Kolumne: Intern Erst die Erbsünde, dann das Abo
Die Arbeit in der Redaktion hat sich durch das Internet verändert. Dabei mussten aber auch wir erst einmal vieles lernen, um den richtigen Weg zu finden.
Früher, also damals in analogen Zeiten, war die journalistische Arbeit noch wohlgeordnet und einfach: Alle Redakteure arbeiteten an einem Produkt, der Tageszeitung. Das änderte sich auch mit dem Internet lange Zeit nicht. Erst wurden auf die Webseite der Zeitung verkürzte Zeitungstexte gestellt, mit dem Hinweis: Wer mehr wissen möchte, möge die Zeitung kaufen. Später wurden die kompletten Texte aus der Tageszeitung des nachts automatisch und in einem Rutsch auf die Webseite gespült.
Zur Person
Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.
Das war natürlich auch Quatsch, weil sich so weder gute von schlechten, pardon: weniger guten, Geschichten trennen ließen, und vor allem hatte es mit dem Internet, diesem aktuellen, jederzeit nutzbaren und überall verfügbaren Informationsmedium nichts zu tun.
Später dann schob die Online-Redaktion die Artikel aus der Zeitung nach und nach auf die Seite. Aber immer schön erst, nachdem sie schon in der gedruckten Ausgabe erschienen waren. Noch war alles kostenlos auf unserer Webseite zu haben, da sollte das Bezahlmodell Zeitung natürlich nicht geschädigt werden. Das galt sogar noch, als erste Bezahlmodelle Schule machten und bei unserem Verlag plötzlich alle Artikel nur noch für Abonnenten zugänglich waren.
Die „harte Paywall“ ist heute auch bei den meisten Verlagen erledigt. Die meisten haben ein Plus-Modell (wie wir auch). Das heißt, die Redaktion entscheidet, was Bezahlinhalt ist und was für jeden verfügbar. Technisch gut aufgestellte Verlage kombinieren dieses Plus-Modell mit einer Paywall, wie sie die „New York Times“ populär machte: Jeder Nutzer kann im Monat zehn Artikel kostenfrei lesen, ab dem elften ist ein Abo nötig.
Eines ist aber fast allen Verlagen gemein. Verschenkt werden soll nichts mehr. Dass Nachrichten viele Jahre frei verfügbar waren, gilt als die Erbsünde des Journalismus. Auch wenn viele Nutzer dieser Zeit hinterher trauern, sie ist vorbei. Wir können uns das schlichtweg nicht leisten.
Kontakt: j.braun@zgo.de
Was Leser uns alles verraten
2023 – es kann nur besser werden, oder?
Veränderungen sind im Journalismus das einzig Konstante