Strom- und Gaspreise bei EWE steigen  „Die Leute stehen heulend in unseren Shops“

| | 23.08.2022 16:24 Uhr | 13 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Für Gaskunden ist derzeit nur eines sicher: Es wird sehr, sehr teuer. Foto: Weißbrod/dpa
Für Gaskunden ist derzeit nur eines sicher: Es wird sehr, sehr teuer. Foto: Weißbrod/dpa
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Wer seine Strom- und Gas-Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, muss mit dem Äußersten rechnen. Strom und Gas können abgeschaltet werden. Der EWE-Chef spricht vom „ultimativen Mittel“.

Oldenburg/Ostfriesland - Der Oldenburger Energieversorger EWE hat am Dienstag eingeräumt, seinen Kunden notfalls Strom und Gas abschalten zu müssen, wenn sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. „Dieses ultimative Mittel muss sein“, sagte EWE-Chef Stefan Dohler während einer virtuellen Pressekonferenz am Dienstagnachmittag. Gleichzeitig gab das Unternehmen bekannt, etwa 30 Millionen Euro aus dem Umlagentopf der THE beantragt zu haben.

Nach Darstellung von Dohler ist die Situation offenbar jetzt schon dramatisch. „Die Leute stehen heulend in unseren Shops, weil sie fürchten, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können“, sagte Dohler. Er forderte deshalb die Bundesregierung auf, die diskutierten Entlastungspakete rasch auf den Weg zu bringen: „Die Entlastungen müssen jetzt kommen!“ Außerdem regte er an, neben der Senkung der Mehrwertsteuer auf Gas auch die Mehrwertsteuer auf Strom zu reduzieren.

300 bis 400 Euro mehr im Monat

EWE-Chef Dohler geht weiterhin davon aus, dass die Mehrbelastung der Bürger für Strom und Gas im Vergleich zum Vorjahr 300 bis 400 Euro im Monat betragen wird. Die Mehrbelastung, also 300 bis 400 Euro zusätzlich für Strom und Gas, dürfte im nächsten Jahr greifen. „Ich habe Sorge, dass viele unserer Kunden damit überfordert werden“, sagte Dohler.

Die EWE will sich deshalb an Härtefallfonds beteiligen, die derzeit auch in Niedersachsen verhandelt werden. Außerdem setzt er neben den noch zu bennenden Entlastungspaketen auf den konsequenten Ausbau von LNG-Leitungen und -Lieferungen, auf erneuerbare Energien, mehr Wärmepumpen und im Kundenbereich auf das Sparen von Energie. Dennoch: „Wir rechnen mit massiven Forderungsausfällen“, so Dohler. „Wenn trotzdem all das gelingt, werden wir das in zwei Jahren hinter uns haben. Jetzt haben wir aber zwei harte Winter vor uns.“ Kurzfristig verwies Dohler darauf, dass Gazprom für die Zeit vom 31. August bis zum 2. September eine erneute Wartung seiner Gaspipeline angekündigt hat. Danach rechnet er mit einer weiteren Reduzierung der Gaslieferungen aus Russland.

EWE beantragt Millionen-Hilfe

Eigentlicher Anlass der am Dienstag eilig einberaumten Pressekonferenz war allerdings die ab Oktober vorgesehene Gasumlage. Endkunden müssen dann 2,419 Cent mehr für die Kilowattstunde Gas bezahlen. Die Umlage soll ab Anfang Oktober greifen und Gasimporteuren wie Uniper zugute kommen, die zu hohen Preisen Ersatz für ausbleibende Gasmengen aus Russland kaufen müssen. Ohne die Umlage hätte nach Angaben des Wirtschaftsministeriums ein Zusammenbruch des deutschen Energiemarktes mit noch höheren Gaspreisen gedroht. Auszahlung und Weitergabe der Umlage an die Energieversorger und damit an die Endkunden läuft über die Firma Trading Hub Europe (THE), ein Gemeinschaftsunternehmen der Gas-Fernleitungsnetzbetreiber.

Begünstigtes Unternehmen ist auch die EWE. „THE stellt jedem Energieversorger, der Erdgas an Kunden liefert, monatlich die Gasbeschaffungsumlage in Rechnung. Für EWE sind dies rund 90 Millionen Euro im Monat (rund eine Milliarde jährlich)“, teilten die Oldenburger dazu mit. Daher sei EWE gezwungen, Kunden diese Umlage anteilig je nach Verbrauch zu berechnen und daraus die Zahlungen an THE zu leisten. Alle Einnahmen würden vollständig weitergegeben. Die Zahlungen an THE seien von EWE auch dann zu leisten, wenn selbst keine Gelder aus dem Umlagetopf in Anspruch genommen würden.

Teil der Mehrkosten werden aufgefangen - vom Kunden

Die Voraussetzung für eine Zahlung sei, so der Konzern weiter, dass Mehrkosten für die Ersatzbeschaffung wegfallender Erdgasimporte aus Russland entstanden sind. Dies sei gegeben: EWE habe die fehlenden Mengen zum zehnfachen Preis kaufen müssen, um seinerseits Lieferverträge mit Kunden zum vereinbarten niedrigeren Bezugspreis einhalten zu können. Daraus resultierten entsprechende Verluste. Mehr als die Hälfte dieser Verluste (Mehrkosten) trage EWE selbst.

Für lediglich drei Monate (Oktober bis Dezember 2022) habe EWE seine Mehrkosten bei THE geltend gemacht, die Summe macht weniger als 0,1 Prozent des 34 Milliarden Euro umfassenden Gesamttopfes aus. Für ein regionales und dazu mehrheitlich kommunales Unternehmen handele es sich dennoch um eine relevante Größenordnung, so die Oldenburger. Hätte EWE auf diese Summe verzichtet, würde die Umlage aufgrund des geringen Anteils nicht sinken, sondern bundesweit trotzdem in gleicher Höhe erhoben werden. Gaskunden im Nordwesten wären dadurch in keiner Weise entlastet worden, meinen die Oldenburger.

Zweifel an Verfassungsmäßigkeit

Kritik kommt derweil aus Berlin. Unionsfraktionsvize Jens Spahn warf der Bundesregierung Chaos bei der Gasumlage vor. „Die gravierenden handwerklichen Fehler der Gasumlage werden auch Gerichten ins Auge stechen“, sagte Spahn am Dienstag. „Die Unsicherheit am Gasmarkt wird dadurch weiter erhöht, bei Versorgern wie Verbrauchern. Die Umlage darf in dieser Form nicht umgesetzt werden, wir riskieren sonst einen Kollaps durch die Hintertür.“

Der „Spiegel“ hatte berichtet, die Berliner Kanzlei Raue, die die entsprechende Verordnung im Auftrag mehrerer Unternehmen geprüft habe, komme zu dem Schluss, dass die Umlage verfassungswidrig sei. Das Regelwerk belaste die Endverbraucher unverhältnismäßig, noch dazu verstoße es gegen Beihilferegeln im Europarecht.

Unabhängig davon wird es teurer und teurer. EWE-Chef Dohler rechnete vor, dass Importeure und Gasversorger derzeit 280 Euro für die Megawattstunde bezahlen müssten - vor der Krise seien es 20 Euro gewesen. Hinzu kämen jetzt noch weitere 24 Euro für die Umlage. EWE berechne seinen Kunden aktuell aber nur 150 Euro pro Megawattstunde. Dohler: „Die Preissteigerung wird also weitergehen.“ Das gelte auch für Strom. Er appellierte deshalb eindringlich: „Sparen, sparen, sparen.“

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