanssen/Archiv
Der Tourismus wird für Emden immer wichtiger: zu Land und zu Wasser. Foto: Hanssen/Archiv

Für den Tourismus aber ist die Brücken-Störung ein großes Problem. Zum einen kann das große Rundfahrtschiff „Atlantis“ der Emder Reederei AG Ems nicht den Delft verlassen. Fahrten für diese Woche wurden bereits abgesagt. Erst seit dem 13. Juli sei ihrem Unternehmen bekannt, dass die Brücke ab 28 Grad nicht mehr klappen darf, sagt AG-Ems-Sprecherin Corina Habben. Das war der Tag, „als das erste Mal entsprechend hohe Temperaturen gemessen wurden und wir die für den Tag geplanten Abfahrten absagen mussten“.

Einigen Gästen dreimal Fahrten abgesagt

Das ist ärgerlich für das Unternehmen, denn: „Hafenfahrten sind stark saisonal geprägt, das heißt, wir bieten dann die Fahrten an, wenn entsprechend auch Nachfrage durch Touristen in der Stadt ist. Nun sind die Touristen da und wir müssen bei herrlichem Sommerwetter zumindest schon mal für circa eineinhalb Wochen die geplanten Touren absagen.“ Pro Woche werden normalerweise neun Fahrten mit jedes Mal bis zu 120 Fahrgästen angeboten. Die Absagen bedeuten „verärgerte Gäste, keine Einnahmen und verärgerte Mitarbeiter*innen und zusätzlich Arbeit durch Information, Stornierung und Erstattungen“, so die Sprecherin. „Wir hatten Gäste, denen wir dreimal die Fahrt absagen mussten!“ Auch würden drei Besatzungsmitlieder auf der „Atlantis“ beschäftigt sein, die „verlässliche Arbeitszeiten haben und nicht je nach Temperaturentwicklung wieder nach Hause geschickt werden“, so Habben.

Insbesondere an heißen Tagen kommen die Touristen nach Emden. Bitter, wenn die Bootjefahrer dann aufgrund der Eisenbahnbrücke nicht in den Delft kommen. Foto: Hanssen/Archiv
Insbesondere an heißen Tagen kommen die Touristen nach Emden. Bitter, wenn die Bootjefahrer dann aufgrund der Eisenbahnbrücke nicht in den Delft kommen. Foto: Hanssen/Archiv

Sonst wurde die „Atlantis“ auch schon außerhalb des Delfts vor der Brücke „geparkt“. Das sei auch generell kein Problem, sagt die Sprecherin. Allerdings: Gästefreundlich sei das An-Bord-Kommen dann nicht. Auf die Nachfrage, wie der Kontakt zur Deutschen Bahn wegen der Sache aussieht, erklärt die Sprecherin: „Wir stehen mit der Deutschen Bahn in sehr nettem Kontakt, dass nützt aber wenig, wenn die Mitarbeiter*innen dort keine verlässlichen Angaben machen können und Absprachen quasi nicht mehr nur täglich, sondern fast stündlich aktualisiert werden müssen. Hier müssen pragmatische Lösungen her, wie etwa in Holland. Dort werden Brücken mit Wasser gekühlt.“ Das war unter anderem auch im August 2020 schon in Emden notgedrungen so gemacht worden. Damals konnte die Brücke aufgrund der Hitze nicht schließen und die Feuerwehr musste mit Wasser kühlen, bis es ging.

So kann Emden sich nicht touristisch weiterentwickeln

Als Unternehmen habe sich die AG Ems, die im Auftrag der Stadt die Liegeplätze im Alten Binnenhafen bewirtschaftet, „stets für die Weiterentwicklung und Attraktivierung der Emder Innenstadt und die Belebung des Binnenhafens eingesetzt“, so Habben. Der maritime Charakter und entsprechende Angebote seien ein touristisches Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich Emden abheben könne und weshalb die Urlauber dorthin kämen. Je attraktiver das Angebot, desto eher sei ein Tourist bereit nach Emden zu kommen. „Dass die Gäste am liebsten in den Ferien und bei schönem Sommerwetter an die Nordsee-Küste reisen, überrascht doch nicht wirklich“, schreibt die Sprecherin.

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Durch die fehlende Verlässlichkeit, ob denn nun die Brücke klappt oder nicht, würden zumindest die auswärtigen Bootjefahrer „zunehmend Emden meiden: Wenn man Glück hat, kommt man rein in den alten Binnenhafen und wenn man Pech hat, nicht mehr raus – das ist doch kein Zustand!“

Stadt sucht mit der Bahn nach einer Lösung

Am 30. August will außerdem die „Rhein Prinzessin“, das Flusskreuzfahrtschiff der Phoenix Reederei, wieder in Emden vor dem „Hotel am Delft“ festmachen. Sie soll Emden nachts erreichen. Dann dürften die Temperaturen so oder so niedrig genug sein, dass die Brücke öffnen könnte. Sollte das nicht klappen, wäre das ein weiterer Schlag ins Kontor. Das Stadtmarketing um Martje Merten hatte sich in den vergangenenn Jahren stark für Emden als Stopp für Flusskreuzer eingesetzt.

Der Ratsdelft und der Alte Binnenhafen in der Stadmitte von Emden sind ein beliebtes Ziel für Freizeitskipper. Foto: T. Bruns/Archiv
Der Ratsdelft und der Alte Binnenhafen in der Stadmitte von Emden sind ein beliebtes Ziel für Freizeitskipper. Foto: T. Bruns/Archiv

Bei der Stadt Emden sind sie unterdessen weiter bemüht, gemeinsam mit der Deutschen Bahn eine Lösung zu finden. „Selbstverständlich stehen wir in Kontakt mit der DB“, schreibt Stadtsprecher Eduard Dinkela auf Anfrage dieser Zeitung. Die Probleme seien „aus unserer Sicht natürlich ärgerlich, aber momentan technisch nicht lösbar“. Die Stadt hoffe, dass sich die Einschränkungen für den Boots- und Schiffsverkehr in Grenzen halten. Denn die Funktionalität der Brücke sei nur bei wirklich extremer Hitze eingeschränkt.

Yacht-Club befürchtet einen „Langzeiteffekt“

Auf die Mitglieder des Emder Yacht-Clubs (EYC), die eigene Motor- oder Segelyachten haben, wirken sich die Störungen kaum aus, sagte EYC-Vorsitzender Dieter Stomberg. Die meisten hätten ihre Liegeplätze im Sommer im Yachthafen des Clubs vor der Großen Seeschleuse und blieben in der Regel auch draußen.

Auch Flusskreuzfahrtschiffe wie die MS "Calypso" müssen die Eisenbahnbrücke passieren, um im Alten Binnenhafen in der Stadtmitte festmachen zu können. Foto: T. Bruns/Archiv
Auch Flusskreuzfahrtschiffe wie die MS "Calypso" müssen die Eisenbahnbrücke passieren, um im Alten Binnenhafen in der Stadtmitte festmachen zu können. Foto: T. Bruns/Archiv

Stomberg befürchtet aber „einen Langzeiteffekt“. Auswärtige Freizeitskipper nämlich, die die Probleme mit der Eisenbahnklappbrücke kennen würden, kämen erst gar nicht mehr oder machten als Gastlieger im Yachthafen fest. Viele Niederländer, die Emden sonst regelmäßig ansteuerten, hätten diesen Törn „komplett von der Liste gestrichen“ und würden an Emden vorbeifahren, so der Clubchef.