Krauledat seit 1977 Stadionsprecher  Stimme von Kickers hält deutschen Rekord

| | 07.09.2022 09:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Sprecherkabine ist das zweite Wohnzimmer von Gerd Krauledat. Fotos: Wagenaar
Die Sprecherkabine ist das zweite Wohnzimmer von Gerd Krauledat. Fotos: Wagenaar
Artikel teilen:

Robert Moonen von Alemannia Aachen ist seit 49 Jahren am Mikro. Gerd Krauledat hält eine andere Bestmarke. Einmal erhielt er von Kickers eine kuriose Kündigung - nach zwei Wochen war alles wieder gut.

Emden - Was verbindet Gerd Krauledat vom BSV Kickers Emden mit Robert Moonen von Alemannia Aachen? Mit ihren Stimmen halten die beiden Senioren bundesweite Fußball-Rekorde. Moonen fungiert seit 1973 als Stadionsprecher am Aachener Tivoli. Die 50. Saison in dieser Funktion ist einsame Spitze in den vier höchsten deutschen Ligen. Die Stimme von Emden ertönt seit 1977 in der Kickers-Arena. Doch Krauledat ist der Super-Senior. Mit 78 Jahren übertrumpft er sogar noch den Alemannia-Kollegen (76).

Die Stimme von Emden gab 1944 fern von Ostfriesland die ersten Laute von sich. Krauledat wurde mitten in den Kriegswirren im ostpreußischen Seebad Rauschen geboren. „Meine Mutter lag in der Klinik am Meer mit Blick auf die Ostsee“, erzählt der Kickers-Mann. „Ein paar Kilometer weiter fielen in Königsberg die Bomben.“

Von Ostpreußen in den Harz

So verliefen die ersten Lebensmonate des kleinen Gerd turbulent. „Meine Mutter flüchtete mit vier Kindern im Zug nach Walkenried im Harz.“ Zu Fuß ging es weiter nach Königskrug bei Braunlage. Richtung Emden zog es die Familie erst 1954. Dort fand der Vater, der 1949 aus der Gefangenschaft heimkehrte, eine Arbeitsstelle. Seine Jungs meldete Krauledat Senior, der einst für den VfB Königsberg gestürmt hatte, sogleich bei Kickers Emden an.

Dort ist Gerd Krauledat nun schon 68 Jahre Mitglied. Beständigkeit zeigte er in allen Lebensbereichen. Fünf Jahrzehnte war er bei den Emder Nordseewerken tätig, seit 57 Jahren ist er verheiratet. Und seit 45 Jahren hält er das Kickers-Mikro in der Hand.

„Doc“ Riedl wählte Krauledat aus

An den ersten Auftritt im August 1977 kann er sich noch bestens erinnern. „Mein Vorgänger hatte Geburtstag gefeiert und war nicht in der Lage, den Posten auszuüben.“ Der spätere Kickers-Präsident Dr. Helmut Riedl beorderte jenen Mann ans Mikrofon, der über das Amt des Jugendtrainers in die Vereinsführung aufgestiegen war. „Kraule, du kannst das“, zitiert der 78-Jährige die Riedl-Worte.

In der Halbzeitpause stellt sich Krauledat auch schon mal als Fenster seines Stadiondomizils.
In der Halbzeitpause stellt sich Krauledat auch schon mal als Fenster seines Stadiondomizils.

Bei seiner Premiere stand Krauledat am Fenster des sogenannten Telefonzimmers im Klubheim und informierte aus der Distanz die Zuschauer über Aufstellung, Torschützen und Auswechslungen. Riedl zeigte sich angetan. „Deine Stimme passt, du machst das weiter“, beschied ihn der spätere Kickers-Chef.

Mannschaft, Vorstand, Spielklasse – alles änderte sich bei Kickers häufig. Die Konstante blieb über 45 Jahre Gerd Krauledat – mit einer großen Stoppuhr vor sich und einer kleinen Uhr für den Notfall neben sich am Tisch. Auch andere Vereine buhlten bald um den Mann mit der sonoren Stimme. So moderierte Krauledat Boxveranstaltungen, Handballspiele des HC Emden und bis heute die Hallenfußball-Stadtmeisterschaften sowie die Kinderrennen beim Emder Matjeslaufs.

Kündigung fürs „Fremdgehen“

Als er aber einmal eine Werbekassette der Pewsumer Fußballer besprach, gab es Ärger. Der Mann von den Nordseewerken war gerade dienstlich in Rostock unterwegs, als ihn seine Ehefrau über den Inhalt eines Briefes von „Doc“ Riedl informierte. „Es war meine Entlassung als Stadionsprecher. Ich sei abtrünnig geworden“, erzählt Krauledat mit einem Lächeln. „Riedl lud mich aber ein paar Wochen später zum Essen ein und bat mich, doch wieder tätig zu sein.“ Krauledat blieb für immer – genauso wie seine Ehefrau, die ihren Stadionstammplatz im Block F hat. Gerd Krauledat fehlte nicht einmal, wenn die Stimmbänder angeschlagen waren. „Dann brachte mir früher Betreuer Helmut Klein vor dem Spiel Milch mit Honig vorbei.“

Nur nach einem Herzinfarkt 2010 musste der Dauerbrenner für sechs Wochen passen. Die Höhepunkte seines Wirkens erlebte er vor 15 Jahren, als er Kickers-Tore und Spielstände in der 3. Liga gegen Paderborn, Dresden oder Düsseldorf verkünden durfte. Das macht er heute immer noch im Zusammenspiel mit den Fans. „Kickers – eins“ tönt dann die Stimme Ostfrieslands, ehe Krauledat das Gäste-Team nennt und die Fans ein lautes „Nuuulll“ brüllen und sein „Danke“ mit einem „Bitte“ quittieren.

Keinen Cent Honorar

Zu Krauledats Markenzeichen gehört auch sein „Basti – die Fünf – Bitte“ am Ende jeder Halbzeit. „Das entstand in der 3. Liga“, erklärt er. „Der damalige Torhüter Sven Hoffmeister wollte auf diese Art die letzten Spielminuten mitgeteilt bekommen.“ Die konspirative Durchsage blieb, die Namen der Spieler änderten sich. Nun erhält den Hinweis Kapitän Bastian Dassel.

Sein Job beim BSV Kickers war immer eine Herzensangelegenheit. „Ich habe nie einen Pfennig oder Cent dafür bekommen.“ Dafür schenkt der Verein dem dreifachen Vater und dreifachen Opa eine wunderschöne Lebensaufgabe. Gerd Krauledat sitzt nicht nur alle zwei Wochen in der Sprecherkabine, sondern auch jeden Morgen in der Geschäftsstelle und erledigt Aufgaben aller Art für seinen BSV, den er seit Jahren auch bei jedem Auswärtsspiel begleitet.

Gerd Krauledat ist ein Stück Kickers Emden. Seinen Lieblingsjob verrichtet er aber am Mikrofon – von dort möchte sich der Rentner noch lange nicht in den Ruhestand verabschieden. „Ich mache weiter, solange die Stimme hält.“

Ähnliche Artikel