Osnabrück  Der Wutwinter hat schon im Hochsommer Konjunktur

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 19.08.2022 18:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Warmlaufen für den Wutwinter? „Querdenken“-Demonstration vor der JVA Stammheim. Foto: dpa
Warmlaufen für den Wutwinter? „Querdenken“-Demonstration vor der JVA Stammheim. Foto: dpa
Artikel teilen:

Querdenker freuen sich schon auf ihn: den Wutwinter. Das ist der Trendbegriff für einen Trend, den es noch gar nicht gibt. Auch aus anderen Gründen ist diese sprachliche Neuschöpfung aufschlussreich.

Ob der WuWi wirklich kommt? Was, Sie wissen nicht, was der WuWi ist? Dabei ist er schon in aller Munde, der Wutwinter. Wutbürger gab es schon, den Hutbürger auch. Aber jetzt hat die Wut, diese wohl hässlichste aller Emotionen, nicht nur einzelne Menschen, sondern gleich eine ganze Saison erfasst. So lautet jedenfalls die Prognose. Die Wut über Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie war gestern. Aber jetzt kommt das Ungemach geballt. Maske wieder auf der Nase, weniger Geld im Portemonnaie, Wut auf die Ampel im Bauch – eine gefährliche Mischung. Sie ist noch nicht explodiert. Das Wort für die Detonation ist aber schon da: Wutwinter ist der Trendbegriff für einen Trend, den es noch nicht gibt. Die Zeiten werden wirklich unruhig, auch sprachlich.

Das Wort hat es in sich. Kein Wunder. Der straffe Gleichklang des doppelten W, dazu das melodiöse Helldunkel der drei Vokale: So viel Klang entwickelt ebenso suggestive Kraft wie das Heiß und Kalt von Wut und Winter. Die Hitzewallung mitten im klirrenden Frost: Was sind ein Frühlingsbote, ein Jahrhundertsommer oder ein Herbstmeister gegen einen Wutwinter? Nichts natürlich. Dabei war der zumindest schon sprachlich im Wutbürger vorgeprägt. Einfach den Bürger abgezogen und ein anderes Substantiv angefügt – fertig war der Wutwinter. Der Begriff hat die Schlagkraft einer Headline, weil er gleich einen ganzen Komplex an Vorstellungen auf die prägnante Kurzformel bringt.

So nachvollziehbar das Wort auch gebaut sein mag, ein anderer Aspekt macht doch wirkliche Sorgen: Es gibt das Wort vor der Sache, die es bezeichnet. Der Wutwinter kann jetzt nur noch kommen. Das wird wohl der fatale Effekt dieser Wortfindung sein. Die sprachliche Neuschöpfung wirkt als Wahrnehmungsform, in die nun die Wirklichkeit eingepasst werden wird. Anders gesagt: Dieses neue Wort macht wieder deutlich, wie sehr die Wahrnehmung der Wirklichkeit von dem Framing abhängt, das wir wählen. Querdenker dürften sich schon freuen, Rechtspopulisten ebenso. Die schweigsame Mehrheit stellt sich vielleicht schon darauf ein, den Wutwinter erleiden zu müssen. Der nächste Winter kommt bestimmt. Aber bitte ohne Wut.

Ähnliche Artikel