Osnabrück  Beate C. Arnold und ihr Zauberreich des Barkenhoff

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 31.08.2022 13:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Beate C. Arnold ist künstlerische Leiterin des Barkenhoff in Worpswede. Foto: Karsten Klama/dpa
Beate C. Arnold ist künstlerische Leiterin des Barkenhoff in Worpswede. Foto: Karsten Klama/dpa
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Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit. Niemand weiß das besser als Beate C. Arnold. Sie ist Hausherrin auf dem Worpsweder Barkenhoff, einem Sehnsuchtsort der Kunst. Ein Besuch.

„Um ein Haar wäre hier damals alles plattgemacht worden“: Beate C. Arnold verzieht bei dem Gedanken für einen Moment schmerzhaft das Gesicht. Der Barkenhoff stand Anfang der siebziger Jahre auf der Kippe, wie die Direktorin des Worpsweder Barkenhoff erzählt. Ein Baulöwe wollte das Künstlerhaus abreißen und das Gartengelände für Bungalows parzellieren. Zum Glück ist es so nicht gekommen. Die weiße Fassade des Künstlerhauses strahlt hell ins Land – als Wahrzeichen eines Ortes, der jedes Jahr zehntausende Besucher fasziniert, als nostalgische Insel der Schönheit. Beate Arnold hat sich für einen Moment unter ausladende Baumkronen gesetzt, schaut zu einer Besuchergruppe hinüber, die gerade eingetroffen ist. 150 Jahre Heinrich Vogeler: 2022 feiert Worpswede seinen berühmten Künstler, den Schöpfer des Barkenhoff. Heinrich Vogeler baute den Barkenhoff um 1900 zu seinem Wohn- und Atelierhaus aus, machte das Anwesen zum Motiv seiner Bilder, zum Ort für Konzerte und Feste, kurz, zu einem Gesamtkunstwerk des Jugendstils.

„Ja, der Barkenhoff ist wohl eine Insel“, sagt Arnold, heute Gestalterin und Hüterin eines Hauses, das wahrlich mehr ist als eine bloße Immobilie. Der seit dem Kauf 1895 von dem Bremer Künstler Heinrich Vogeler um- und ausgebaute Barkenhoff, Künstlerhaus und Atelier, ist längst zum Wahrzeichen Worpswedes avanciert. Der Traum von einem Leben in Freiheit und Kreativität, nirgends manifestiert er sich so vollkommen wie im Schatten der weißen, hoch aufschwingenden Fassade dieses Hauses. „Der Barkenhoff ist ein Kraftfeld. Er strahlt Magie aus. Das begleitet mich während der ganzen Zeit, die ich hier bin“, sagt Beate Arnold, die mit ihren dunklen Locken so gar nicht norddeutsch aussieht. Sie weiß nur zu gut, dass die Ruhe und Gelassenheit dieses Ortes mit harter Arbeit hinter schöner Kulisse erkauft sind.

Ist Beate C. Arnold eine Powerfrau? Das ist viel zu ungenau gesagt. „Ich habe hier am 15. Januar 2001 angefangen, auf den Tag genau 20 Jahre nach Gründung der Barkenhoff-Stiftung“, bringt sie auf den Punkt, was sie mit diesem Haus und ihrem Schöpfer verbindet – eine Identifikation, die wenig Platz für anderes lässt. Die Gemeinde Worpswede, der Kaffeekaufmann und Kunstmäzen Ludwig Roselius, viele andere kunstsinnige Helfer, sie haben den Barkenhoff einst vor dem Abriss gerettet. Die Kunsthistorikerin Beate C. Arnold arbeitete gerade im Pädagogischen Austauschdienst der Kultusministerkonferenz der Länder und an internationalen Bildungsprojekten der EU, als sie von dem Worpsweder Stellenangebot hörte. Von der damaligen Bundeshauptstadt Bonn in das niedersächsische Künstlerdorf, das war ein Schritt.

Aber Beate C. Arnold liebt es anzupacken, an einer Sache dranzubleiben. „Was mich an der Gestalt Heinrich Vogelers immer faszinierte, das war seine Hartnäckigkeit“, sagt sie über den Künstler, der zum Sozialreformer und selbst ernannten Weltverbesserer wurde. Arnold hat Vogelers Barkenhoff zu einem Museum von beeindruckend dichter Atmosphäre umgeformt. 2003 und 2004 die umfassende Sanierung des Anwesens, 2010 und 2011 der Umbau der ehemaligen Remisen zur Ausstellungsfläche: Der Masterplan Worpswede, Beate C. Arnold lebt ihn als ganz persönliches Projekt. Sie stellte alte Raumfolgen wieder her, rekonstruierte Tapeten und Wandfarben, kümmerte sich um den Jugendstilgarten mit Rosenlaube, grub die alte Freitreppe wieder aus. Der Blick dieser Frau sprüht vor Energie. Die brauchte sie auch, um dieses verschlafene Dornröschen-Reich der Kunst in das 21. Jahrhundert zu bringen. 2022 sind Werke des Hausherrn Heinrich Vogeler selbst zu sehen. Beate C. Arnold: „Die Besucherzahlen sind sehr gut. Wir werden wohl unseren Rekord von 2012 wieder erreichen. Auch damals waren Werke Vogelers zu sehen“.

Und wenn die Besucher gegangen sind, ist die Museumsleiterin dann mit Heinrich Vogeler allein zu Haus? Bei aller Bewunderung – diese Formulierung würde Beate C. Arnold niemals unterschreiben. „Ich habe immer seine Vielfalt und Offenheit bewundert, seinen Mut, den eigenen Weg konsequent weiterzugehen“, sagt die Museumsleiterin. Heinrich Vogeler hat beharrlich danach gefragt, wie ein Künstler auf die sozialen Probleme seiner Zeit antworten kann. Deshalb ist er nach Arnolds Worten auch weiter aktuell. Zugleich grenzt sie sich von Vogelers Ausschließlichkeit ab. „Ich finde ihn manchmal zu eng. Auf Fotos lächelt er nie. Ich glaube auch, dass er nicht wirklich genießen konnte“, wirft sie auch einen kritischen Blick auf den Jugendstilkünstler.

Als Frau sieht Arnold auch Vogelers Umgang mit der eigenen Ehefrau Martha kritisch. Der junge Maler heiratete das Mädchen aus dem Dorf, machte aus der schüchternen Schönheit ein Geschöpf seiner stilisierten Kunstwelt, das er auf vielen seiner Bilder in verträumten Märchenposen in Szene setzte – und sich als Ritter gleich dazu. „Er hat einen Käfig um sie gebaut“, kritisiert sie Vogeler als Kunstmacho. Kein Wunder, dass die Ehe der beiden ungleichen Partner scheiterte. Und trotzdem: Vogelers Werke sind auf dem Barkenhoff liebevoll inszeniert. Ob die Gemälde oder die Grafiken, Bestecke oder Tafelservice, Exlibris oder Architekturentwürfe – Beate C. Arnold hat dieser Zauberreich der Schönheit mit einem Feingefühl arrangiert, das tiefe Zuneigung verrät. „Der Barkenhoff ist eine Insel“, sagt sie. Worpswede irgendwie auch. Beate C. Arnold weiß, wo ihr Geheimnis zu finden ist. 

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