Bund will Energie sparen  Zappenduster in Emdens Innenstadt?

Carlotta Wagner
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Von Carlotta Wagner
| 24.08.2022 19:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Beleuchtete Schaufenster in Emdens Innenstadt - nicht mehr lange? Foto:Hanssen/Archiv
Beleuchtete Schaufenster in Emdens Innenstadt - nicht mehr lange? Foto:Hanssen/Archiv
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Ab September sollen nach dem Willen der Bundesregierung die Schaufenster der Geschäfte nachts nicht mehr beleuchtet werden. Das sagen Emder Einzelhändler dazu.

Emden - „Nützt ja nichts!“ - Das ist einer der Lieblingssätze der Ostfriesen. Er meint: „Man kann ja eh nichts dran ändern.“ Und es ist eine beliebte Antwort auf die Frage, was Emdens Einzelhandel zu den aktuellen Energiesparplänen des Bundes sagt. Angesichts der Energiekrise soll auch der Einzelhandel sparen.

Hintergrund ist die Energiesparverordnung der Bundesregierung, die am 1. September in Kraft treten soll: Laut Entwurf der Verordnung ist dem Einzelhandel dann vorgeschrieben, Türen und Fenster nicht dauerhaft offenstehen zu lassen. Schaufenster dürfen demnach von 22 bis 6 Uhr nicht beleuchtet werden. Die Meinungen in Emden dazu sind geteilt.

„Das ist für das Geschäft sicher nicht gut“

„Ich finde es nicht gut“, sagt Ingrid Johanni. Die 60-Jährige arbeitet in dem Modegeschäft Lieblingsstück am Stadtgarten. Sie sehe vor allem die Atmosphäre abends in der Stadt gefährdet: „Dann mag man ja gar nicht mehr durchlaufen.“ Im Sommer sei das etwas anders, wenn es abends ohnehin noch lange hell ist. Aber nicht nur für die Stimmung sei die Beleuchtung wichtig, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Ingrid Johanni und Gisela Möhs aus dem Modegeschäft Lieblingsstück sehen die Einsparmaßnahmen kritisch. Foto: Wagner
Ingrid Johanni und Gisela Möhs aus dem Modegeschäft Lieblingsstück sehen die Einsparmaßnahmen kritisch. Foto: Wagner

„Neulich noch hat abends jemand mit dem Auto an der Ampel gestanden, von da ein Teil im Schaufenster gesehen und direkt angerufen“, schildert die Verkäuferin. Diese abendliche Lauf- beziehungsweise „Fahrkundschaft“ würde man verlieren. Genauso verhalte es sich mit den Türen der Geschäfte, die nicht dauerhaft offen stehen bleiben sollen. „Das ist für das Geschäft sicher nicht gut“, so Johanni. Sie könne sich vorstellen, dass sich die Menschen nach einiger Zeit daran gewöhnen, doch allgemein wäre das nicht einladend.

Juwelier hat Zeiten schon reduziert

Sowieso immer geschlossen ist die Tür im Winter bei Jens Kalvelage. Der Inhaber des Juweliergeschäftes in der Fußgängerzone Zwischen beiden Sielen hat nur im Sommer die Tür offenstehen. Die Schaufensterbeleuchtung habe er schon um eine Stunde reduziert, sie sei nur noch von 8 bis 22 Uhr an. Viel mehr könne er aber nicht kürzen.

Juwelier Jens Kalvelage sagt, Schaufenster seien sein Kapital. Foto: Wagner
Juwelier Jens Kalvelage sagt, Schaufenster seien sein Kapital. Foto: Wagner

Die Schaufenster seien die beste Werbung und müssten beleuchtet sein. „Das ist unser Kapital: Menschen, die abends durch die Stadt bummeln und nach dem Essen noch ins Schaufenster schauen“, so Kalvelage. „Mehr kann und will ich auch bewusst nicht runterfahren.“ Und er fügt hinzu: „Aber es muss ja weitergehen, es nützt ja nichts.“

„Man sollte nicht alles dunkel sehen“

Ähnliches sagt auch Anja Schnorrenberg. Die Inhaberin des Geschäfts Sesam an der Brückstraße hat Verständnis für die geplanten Maßnahmen des Bundes. „Natürlich wäre es schön, wenn die Beleuchtung anbleiben könnte. Aber im Zuge der Ereignisse ist es sinnvoller und kostensparender, sie auszuschalten.“ Sicher sei es angenehmer, abends nicht durch die Dunkelheit zu laufen. Aber in der Brückstraße seien nach 22 Uhr ohnehin wenig Spaziergänger unterwegs, vor allem im Herbst und Winter.

Anja Schnorrenberg, Inhaberin des Ladens Sesam, bleibt optimistisch. Foto: Wagner
Anja Schnorrenberg, Inhaberin des Ladens Sesam, bleibt optimistisch. Foto: Wagner

Die Sorge, dass ohne Licht die Sicherheit des Geschäftes gefährdet sein könnte, teilt die 59-Jährige nicht. „Wer einbrechen will, wird das auch tun, wenn das Licht brennt. Ich hoffe auf den gesunden Menschenverstand und dass das keiner ausnutzt.“ Sie hält es auch für eine langfristige Perspektive, die Beleuchtung runterzufahren, falls keine Nachteile entstehen.

„Wer schaut denn nachts schon in Schaufenster?“

Sowohl zu Hause als auch im Laden spare sie Strom und habe alles auf LED umgerüstet. Das koste nur noch ein Drittel. Schnorrenberg ist sich sicher, dass jeder Verständnis für die Einsparmaßnahmen habe. Vor allem vor dem Hintergrund größerer Krisen sei das „machbar“. „Auf jeden Fall sollte man in dieser Zeit nicht alles dunkel sehen, es gibt ja immer ein Licht“, sagt sie.

Madita Rohlfs und Carina Harms aus dem Optikergeschäft Ralf Bachmann finden die Maßnahmen zum Energiesparen gut. Foto: Wagner
Madita Rohlfs und Carina Harms aus dem Optikergeschäft Ralf Bachmann finden die Maßnahmen zum Energiesparen gut. Foto: Wagner

Auch Madita Rohlfs und Carina Harms zeigen sich optimistisch. Die beiden Mitarbeiterinnen des Optikergeschäfts Ralf Bachmann begrüßen die Einsparmaßnahmen. „Ich finde es gut“, so Rohlfs. Auch den Einwand, dass es in der Stadt zu dunkel werden könnte, teilt sie nicht: „Dafür haben wir ja Straßenlaternen.“ Die 27-Jährige hält das Argument, dass es dem Geschäft schaden könnte, für nicht irrelevant. Sie laufe ja auch nicht abends um 22 Uhr an den Läden vorbei und betrachte die Schaufenster, sondern achte eher tagsüber drauf. Carina Harms stimmt zu: „Das ist doch Stromverschwendung!“

Das Gefühl von Unsicherheit

Straßenlaternen allein seien jedoch in verwinkelten Straßen oft nicht genug, findet Tanja Stolberg. Sie arbeitet für Agilio, einer gemeinnützigen Gesellschaft, die mehrere Geschäfte in der Emder Innenstadt betreibt. Darunter Jute Seele und Dat Mundjevull. Beide Läden seien bereits wenig beleuchtet oder an eine Zeit-Schaltuhr angeschlossen.

Allerdings ist Stolberg zwiegespalten. Aus der Sicht der Geschäftsfrau finde sie es nicht schlecht, wenn die Fenster nicht dauernd beleuchtet sind. Schließlich müssten alle sparen. Wirtschaftliche Folgen befürchtet sie deshalb nicht: „Wer schaut nachts schon in Schaufenster?“

Das sagt der Einzelhandelsverband

Als Privatperson fühle sie sich andererseits unwohl. Gerade in der Brückstraße sei „schon viel passiert“ und bei den vielen dunklen Ecken fühle sie sich ohne zusätzliches Licht nicht sicher. Das sei aber der einzige Punkt, der ihr wirklich Sorgen bereite. Aber eingespart werden müsse eben, „da kommen wir alle nicht drum herum“, sagt Stolberg. Oder wie einige andere schon vor ihr anmerkten: „Nützt ja nichts.“

Mit einiger Skepsis betrachtet Johann Doden die neue Energiesparverordnung der Bundesregierung. „Man muss die Kirche im Dorf lassen“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Ostfriesland. Nach seinen Beobachtungen erstrahlen gerade Städte in der Größenordnung wie der in Ostfriesland nachts „nicht mehr im gleißenden Licht wie Las Vegas“. Doden geht vielmehr davon aus, dass die Einzelhändler ohnehin schon sehr verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen und Energie sparen. „Sonst würden ihnen auch die Kosten davonlaufen“, so der Funktionär.

Eine dezente Schaufensterbeleuchtung stärkt nach seiner Auffassung auch das Sicherheitsgefühl der Menschen, die sich nachts in den Innenstädten aufhielten. Das betreffe beispielsweise auch Gäste, die sich nach einem Restaurantbesuch auf den Heimweg machen. „Es kann nicht angehen, dass es dann tiefdunkel ist“, so Doden.

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