Serie „Hochspannung hinter dem Deich“  Der Autor, der durch die Hölle ging

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 23.08.2022 20:16 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Klaus-Peter Wolf nutzt seine Terrasse nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Entspannen. Foto: Ortgies
Klaus-Peter Wolf nutzt seine Terrasse nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Entspannen. Foto: Ortgies
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Werk und Leben durchdringen einander beim Norder Bestsellerautoren Klaus-Peter Wolf immer mehr. Davon profitiert der 68-Jährige auch selbst.

Norden - Auf dem Weg zu Klaus-Peter Wolf wird der Blick ein wenig müde, je näher man dem Haus des Schriftstellers in Norden kommt. Vorgarten reiht sich an Vorgarten, Satteldach an Satteldach. Als das Schild mit der Aufschrift „Stiekelkamp“ auftaucht, denkt man: Mist, das Navigationssystem hat versagt. Ein Irrtum! Zwei Minuten später hält das Auto vor einem Backsteinhaus. Klingeln. „Ich komme sofort“, tönt ein melodiöser Ruf nach draußen. Schon öffnet sich die Tür. Faust trifft auf Faust. So begrüßt man sich in Noch-Corona-Zeiten. Auf dem Weg zur Terrasse geht es vorbei an einem Regal mit kleinen Strickpuppen.

Strickpuppen und Lesezeichen von Fans

„Das bin ich“, sagt Klaus-Peter Wolf und kichert. Er deutet auf eine Figur mir Hosenträgern. Daneben hockt eine Püppchen, das sofort als seine Frau, Liedermacherin Bettina Göschl, zu identifizieren ist. Dr. Bernhard Sommerfeldt, der Serienkiller, darf natürlich nicht fehlen.

„Die Strickpuppen habe ich von einem Fan geschenkt bekommen. Ein Lesezeichen aus Garn gehört auch dazu.“ Er hebt es hoch und wedelt es durch die Luft. Dann geht es durch das große Wohnzimmer mit dem Kaminofen und einem kornblumenblauen Sofa nach draußen. Auf einem Tischchen liegt eine schwarze Kladde mit roten Ecken.

Bücher wurden in26 Sprachen übersetzt

Eben noch hat Klaus-Peter Wolf geschrieben, hat ganz eng Buchstabe an Buchstabe gesetzt. Die Wörter laufen über das Papier, als würden sie gejagt. Eine Schrift, der man das rasante Tempo ansieht. „Manchmal habe ich das Gefühl, ich schaue dem Füller beim Schreiben zu“, sagt der Autor, dessen Bücher in 26 Sprachen übersetzt wurden und 14 Millionen Mal verkauft worden sind. Darunter auch Kinder- und Jugendbücher.

Steckbrief

Klaus-Peter Wolf wurde am 12. Januar 1954 in Gelsenkirchen geboren. In den Anfängen seiner literarischen Laufbahn war er stark politisch aktiv, schrieb Stücke über die Situation von Arbeitern, lebte laut Wikipedia in einer kriminellen Jugendbande, war in den 80er Jahren zur Zeit des Contra-Kriegs in Nicaragua. Später schrieb er Drehbücher für Thriller und Krimis. Seit 2003 lebt er in Ostfriesland und schreibt einen Bestseller nach dem anderen.

Ein netter Held mit Robin-Hood-Mentalität

Ein neuer Roman um Dr. Bernhard Sommerfeldt ist im Entstehen begriffen. Sommerfeldt, der Serienkiller. „Die Leser lieben ihn“, sagt sein Autor, der seine Figur mit allem ausgestattet hat, was ein Leben kompliziert machen kann: einer kaltherzigen Mutter, einem vermögenden, überambitionierten Elternhaus und einer Robin-Hood-Mentalität. Zwänge lasten auf Sommerfeldt, der gerne Arzt geworden wäre, das aber aus familiären Gründen nicht durfte. Er sollte die Firma übernehmen. Das war der Beginn unlösbarer Verstrickungen, aus denen sich der Strauchelnde nur durch Gewaltverbrechen meinte befreien zu können.

Klaus-Peter Wolf hatte vor dem ersten Band der Sommerfeldt-Reihe im Jahr 2017 große Bedenken: Darf man einen Mörder sympathisch zeichnen? Für ihn sei es ein Experiment gewesen. Mit Spannung habe er die Reaktion des Publikums erwartet. „Das Buch war gerade erst erschienen, als ich die Mail einer jungen Frau erhielt: ,Wie soll ich es meinen Eltern erklären? Ich habe mich in einen Serienkiller verknallt.‘ Da wusste ich, dass es funktioniert“, sagt der Schriftsteller.

Beinahe zärtlich spricht er über seine Figur, vergleicht sie mit einem Maler, der bei einem Bild eine Korrektur anbringt, um es schöner zu machen. Richtig oder falsch? Das spiele bei seinem Werken eine große Rolle, sagt Klaus-Peter Wolf und spricht über seine Lehrer, seine Ziehväter, die damals in seiner Heimat Gelsenkirchen im Ruhrpott sehr aktiv waren. Max von der Grün zählte dazu und Fritz Hüser.

Die Werke erhielten später das Etikett Literatur der Arbeitswelt, sie waren sozialkritisch und gradlinig. Mit 14 Jahren wurde Wolf in Gelsenkirchen in ihre Kreise aufgenommen, es prägte ihn und seine linke Vergangenheit nachhaltig. Viele der Autoren arbeiteten unter Tage und konnten nur in ihrer Freizeit schreiben.

Damals hörte der Sohn einer Friseurin und eines Lastwagenfahrers erstmals das Verb freischreiben. Das bedeutete für die anderen, von ihrer Arbeit leben zu können. Das wollte Klaus-Peter Wolf auch – schon als Schüler. Und wurde deswegen ausgelacht. „Jede Geschichte, die ich seitdem verkauft habe, hat mir den Boden unter den Füßen gegeben, auf dem ich heute stehe.“

20 Jahre lang hat er Drehbücher geschrieben, oft für den „Tatort“ oder den „Polizeiruf“. Schnell beherrschte er das Handwerk, brachte es später dem Nachwuchs bei. Irgendwann hat der Wahlkölner beschlossen, mit dem Drehbuchschreiben aufzuhören und ein „großes Gesellschaftspanorama zu schreiben“, und zwar in Ostfriesland. Dass er dafür das Genre des Kriminalromans ausgewählt hat, liegt daran, dass es ihm den Blick in seelische Abgründe ermöglicht. Wenn alle wegschauen, hält Klaus-Peter Wolf drauf.

Wie bändige ichmeine Dämonen?

Beim Gespräch auf der Terrasse berichtet der 68-Jährige von Fjodor Michailowitsch Dostojewski, dem großen russischen Schriftsteller, dessen Helden sich martern und peinigen, versuchen ihre Dämonen zu bändigen – und dann doch kapitulieren. Raskolnikow, der Held aus „Schuld und Sühne“, der eine Wucherin und deren Schwester erschlägt und das für ein „erlaubtes Verbrechen“ hält, hat Ähnlichkeit mit Dr. Sommerfeldt. Der saß im letzten Band im Gefängnis in Lingen und musste Kommissarin Ann Kathrin Klaasen dabei helfen, einen Serienkiller zu überführen. Ironie des Schicksals? Oder Anklänge an „Das Schweigen der Lämmer“?“

Ovationen gab es dann im Combi-Markt

Was die Literatur- oder Filmkritiker denken, ist Klaus-Peter Wolf egal. Seinen Lesern will er gefallen. Manchmal bekommt er die Zustimmung schwallartig ab. Als er nach Erscheinen des ersten Sommerfeldt-Buches den Combi-Markt in Norden besuchte, um Zutaten für eine Fischsuppe einzukaufen, ließ dort eine Frau ihre beiden Einkaufstüten fallen und brüllte ihm entgegen: „So einen Arzt wie Dr. Sommerfeldt hätte ich gebraucht! Mir hat keiner geholfen!“ Unter dem Beifall der Künden ging er zur Kabeljautheke. Sein Gespür: Sein Held fand Zustimmung, weil er für Gerechtigkeit gesorgt hat.

Den Fisch hat der Schriftsteller an diesem Tag trotzdem gekauft. Welch ein Wunder! Klaus-Peter Wolf räumt freimütig ein, dass er oft eher „verblödet“ durch die die Gegend laufe: „Kein Wunder, 80 Prozent meines Hirns sind woanders. Zwei Romane im Jahr, 80 Figuren muss ich im Kopf haben.“ Im Kopf heißt für ihn nicht, das Alter zu kennen. „Es geht darum, ihre größte Angst und ihre größte Sehnsucht zu kennen. Und zu wissen, was passiert, was das Verhalten einer Figur bei anderen auslöst.“

Auch der Schriftsteller selbst wollte wissen, wie es in seinem Inneren aussieht. Er hat von 1986 an 14 Jahre lang eine Therapie gemacht, ist in seine eigenen Abgründe hinabgestiegen. Dorthin, wo es kalt und gefährlich ist, weil es vielleicht an die Kindheit mit dem alkoholkranken Vater erinnern könnte. Davon berichten er in seinem neuesten, stark biografisch getönten „Ostfriesen-Sturm“, dem 16. Band der Reihe (2022). „Es war die Hölle“, sagt er rückblickend über seine Kindheit. Doch nur, weil er das erlebt habe, könnte er sich jetzt in seine Figur reinfühlen.

Vielleicht ist er auch deshalb kampfstark geworden. Hat sich nicht durch anfangs magere Verkaufszahlen der Romane um Ann Kathrin Klaasen entmutigen lassen. Werbe-Etats habe er auch nicht gehab –bis die „Ostfriesenangst“ (2012) erstmals ein halbes Jahr lang in den Top Ten war. Es klingt fast so, als habe er sich erst vor zehn Jahren wirklich freigeschrieben. In Ostfriesland.

Unsere Serie über Krimiautoren

Das beschauliche Ostfriesland hat sich zu einem literarischen Hotspot für das Verbrechen entwickelt. Daran haben ein paar Schriftsteller durch forcierte Marketing-Aktivitäten großen Anteil. In dieser Serie wollen wir diesen Autorinnen und Autoren ein Gesicht geben. Wir fragen sie, was ihre Fantasie anregt und warum das Verbrechen nicht immer den Atem stocken lassen muss. Vor allen Dingen wollen wir wissen, ob ein Ermittler auch bei Sturmstärke 9 zum Tatort eilen muss.

Die nächste Folge ist die letzte der Reihe über Schriftsteller, die Kriminalromane schreiben. Darin geht es um einen Rückblick auf die Szene. Es ist eine Art Querschnitt dessen, was in den vergangenen Monaten erschienen ist.

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