Urlaub an der Küste  Der Tourismus und der enge Gürtel in Krisenzeiten

| | 18.08.2022 16:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Urlaubsspaß an der ostfriesischen Nordseeküste: Erik aus Göttingen und Mia aus Geeste am Strand von Norddeich. Foto: Ortgies
Urlaubsspaß an der ostfriesischen Nordseeküste: Erik aus Göttingen und Mia aus Geeste am Strand von Norddeich. Foto: Ortgies
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Im Juli waren an den Stränden Ostfrieslands mitunter überraschend wenige Urlauber. Auch eine Folge des Kriegs in der Ukraine, sagt ein Touristiker und meint damit: Gasrechnung schlägt Urlaubsreise.

Ostfriesland/Friesland - Wer im Juli öfter mal direkt an der Küste unterwegs war, konnte sich wundern: Die Parkplätze nicht mal halb voll, die Strände recht übersichtlich besucht. Üblicherweise ist das Bild mitten in der Hochsaison ein ganz anderes: Hinter dem Deich steht Auto an Auto, vor dem Deich ist jeder Strandkorb belegt.

Was und warum

Darum geht es: Kommen weniger Urlauber, weil die Leute jetzt für die Gasrechnung sparen?

Vor allem interessant für: Urlauber, Touristiker und Menschen, die vom Tourismus leben

Deshalb berichten wir: Bei mehreren Strandbesuchen im Juli fiel auf, dass sie deutlich leerer waren als sonst um diese Jahreszeit. Daraufhin haben wir herumgefragt.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

Vor Corona jedenfalls war das so, und auch während der Pandemie – wenn nicht gerade ein Lockdown das Reisen verbot. Doch ist diese Wahrnehmung aus dem Juli belastbar? Eine Umfrage bei Touristikern ergibt: Ja, wenn auch nicht bei allen. Die Gründe? Noch Spekulation; es gibt aber Hinweise.

Carolinensiel

„Der Juli war definitiv schwächer als der Vergleichsmonat 2019“, stellt Marcus Harazim fest, stellvertretender Kurdirektor in Carolinensiel. Der Rückgang sei zwar nicht dramatisch, aber dennoch: „Wir waren im Juli nicht so ausgebucht wie üblich; dabei ist das die Hauptsaison.“ Kein Bauchgefühl, Harazim hat die Zahlen schon ermittelt: Verglichen mit dem Juli 2019 (dem letzten vor der Corona-Pandemie) ging die Zahl der Übernachtungen um 9,75 Prozent zurück.

So ganz überrascht ist er nicht. Erst die hohen Spritpreise, dann die Unsicherheit über die deutlich höheren Gaspreise – „die Leute wollen ihr Geld jetzt zusammenhalten, sie sind sparsamer geworden“, sagt Harazim. Dass der Juli so schlecht ausfiel, ist für ihn auch eine Folge des Kriegs in der Ukraine. Dabei war das erste Halbjahr „gar nicht mal schlecht“, so der Touristiker. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 gab es nur 1,5 Prozent weniger Übernachtungen.

Krummhörn und Wangerland

„Wir merken gerade, dass es bei uns nicht so übervoll ist wie in den vergangenen beiden Jahren“, sagt auch Wolfgang Lübben von der Touristik GmbH Krummhörn-Greetsiel. Er könne sich vorstellen, dass die Urlaubskasse wegen der Inflation etwas schmaler sei, „und das Bezahlen der Gasrechnung ist vielen vielleicht auch wichtiger als eine Urlaubsreise“. Die Wahrnehmung bezieht sich laut Lübben aber tatsächlich nur auf den Beginn des zweiten Halbjahres. Im ersten Halbjahr 2022 seien sogar 20 Prozent mehr Gäste gekommen als im Vor-Coronajahr 2019.

Auch im Wangerland (Kreis Friesland) ist die geringere Gästedichte im Juli aufgefallen. „Ja, definitiv“, bestätigt Larissa Strangmann von der Wangerland Touristik. Und bei den Urlaubern, die da sind, sitze das Geld auch nicht ganz so locker wie sonst, so höre sie es aus der Gastronomie. Auch Strangmann geht davon aus, dass die Menschen mit Blick auf die Heizperiode im Herbst und im Winter nun mehr aufs Budget gucken. Sie kann dieser Entwicklung aber auch etwas Positives abgewinnen: „Der Tourismus entzerrt sich und wird damit auch gesünder.“ Grundsätzlich ist man im Wangerland mit der Entwicklung des Tourismus zufrieden. Bezogen auf den Zeitraum von Anfang Januar bis Ende Juli sind demnach 46 Prozent mehr Gäste gekommen als 2021 (einem Jahr mit Lockdown-Phasen). Verglichen mit dem Vorkrisenjahr 2019 kamen demnach in diesem Zeitraum allerdings rund sieben Prozent weniger Gäste.

Bensersiel und Norddeich

Claudia Eilts kennt die Argumente zur Inflation und zur wirtschaftlichen Unsicherheit natürlich auch; so ganz teilt sie die Wahrnehmung ihrer Kolleginnen und Kollegen an der Küste aber nicht. Eilts ist für den Tourismus in Bensersiel zuständig und sagt: „Wir hatten auch im Juli gleichzeitig hunderte Gäste im Freibad, hunderte in der Therme und einen vollen Strand – da fragte man sich schon: Wo kommen die Urlauber alle her?“ Wenn mal weniger da gewesen seien, habe das auch am Wetter gelegen.

So ganz, das räumt sie aber ein, geht die Beobachtung der anderen auch nicht an Bensersiel vorbei. Es habe auch Stornierungen mit der Begründung gegeben, dass man für die Gasrechnung sparen müsse, so Eilts.

Nur aus Norddeich heißt es: alles gut. Mit den Buchungen zu Beginn des zweiten Halbjahres sei man sehr zufrieden. Zurzeit könne man nicht feststellen, dass es eine sinkende Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten gebe. Genaue Zahlen gebe es erst am Jahresende.

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