Ankara Verbot von Musik: Wie der Einfluss radikaler Islamisten in der Türkei wächst
Musik ist in der Türkei landesweit ab ein Uhr morgens verboten, Konzerte und Musikfestivals werden reihenweise untersagt. Der Grund: Die Regierungspartei will damit die Gunst der islamisch-konservativen Wähler bewahren.
Das Verbot kam wie immer im letzten Moment. Sechs Tage vor dem Start untersagten die türkischen Behörden das Zeytinli-Rockfestival, zu dem ab diesem Mittwoch hunderttausende Fans aus der ganzen Türkei erwartet wurden. Einspruch zwecklos, wie den Veranstaltern nach vielen ähnlichen Verboten in diesem Sommer klar war. In der Türkei ist es still geworden.
Indem sie Musik und Lebensfreude als sittenwidrig dämonisiert, will die Regierungspartei AKP islamisch-konservative Wähler motivieren, trotz der wirtschaftlichen Misere zu ihr zu halten. Radikal-islamische Gruppen erkennen die Gunst der Stunde und setzen immer weitere Verbote gegen westliche Musik und Jugendkultur durch.
Beim Zeytinli-Festival sollten bis Sonntag 70 bekannte Künstler auftreten, darunter die türkische Eurovisions-Siegerin Sertab Erener, der Rapper Ceza und die Ska-Band Athena, die schon mit den Rolling Stones gespielt hat.
Das Festival im westtürkischen Balikesir findet seit 2005 jährlich statt; es war zu einer der größten und attraktivsten Musikveranstaltungen des Landes avanciert, seit die großen Musikfestivals von Istanbul abstarben, weil ihnen die Finanzierung durch Alkoholfirmen verboten wurde. Nach Zeytinli pilgerten vor der Pandemie-Pause bis zu 250.000 Fans, und auch in diesem Jahr waren schon tausende Karten verkauft – die von den Veranstaltern nun erstattet werden müssen.
„Sie gönnen unserer Jugend nicht, ein paar Tage glücklich zu sein“, klagte die Veranstalter-Firma Milyon. Anlass zu dem Verbot seien Beschwerden islamischer Orden gegen das Festival gewesen, argwöhnte Milyon. „Wir wollten den Gerüchten nicht glauben, dass die Behörden sich von diesen Sekten unter Druck setzen lassen, das Festival zu untersagen; aber nun müssen wir einsehen, dass das wohl nicht nur Gerede war.“ Offiziell begründete das Landratsamt die Verbotsentscheidung mit Sorge um die öffentliche Ordnung und den gesellschaftlichen Frieden.
Damit folgte das Verbot von Zeytinli dem Muster, nach dem in diesem Sommer schon reihenweise Konzerte und Festivals im ganzen Land abgesagt wurden: Islamistische und ultra-konservative Gruppen laufen Sturm in den sozialen Medien gegen eine geplante Veranstaltung, zetern über Alkohol, Drogen und unsittliche Kontakte zwischen Jungen und Mädchen bei Festivals, über kurze Röcke von Popsängerinnen oder über anstößige Texte von Rap-Musikern.
Das Spektrum der Beschwerdeführer reicht von Jugendverbänden islamistischer und nationalistischer Parteien über die Gewerkschaft des staatlichen Religionsamtes bis hin zu islamischen Orden und Bruderschaften. Die Behörden verbieten die Veranstaltung dann mit Verweis auf den Volkswillen.
Wahltaktisch hat die Regierungspartei von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan dabei nichts zu verlieren, denn Besucher von Rockfestivals würden ohnehin nicht die AKP wählen und sind gesellschaftlich in der Minderheit. Nur 36 Prozent der Türken sehen sich nach einer neuen Studie des demoskopischen Instituts MetroPoll als „modern und säkular“; knapp 32 Prozent verstehen sich als „fromm und konservativ“, und weitere 24 Prozent als „modern und konservativ“.
Weil der AKP wegen der Inflation die Wähler davonlaufen, braucht sie ein anderes Thema als die Wirtschaft, um sie an sich zu binden und von der Opposition fernzuhalten. Die Polarisierung zwischen säkularen und islamisch-konservativen Wählern ist dabei ein bewährtes Mittel, und Anstand und Sitte dürften konservativen Wählen ebenso wichtig sein wie ihr Geldbeutel.
Selbst unter Anhängern der Regierung werden inzwischen Zweifel laut, ob sie es bei der Polarisierung nicht zu weit treibt und radikal-islamistischen Gruppen zur Macht verhilft. Der populäre islamische Prediger Cübbeli Ahmet warnt seit Monaten vor einem wachsenden Einfluss von Salafisten im Land, der vom Staat toleriert oder sogar gefördert werde. Der Prediger fürchte sich zu Recht davor, schrieb der Politikwissenschaftler Selim Koru mit Verweis auf Aktivitäten des Islamischen Staats in der Türkei. Möglicherweise stehe die Türkei erst am Anfang einer radikalen Islamisierung.