Menschen in der Natur  Wenn Umweltschützer die Stirn runzeln müssen

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 18.08.2022 16:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Onno K. Gent ist seit Jahren Ranger im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Fotos: Ortgies
Onno K. Gent ist seit Jahren Ranger im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Fotos: Ortgies
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Als Nationalpark-Ranger hat Onno K. Gent schon viel Kurioses mit Besuchern des Wattenmeers erlebt. Am Deich von Campen plaudert er etwas aus dem Nähkästchen.

Campen - „Ich war schon drei Mal hier und nie war die Nordsee da. Das ist Betrug!“ Das ist eine der wohl kuriosesten Beschwerden, die Onno K. Gent von Urlaubern zu hören bekommen hat. Aber auch ansonsten hat der Nationalpark-Ranger am und im Wattenmeer schon viel mit seinen Mitmenschen zu tun gehabt, von denen einige immer mal wieder in Gefahr geraten. Mit unserer Zeitung hat der Norder nun am Deich bei Campen etwas aus dem Nähkästchen geplaudert.

Was und warum

Darum geht es: Ein Nationalpark-Ranger und die Feuerwehr berichten, was sie schon alles am und im Watt erlebt haben.

Vor allem interessant für: Wattbesucher

Deshalb berichten wir: Immer mal wieder tauchen Einsatzmeldungen der Feuerwehr auf, die mit dem Wattenmeer zu tun haben.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Erst gerade noch sei dort ein Ehepaar vorbeigekommen, sagt Gent. Der Mann habe gefragt, wo er hier baden könne und wo er dafür Eintritt zahlen müsse. Der Ranger habe ihm daraufhin deutlich gemacht, dass das Baden nahe des Leuchtturms gar nicht in Frage komme. Das sei Schutzgebiet, denn es gibt dort eine sogenannte Schillbank. Eine wichtige Brutstätte für Tiere also, die nicht gestört werden sollen. „Der Mann wirkte entsetzt.“ Dabei habe man den gesamten Bereich schon mit Warnhinweisen vollgehängt.

Fotoshooting bei Flut

Einmal habe Gent außerdem Dreharbeiten an der Schleuse Leysiel begleitet, wo bei Ebbe eine Szene mit einer Leiche gespielt werden sollte. Die Produktionsfirma habe zwar in den Tidenkalender geschaut, aber weil der Wind aus einer ungünstigen Richtung kam, sei die Nordsee schneller aufgelaufen, als geplant. Der Ranger habe zwar gewarnt, aber das Kamerateam musste erst noch Fotos von den Darstellern machen, ehe die Arbeiten endgültig abgebrochen werden mussten. „Die Nordsee hält sich nämlich nicht an Kalender.“

Die Urlauber Birgit und Joachim Kraftberger aus Oberhausen machten mit ihrer angeleinten Hündin „Lina“ einen Spaziergang am Deich. Das ist dort so erlaubt.
Die Urlauber Birgit und Joachim Kraftberger aus Oberhausen machten mit ihrer angeleinten Hündin „Lina“ einen Spaziergang am Deich. Das ist dort so erlaubt.

Es gibt viele Fälle, in denen es die Wattbesucher gar nicht böse meinen. Das bringt ihnen aber gerade dann nichts, wenn sie sich dadurch selbst in Gefahr bringen. Der 65-Jährige erinnert sich so beispielsweise noch an eine Frau, die vor einigen Jahren barfuß im Watt umherlief, was damals noch üblicher gewesen sei als heute. Plötzlich habe sie sich dann an einer Muschel eine Sehne am großen Zeh aufgeschnitten und dadurch Gleichgewichtsstörungen bekomme. Ihr musste zurück an die Küste geholfen werden.

Sonnenstrahlung, Drohnen und Hunde

Auch komme es immer mal wieder vor, dass am Meer die Kraft der Sonne unterschätzt wird. „Die Luft ist kühl und es fühlt sich frisch an. Aber das Licht wird an der Küste von allen Seiten reflektiert.“ Das könne schneller zu einem Sonnenbrand oder schlimmstenfalls auch zu einem Sonnenstich führen. „Das merkt man meistens erst gar nicht“, warnt Gent.

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Darüber hinaus bittet er darum, keine Drohnen im Nationalpark steigen zu lassen. Das sei verboten und auch gut so. „Die haben eine enorme Scheuchwirkung auf Vögel.“ Zudem sollten Tierhalter darauf achten, dass sie ihre Hunde unter Kontrolle haben. So gibt es beispielsweise am Strand von Norddeich einen nicht zur Schutzzone des Nationalparks gehörenden Bereich, wo diese ohne Leine ins Wasser dürfen.

Wattführer kennen Nebel und Gewitter

Die Erfahrung zeige, dass die Tiere dann gerne mal vom Gefühl der „megagroßen Freiheit“ überwältigt werden, dann noch der Jagdtrieb dazukomme und sie sich auf und davon machen. Abseits dieses Strandabschnitts gilt daher an der Küste auch fast überall ein Leinengebot – wie zum Beispiel an den Krummhörner Deichen oder im Wattenmeer selbst. „Die Menschen haben damit aus Erfahrung ein größeres Problem als ihre Hunde.“ Andernorts – gerade dort, wo Schafe weiden – gebe es auch komplette Hundeverbote.

Wer raus ins Watt möchte, dem empfiehlt Gent, das grundsätzlich nur in Begleitung von professionellen Führern zu machen. Alleine ein paar Meter rausgehen sei an den richtigen Stellen noch in Ordnung, aber es sollten dann „deutlich weniger“ als 100 Meter sein. „Das Wasser kommt schnell und in einer ungeheuren Menge.“ Zudem könne in Prielen Wasserdruck entstehen, bei dem man sich schon bei kniehohem Pegel nur schwer auf den Beinen halten könne. „Darum meiden Wattführer diese Stellen auch.“ Diese wüssten zudem, was bei Nebel zu tun sei und gingen nicht raus, wenn sich Gewitter ankündigen. Im Watt seien diese lebensgefährlich, da es nirgendwo Schutz gebe.

Feuerwehr buddelt Mann im Watt aus

Wie schnell das Watt für Mensch und Tier zur Gefahr werden kann, das weiß auch Manuel Goldenstein. Er ist Sprecher des Kreisfeuerwehrverbands Aurich und sagt, dass es immer mal wieder zu Einsätzen komme. Vor allem im Bereich Norden, aber auch bei Neßmersiel oder Westerbur.

Die in Not geratenen würden dabei nicht nur die Tide unterschätzen, sondern auch wie anstrengend es ist, sich im Watt zu bewegen. Darunter litten auch die Feuerwehrleute, die die Menschen dann schlimmstenfalls in Schleifkorbtragen wieder an Land bringen müssen. Einmal habe man sogar mal jemanden ausbuddeln müssen, der bis zur Hüfte im Schlick eingesunken sei, so Goldenstein. Ein „sehr anstrengender“, aber auch seltener Fall.

Falsche Notfälle

Wenn gar nichts mehr helfe oder die Flut schon zu weit fortschreite, alarmiere man die Deutsche Lebens-Rettungsgesellschaft (DLRG) und die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) samt Hubschreiber für einen Such- und Rettungseinsatz dazu. Oftmals könne man vermisste Personen oder Hunde aber schon mit dem Fernglas erspähen. Nur neulich sei einmal – dank Sondergenehmigung – eine Drohne unterwegs gewesen, um einen Vierbeiner aufzuspüren.

Darüber gebe es noch Einsätze, bei denen es sich um keinen Notfall handle. „Manchmal legen sich Surfer auf dem Meer auf ihr Brett, um sich auszuruhen oder sie klammern sich an eine Boje für eine Pause.“ Das werde dann gerne mal von den Passanten an Land falsch eingeschätzt. „Aber besser ein Einsatz zu viel, als einer zu wenig“, betont der Sprecher.

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