Redakteurin macht Selbstversuch  Ernte mit Schweiß und Schwielen in Wiegboldsbur

| | 14.08.2022 14:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Friedrich Eilers (links) und Gerd Rinderhagen bei einer Erntepause. Rinderhagen schärft seine Sichte für die letzten Halme. Foto: Böning
Friedrich Eilers (links) und Gerd Rinderhagen bei einer Erntepause. Rinderhagen schärft seine Sichte für die letzten Halme. Foto: Böning
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Historische Fotos von Getreide- und Heuernten haben oft etwas Romantisches. Beim Mühlenverein Wiegboldsbur kann die Autorin selbst anpacken und herausfinden, wie es damals wirklich war.

Wiegboldsbur - Die Sonne brennt vom Himmel und die Grillen zirpen. Um das Gefühl einer kleinen Zeitreise perfekt zu machen, fahre ich als historischer Erntehelfer über alte malerische Schotterwege mit dem Rad zur Feldarbeit. Im Kopf habe ich Bilder aus Zeiten, als in der Landwirtschaft noch viel mehr Handarbeit notwendig war und viele Erntehelfer gemeinsam anpacken mussten. Ich will diese alten Fotos mit Leben füllen. Auf einem kleinen Feld an der Brunnenfenne in Wiegboldsbur warten Mitglieder des Mühlenvereins. Dort, heißt es, wird noch auf traditionelle Weise Getreide geerntet.

Was und warum

Darum geht es: Die Autorin ist fasziniert von historischen landwirtschaftlichen Fotografien. Mit dem Mühlenverein Wiegboldsbur will sie jetzt selbst erleben, wie die Getreideernte damals tatsächlich war.

Vor allem interessant für: alle, die sich für Landwirtschaft interessieren, Geschichts- und Maschinenfreunde und jeder, der wissen möchte, wie Getreide in unser Brot kommt

Deshalb berichten wir: Der Mühlenverein hat zu seiner jährlichen Getreideernte, dem „Sichten und Binden“, eingeladen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Der Verein bewirtschaftet seit etwa 20 Jahren einen kleinen Acker. In diesem Jahr hat Weert Freimuth am 1. April Hafer gesät. Das Feld soll jetzt geerntet werden, damit das Getreide zum Döschkefest im September weiterverarbeitet werden kann. Der Mühlenverein will den ganzen Kreislauf zeigen, vom Korn zum Brot. Jedenfalls symbolisch. Denn das Getreide vom Feld wird nicht zu Lebensmitteln verarbeitet. Die Mühle darf nur Tierfutter herstellen, weil sie nicht täglich läuft. Bei längerem Stillstand leidet die Qualität von Mehl und Schrot in den Ritzen des Mühlsteins.

Sichte schärfen für eine gute Ernte

Auf dem kleinen Feld angekommen begrüßt mich das helle Schaben eines Wetzsteins, der über die Schneide einer Sichte schnarrt. Diese kurze Kniesense muss scharf sein, damit sich die starren Halme des Hafers von ihr schneiden lassen. Ich steige gleich ein. Erste Aufgabe: die kurze Sense richtig führen. Eigentlich Männerarbeit, aber die Jungs vom Mühlenverein wollen an diesem Tag mal nicht so sein.

Karl-Heinz Freimuth zieht den Mähbinder mit seinem Vater Weert Freimuth an den Hebeln über das Feld. Die geschnittenen Halme fallen auf das Förderband und werden zum Binder transportiert. Foto: Böning
Karl-Heinz Freimuth zieht den Mähbinder mit seinem Vater Weert Freimuth an den Hebeln über das Feld. Die geschnittenen Halme fallen auf das Förderband und werden zum Binder transportiert. Foto: Böning

Woher weiß ich überhaupt, dass das Korn reif ist? Gerd Rinderhagen nimmt eine Haferrispe, zerreibt sie in den Händen und bläst die Spreu weg. „Die Körner müssen hart und trocken sein und sich gut lösen.“ Er steckt ein Korn in den Mund. „Wenn es knackig ist und nicht mehlig schmeckt, ist es reif für die Ernte.“ Rinderhagen ist zufrieden. Es ist genau die richtige Zeit, die Sichte zu schwingen.

Komplizierter als Essen mit Stäbchen

Egge Eggen hat den Dreh raus: Mit der Bike, einem kurzen Stahlhaken, die Halme zur Seite unter Spannung bringen und mit der Sense kurz über dem Boden abschneiden. Das klingt leicht, ist aber hundertmal schwerer als Essen mit Stäbchen. Beide Hände müssen koordiniert zusammenarbeiten, die Höhe der Schneide muss stimmen und die Kraft beim Hieb gut dosiert sein. „Wenn du das ganze Feld gemäht hast, kannst du es“, macht mir Gerd Rinderhagen Mut. Das gibt bestimmt ordentlich Blasen und Schwielen an den Händen.

Johannes Ahrends (von links), Arnold Detmers und Rosalie Krämer stellen sechs Garben zu einem Hock zusammen Foto: Böning
Johannes Ahrends (von links), Arnold Detmers und Rosalie Krämer stellen sechs Garben zu einem Hock zusammen Foto: Böning

Mein Blick gleitet über den Acker. Anfangs war ich enttäuscht, dass schon so viel Hafer vorab mit dem Mähdrescher vom Feld geholt wurde. Nur ein Streifen ist übrig für die Sichte und ein größerer für den Mähbinder. Der Binder ist ein Gerät aus den 50er Jahren und war damals eine Offenbarung für die Landwirte und ihre Helfer. Er kann Getreide schneiden und gleichzeitig zu Garben binden. Nach den ersten Hieben mit der Sichte kann ich gut verstehen, wie groß die Freude über die neue Technik damals gewesen sein muss.

Alte Technik hilft beim Mähen und Binden

Nächster Arbeitsschritt für mich: Halme zu Garben binden. Wenn der Hafer lang genug wäre, könnte ich die Halme dafür nutzen. Stattdessen nehmen wir Bindegarn, die spezielle Halm-Knotentechnik lerne ich beim nächsten Mal. Für Technik-Freunde wie mich ist es faszinierender, dem alten Dreifach-Mähbinder bei dieser Arbeit zuzuschauen, wenn Weert Freimuth darauf von seinem Sohn Karl-Heinz mit dem Zetor-Traktor 4712 aus den 70er Jahren durch den Hafer gezogen wird.

Eine rotierende Schnecke trennt die Halme für die Mahd, die Haspel beugt sie, damit sie beim Mähen sauber auf das Förderband fallen. Wenn sich genügend Halme angesammelt haben, löst eine Feder aus und der Binder springt an. Wie Spinnenbeinchen umwickelt die drei Finger die Halme mit Bindegarn, erzeugen einen sauberen Knoten. Der Binder spuckt am Ende die fertige Garbe aus. Weert Freimuth steuert über die Hebel am Mähbinder die Höhe der Haspel, die Tiefe des Schnitts und wo die Garben gebunden werden. Alles manuell.

Der Schweiß brennt in den Wunden

Wir Helfer greifen die Garben und stellen jeweils sechs davon zu einem Hock zusammen. Warum sechs? Das ist nur bei Hafer so, erfahre ich. Hafer bindet viel Feuchtigkeit und muss deshalb luftiger stehen, sagt ein Dokument aus dem Jahr 1943, das ich dazu im Netz finde. Ach so. Roggen kann enger stehen in bis zu 12 Garben. Die Halme schneiden in meine Haut, am Hals bringt der rinnende Schweiß die kleinen Wunden zum Brennen und Jucken. Abends, beim Duschen, werden mich meine durch die vielen Schnittwunden brennenden Beine und Arme an die Arbeit erinnern. Aber sie heilen schnell. Den Spaß können sie mir nicht verderben.

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Historische Getreideernte in Wiegboldsbur
14.08.2022

In der Pause kommen alle Helfer zusammen. Es gibt Rosinenstuten mit Butter und zum Trinken Buttermilch. Ich liebe Buttermilch ohnehin, aber sie hat mir nie besser geschmeckt als nach dieser Arbeit, aus einer alten Milchkanne mit der Kelle geschöpft und aus dem Kannendeckel geschlürft. Schon allein diese Erkenntnis war die Plackerei wert. Was ich außerdem lerne: Beim Trinken kniet man auf den Fersen oder stellt ein Bein an, damit das Getränk länger durch den Körper rinnt und nicht gleich durchrutscht. Das, erfahre ich von Weert Freimuth, hätten die Landwirte früher ganz genau genommen.

Nächster Höhepunkt für die Halme: das Dröschkefest

Das Getreide bleibt jetzt zwei Wochen zum Hock aufgestellt auf dem Acker, dann wird es bis zum Döschkefest eingelagert. Auch dann wird eine historische Maschine zum Einsatz kommen und die Spreu vom Hafer trennen. Der Wiegboldsburer ist nicht der einzige Mühlenverein, der den historischen Weg vom Korn zu Kuchen oder Brot noch heute zeigt. Zum Beispiel feiert die Mühle Hahnentange ein Dreschfest, bei der Vareler Windmühle können Kinder Korn selbst dreschen und an der Bockwindmühle in Dornum gibt es eine kleine Anbaufläche für verschiedene Getreidearten.

Auch weil ich alte Maschinen liebe, bin ich fasziniert von der kleinen Zeitreise durch die Erntetechniken des letzten Jahrhunderts in Wiegboldsbur. Auf dem Rückweg komme ich am Mähdrescher vorbei, der vorab die meiste Arbeit auf dem Feld übernommen hatte. Mit dem hält man in nur einem Arbeitsgang gleich das Korn in den Händen. Mit den Fingern rubbel ich die Patina vom Typenschild des Geräts von „John Deere – Lanz“ aus Zweibrücken. 1968 ist das Baujahr – auch schon historisch. Eigentümer Karl-Heinz Freimuth knattert mit seinem Mähbinder an mir vorbei: „Wird jetzt alles gereinigt und bis zum nächsten Jahr wieder eingelagert“, ruft er rüber. Schade eigentlich, dass die Erntesaison so kurz ist, denke ich. Gerade bin ich auf den Geschmack gekommen.

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