Pandemie, Ukraine-Krieg, Niedrigwasser  Ausnahmesituation für Unternehmen in den Häfen

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 01.09.2022 18:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Schrott-Berger bei Nehlsen E. Heeren im Leeraner Hafen sind aktuell besonders hoch. Einem Großkunden fehlen Schiffe, um die Waren nach Süddeutschland zu transportieren. Foto: Ortgies
Die Schrott-Berger bei Nehlsen E. Heeren im Leeraner Hafen sind aktuell besonders hoch. Einem Großkunden fehlen Schiffe, um die Waren nach Süddeutschland zu transportieren. Foto: Ortgies
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Die aktuelle Situation birgt für die Unternehmen allgemein viele Unwägbarkeiten. In den Häfen kommen aber noch weitere Schwierigkeiten dazu.

Ostfriesland - Um in den kommenden Monaten die Energieversorgung zu sichern, sollen im Zweifel Züge, die Kohle oder Öl transportieren, auf der Schiene Vorrang vor Personenzügen haben. Das hat die Bundesregierung vor einer guten Woche in einer Verordnung festgelegt. Konkret bedeutet das, dass Personenzüge warten müssen, wenn die Güterzüge auf der gleichen Strecke unterwegs sind.

Was und warum

Darum geht es: Unternehmen in den ostfriesischen Häfen werden vor ganz neue Herausforderungen gestellt.

Vor allem interessant für: alle, die von den Hafen-Unternehmen abhängen und die sich Gedanken darüber machen, wie es mit der Wirtschaft global und regional weitergehen wird

Deshalb berichten wir: Im Zweifel werden Züge mit Öl und Gas Vorrang vor Personenzügen haben. Wir wollten wissen, wie die Situation auf dem Wasser ist.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Droht ähnliches auch auf dem Wasser? Werden beispielsweise Schiffe für den Transport von Öl und Kohle reserviert und stehen deshalb anderen Branchen nicht mehr in der gewohnten Menge zur Verfügung? „So etwas ist nicht im Gespräch“, sagt Dr. Alexander Geißler, Geschäftsführer des Zentralverbandes der Schiffmakler. Es gebe noch so viel Schiffe, dass an eine Beschlagnahmung nicht gedacht werden müsse. Zudem könne die ja nur von den Ländern geschehen, unter deren Flagge die Schiffe fahren.

Niedriger Wasserstand in den Flüssen

Trotzdem haben einige Hafenbetriebe in Leer und Emden derzeit Schwierigkeiten, ihre Waren zu den Empfängern zu transportieren. Auf dem Gelände der Firma Nehlsen E. Heeren am Leeraner Hafen türmen sich die Altmetall-Berge derzeit besonders hoch. Ein Großabnehmer im badischen Kehl habe Schwierigkeiten, die Ware nach Süddeutschland zu holen, bestätigt Geschäftsführer David Appel.

Das liege aber nicht in erster Linie an der Energiekrise, sondern am niedrigen Wasserstand der deutschen Flüsse, in diesem Falle des Rheines. Da die Schiffe nicht mehr so voll beladen werden könnten, brauche man für die gleiche Menge Güter mehr Schiffe und die stünden nicht so ohne weiteres zur Verfügung. Der Abnehmer aus Baden greife aus lauter Verzweiflung mittlerweile auf den Transport per Bahn zurück. „Aber ein Schiff kann bis zu 3000 Tonnen transportieren, ein Container vielleicht 30“, macht Appel das Problem deutlich.

Alternative Handelspartner

Den Handel mit dem Großabnehmer habe man deshalb nach Absprache mit ihm zunächst ausgesetzt und versuche die Ware in kleineren Mengen an Abnehmer in der Region zu verkaufen. „Das läuft gut, wir sind nicht in der Gefahr, mit dem Platz auf unserem Gelände nicht mehr auszukommen“, so Appel. Unter dem Problem, mit dem der Nehlsen-Kunde in Süddeutschland zu kämpfen habe, litten auch viele andere Unternehmen, die auf den Transport über die Flüsse angewiesen seien. Deutlich entspannter sei die Situation für die, die auf dem Seeweg beliefert würden.

Die Spedition Weets im Emder Seehafen brauche sich nicht um die Bereitstellung der Schiffe zu kümmern, sagt Xuan Möller, Bereichsleitung Plane/Container. Das sei Sache der Reedereien. Einen Mangel an Schiffen könne er derzeit nicht erkennen. Allerdings mache sein Unternehmen trotzdem täglich seine Erfahrungen mit der außergewöhnlichen Situation in den Häfen. Die sind derzeit weltweit überlastet und das hat Folgen für alle, die von den Abläufen dort abhängig sind: „Die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Schiffe sind im Moment absolut unkalkulierbar“, sagt Möller. Das verlange von seiner Spedition und deren Kunden eine große Flexibilität und mache eine zuverlässige Planung schwierig.

Grund für diese Situation seien unter anderem die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die Folgen des Ukraine-Krieges und auch der aktuelle Transportboom, heißt es in der Schifffahrtsstudie des zur Allianz gehörenden Industrieversicherers AGCS. Der zwischenzeitliche Lockdown in China, der Schiffe wochenlang blockiert habe, der anhaltende Personalmangel, Treibstoffmangel durch das wegfallende russische Gas und die Sanktionen für Russland hätten zu einer Ausnahmesituation geführt, die wohl noch Monate anhalten werden, so der Versicherer.

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