Kolumne: Klare Kante Frieden ist mehr als Abwesenheit von Krieg
Donnerstags gibt es in unserer Kolumne immer klare Kante. Heute geht es um den Antikriegstag am 1. September und dessen Bedeutung in Zeiten des russischen Angriffskrieges in der Ukraine.
Hinter der Parole „Nie wieder Krieg“ des heutigen Antikriegstages können sich bestimmt alle vernünftigen Menschen versammeln, die Rezepte zur Verhinderung von Völkermorden haben sich aber seit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Putins auf die Ukraine geändert. War der an den Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 erinnernde Antikriegstag in der Vergangenheit vor allem eine Demonstration linker und gewerkschaftsnaher, pazifistisch geprägter Organisationen, die einseitige Abrüstung forderten und sich gegen eine Erhöhung der Militärausgaben stellten, sollten angesichts der aktuellen Weltunordnung und des aggressiven russischen Imperialismus andere Postulate in den Vordergrund rücken.
Zur Person
Dieter Weirich (76), Publizist und Buchautor, ist ein Grenzgänger zwischen Medien und Politik. Dergebürtige Schwabe war hessischer Landtags- und Bundestagsabgeordneter der CDU und Intendant der Deutschen Welle. Heute lebt er in Berlin.
Die Zeitenwende gebietet Abschreckung, erhöhte Wachsamkeit und vermehrte Wehrhaftigkeit. Man kann vor der brutalen Beutepolitik des Kreml nicht mit gesinnungsethischen Bekenntnissen die Augen verschließen.
Die Bedrohungen haben in der Welt zugenommen und Krieg ist wieder vorstellbar geworden. Nicht nur Russland hat die Ukraine überfallen, die Volksrepublik China hat Hongkong gleichgeschaltet und droht Taiwan, das es als „abtrünnige Provinz“ betrachtet, mit Manövern, weil es sich die Freiheit nimmt, Spitzenpolitiker aus den USA zu empfangen und sein Selbstbestimmungsrecht zu dokumentieren. Die Hilfstruppen des Iran kämpfen im Gaza, die nordkoreanische Diktatur prahlt mit ihren militärischen Möglichkeiten und selbst das in die EU strebende Serbien brüstet sich mit dem Aufmarsch seiner Armee an der Grenze zum Kosovo.
Wir sollten an diesem Antikriegstag deutlich machen, dass unsere Zeitenwende von dem Dreiklang von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit geprägt ist. Auf lange Sicht sind freie Staaten, für die Frieden immer mehr bedeutet als nur Abwesenheit von Krieg, letztlich stärker. „Friede ist eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit“, kann man beim Philosophen Baruch de Spinoza nachlesen.
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