Wuppertal Anish Kapoors Protest gegen Krieg und Gewalt
Rot ist die Farbe der Liebe, aber auch die des Blutes: Anish Kapoor inszeniert mit neuen Skulpturen im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden die Farbe Rot - und seinen Protest gegen Krieg und Gewalt.
Jetzt ist der Krieg in der Kunst angekommen. Anish Kapoor, Kosmopolit der Bildhauerei, inszeniert im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden neue Arbeiten wie Mahnmale eines Massakers. „Dumped“: In einen Metallwinkel scheint ein Haufen Gedärme gezwängt. „Table of Law“: Auf mittlerer Höhe einer riesigen Etagere liegt ein unförmiger Körperklumpen. „Treshold Door“: Ein rotes Portal, das in einer Blutwanne steht. Sicher, jede dieser Arbeiten ist ein Produkt der Kunst, gefertigt aus Stahl und Silikon, Harz und Holz. Und sicher, die Farbe Rot spielt in Kapoors Werk seit Jahren eine wichtige Rolle. Aber hier hilft kein Abwiegeln. Auch wenn Kapoor seine neuen Werke nicht als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine verstanden wissen möchte – der Großmeister der Skulptur zeigt dennoch, dass die zeitgenössische Kunst mehr ist als eitles Spiel für Großanleger. Sie kann auch der Aufschrei des Gewissens gegen eine Gegenwart der Gewalt sein, immer noch.
Anish Kapoor hat sechs Großplastiken nach Wuppertal entsandt. Dort hat sie mit Tony Cragg ein anderer Kunststar in Empfang genommen. Beide sind unter anderem Träger des Praemium Imperiale, des inoffiziellen Nobelpreises der Künste. Cragg unterhält seit 2008 mit seinem „Waldfrieden“ einen der schönsten Skulpturenparks Europas. Auf 14 Hektar sind dort Skulpturen von besten Namen zu sehen. Per Kirkeby, Henry Moore, Thomas Schütte, Joan Miró, Markus Lüpertz oder eben Tony Cragg – Skulpturen erscheinen im Schatten hoher Bäume wie fremde Wesen, die man zum ersten Mal sieht, angezogen, befremdet, aber immer fasziniert. Und nun der 1954 im indischen Mumbai geborene britische Superstar Anish Kapoor. Die Station in Wuppertal gehört zu einem Ausstellungskonzert, das er gerade aufführt. In zwei venezianischen Palazzi, die er unlängst erworben hat, zeigt Kapoor jetzt ebenfalls seine Arbeiten – parallel zur laufenden Biennale.
Im Wuppertaler Park zeigt Kapoor sechs Großskulpturen, fünf in einem Glaskubus, eine unter freiem Himmel. Dieser Weltreisende der Skulptur hat mit seiner Kunst schon in aller Welt bezaubert, im öffentlichen Raum Chicagos wie im Schlosspark von Versailles, um nur zwei Positionen aus einer endlos langen Liste der Ausstellungsorte herauszugreifen. Im Skulpturenpark gelingt eine Präsentation von seltener Dichte und Eindringlichkeit. In jeder seiner fünf Arbeiten im Pavillon konfrontiert Kapoor die Geometrie gebauter Architektur mit der Unförmigkeit des Organischen. Winkel, Tor, gestapelter Bau: Anish Kapoor führt eine kleine Grammatik gebauter Ordnung vor. Halt und Sicherheit gibt sie aber nicht. Denn die Körper, die er einfügt, wirken verletzt, versehrt, entmenscht. Ein Anblick, der anrührt, ja wachrüttelt.
Kapoor mag Exerzitien der Bildhauerei vorführen. Zugleich zeigt er, dass die zeitgenössische Kunst, mal als Scharlatanerie belächelt, mal als Spekulationsobjekt verachtet, noch eine moralische Instanz sein kann. Kapoor muss nicht auf platte Botschaften verfallen, um diese Eindringlichkeit zu erreichen. Bestes Beispiel dafür ist seine Plastik „Robe“ aus Silikon, Leinwand und weiteren Materialen. Im Raum scheint ein lang fallendes Gewand regelrecht zu schweben. Mit seinem Faltenwurf erinnert es an die Theatralik barocker Bilder. Das Rot, das diesen Stoff durchtränkt, berührt als Farbe einer Wunde, die sich niemals wirklich schließt. So ist „Robe“ beides: Körpersilhouette und Mahnmal zugleich – und eine Skulptur, vor der Betrachter lange versonnen stehen bleiben.
Das Rot Kapoors verlässt einen bei dieser Ausstellung nicht. Das gilt erst recht für „Sectional Body preparing for Monadic Singularity“, einen schwarzen Stahlwürfel von über sieben Meter Kantenlänge, in den PVC-Bahnen eingespannt sind, die sich nach innen wie immer enger werdende Schläuche verjüngen. Ihr knalliges Rot wirkt unter den Bäumen besonders aufregend, weil es in scharfen Komplementärkontrast zu den grünen Blätterdächern tritt. Kapoor bereitet hier eines jener Verwirrspiele der Wahrnehmung, für die er berühmt geworden ist. Außen Kanten, innen Kreise und Ovale, außen kalte Ordnung, innen lockende Öffnungen. Was ist das? Eine fleischfressende Pflanze, die verschlingt, wer ihr zu nahe kommt? Oder ein überdimensionales Musikinstrument, das im nächsten Moment einen Trompetenstoß hören lässt?
Anish Kapoors Würfelriese von 2015 steht so auffallend gut platziert im Skulpturenpark, das schon jetzt darüber spekuliert werden darf, ob diese Plastik am Ort verbleiben könnte. Tony Cragg reagierte bei der Preview auf Nachfragen noch abwiegelnd. Aber für den weltgewandten Kapoor könnte es zu einem Strategiewechsel passen, den der Künstler nach dem Brexit offenbar vollzieht. Kapoor sucht neue Orte, bemüht sich gerade auch um die italienische Staatsbürgerschaft, wie zu hören war. In Venedig hat er schon einen zweiten Wohnsitz außer London gefunden. Kein Wunder: Zu den Konsequenzen des Brexit gehört auch, das die aufwendigen Kunsttransporte gerade für Riesenformate der Skulptur noch einmal deutlich verteuert werden. Das ist Gift, gerade für einen global agierenden Kunststrategen wie Anish Kapoor. Wie gut, das sich solche Sorgen im Wuppertaler Waldfrieden für einen Moment vergessen lassen.
Wuppertal, Skulpturenpark Waldfrieden, Hirschstr. 12: Anish Kapoor. Skulpturen. Bis 1. Januar 2023. Di.-So., 11-18 Uhr (bis Oktober); Fr.-So., 11-17 Uhr (November und Dezember). www.skulpturenpark-waldfrieden.de