Geschichte und Spinnerei Warum gehört Borkum nicht zu Emden?
Aufgrund der Lage kaum zu glauben: Borkum gehört zum Landkreis Leer. Dabei war das mal anders und immerhin fährt die Fähre von Emden aus. Wir fragen: Wie kam es dazu und was wäre, wenn...?
Emden/Borkum - Wenn man einen Blick auf die Landkarte wirft, liegt Borkum schon etwas komisch: Die westlichste deutsche Nordseeinsel reiht sich in den Streifen an Inseln ein, die vor der Küste liegen. Es scheint fast, als hätte sich das Fleckchen nicht so ganz entscheiden können, ob es zu den Niederlanden oder zu Deutschland gehören will. Die nächstgelegene Küste gehört immerhin zu den Niederlanden, dennoch ist Borkum eine deutsche Insel.
Was Unwissende aber aufgrund der Lage vermutlich niemals glauben würden: Borkum gehört zum Landkreis Leer – und das seit 1932. Dabei ist die nächstgelegene Gemeinde auf dem deutschen Festland die Krummhörn im Landkreis Aurich. Außerdem ist Emden seit vielen Jahren der Fährhafen, der sich etabliert habe „und zwar im Zusammenhang mit dem Ausbau der Eisenbahn von Leer nach Emden – was damals für Leer das Aus als Standort bedeutete“, wie Corina Habben, Sprecherin der Aktien-Gesellschaft Ems (AG Ems), auf Nachfrage mitteilt. Die Zugehörigkeit von Borkum zu Leer stand jedoch im Laufe der Geschichte immer wieder mal zur Diskussion und es wäre um ein Haar anders gekommen...
Was und warum
Darum geht es: warum Borkum nicht (mehr) zu Emden gehört
Vor allem interessant für: geschichtsinteressierte Ostfriesen und Insel-Fans
Deshalb berichten wir: Die Autorin ist erst Anfang 2022 nach Ostfriesland gezogen und stellt sich seitdem die Frage, warum Borkum eigentlich zum Landkreis Leer und nicht zu Emden gehört. Die Autorin erreichen Sie unter: d.hoppe@zgo.de
Vom Großkreis Emden zum Regierungsbezirk
Volker Apfeld, Archivar beim Heimatverein Borkum und Leiter der Sozialverwaltung der Stadt Borkum, hat in einer Reihe des Inselmagazins „Borkum aktuell“ einige Geschehnisse der Insel aufgearbeitet. Die Reihe heißt „Neijes van frauger“, also „Neues von früher“. Im März 2013 ging es dabei um die Geschichte der Zugehörigkeit der Insel. Daraus ist zu erfahren: „Vielen Borkumern sind noch die heftigen Auseinandersetzungen Anfang der 70er-Jahre in Erinnerung, als eine Verwaltungs- und Gebietsreform durchgeführt wurde. Es gab intensive Bestrebungen, Borkum wieder Emden zuzuordnen.“
Aber die Geschichte der Insel reicht noch etwas weiter zurück, denn ab 1866 gehörte Ostfriesland zu Preußen. „Es entstand der Großkreis Emden, der auf dem Festland bis hoch an die Küste von Norddeich und Dornum reichte. Die ostfriesischen Kreise Aurich, Emden und Leer waren damals zu militärischen und steuerlichen Zwecken zu sogenannten Steuerkreisen gebildet worden“, heißt es in Apfelds Beitrag von 2013. Im Jahr 1884 sei dann der Regierungsbezirk Aurich – bestehend aus den sechs Landkreisen (Aurich, Wittmund, Norden, Leer, Weener, Emden) sowie dem Stadtkreis Emden (später Regierungsbezirk Weser-Ems) – gebildet worden.
Teils immer noch Verbindungen nach Emden
Während der Weimarer Republik wurde durch eine Notverordnung beschlossen, die Landkreise zu verkleinern. So kam es, dass der Kreis Emden aufgeteilt wurde. Leer wurden damals sowohl der Landkreis Weener als auch Borkum zugeschlagen. „Obwohl unsere Insel keinerlei Bindungen nach Leer hatte, erfolgte ein Landkreiswechsel. Andere in Emden vorhandene Behörden blieben jedoch für Borkum zuständig. Dies waren zum Beispiel das Finanzamt, das Katasteramt, das Eichamt, das Arbeitsamt und das Amtsgericht“, schreibt Apfeld. An diesen Zuständigkeiten hat sich bis heute nichts geändert.
Auch an anderen Stellen besteht hier und da noch eine Verbindung der Insel zu Emden. So gehören von insgesamt rund 5200 Borkumerinnen und Borkumern (Stand 2019) etwa 1200 zur evangelischen Kirchengemeinde, die Teil des lutherischen Kirchenkreises Emden-Leer ist. Die römisch-katholische Kirchengemeinde auf Borkum hat etwa 830 Mitglieder und bildet seit 2014 mit der Gemeinde Christ König in Emden eine Pfarreiengemeinschaft. Auch der Turn- und Sportverein Borkum ist – ebenso wie andere Sportvereine auf der Insel – aus geografischen Gründen dem Stadtsportbund Emden und nicht dem Kreissportbund Leer zugeordnet. Des Weiteren betreiben die Emslotsen der Lotsenbrüderschaft Emden eine Lotsenstation auf Borkum und der Sendemast neben dem kleinen Leuchtturm, der 1966 zur Radarstation umgebaut wurde, übermittelt die Radardaten an die Verkehrszentrale Ems in Emden. Einige Einwohnerinnen und Einwohner der Seehafenstadt scheinen sich außerdem sehr wohl auf Borkum zu fühlen, denn immerhin gehören ihnen rund 45 Wohnungen auf der Insel, die als Zweitwohnsitz angemeldet wurden.
Beinahe hätte Borkum wieder zu Emden gehört
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wäre es beinahe dazu gekommen, dass Borkum wieder zu Emden gehört. Denn am 28. März 1946 traf sich die Borkumer Gemeindevertretung, die von der Militärregierung ernannt wurde, und sprach sich dafür aus, nach 14 Jahren wieder zu Emden gehören zu wollen – und das ohne eine Gegenstimme. Nach dem Bericht des Inselmagazins habe die Stadt Emden den Anschluss positiv gesehen. „Aber Leer stellte sich quer. Mit einer hauchdünnen Mehrheit lehnte der Kreis die Herauslösung aus dem Kreisgebiet Leer ab. Der Emder Oberbürgermeister Georg Frickenstein war über diese Haltung empört. Die Militärregierung gab sich ratlos und so bleibt alles beim Alten.“ Die Insel gehört seit 1946 zudem zum damals neu gegründeten Bundesland Niedersachsen. Das Stadtrecht erhielt die Gemeinde Borkum im Jahr 1954.
In den Jahren 1974 und 1975 stand dann die Frage im Raum, ob Borkum Aurich zugeteilt werden könnte, da die Landesregierung durch eine Reform das Land neu aufteilen wollte. Vorgeschlagen wurden ein Großkreis Aurich und ein Kreis Emden-Norden. Für die Borkumer hätte das bedeutet, dass sie für behördliche Angelegenheiten nach Aurich, Norden oder Emden hätten reisen müssen. Apfeld beschrieb die Situation so: „Ein Sturm der Entrüstung brach los. In Bürgerversammlungen, mit Unterschriftenaktionen und unter Mobilisierung von Kreis- und Landespolitikern wurde für den Verbleib beim Landkreis Leer gekämpft. Man wollte das Rad der Geschichte nach über 80 Jahren nicht mehr zurückdrehen.“ Schlussendlich blieb auch nach dieser Debatte für Borkum alles beim Alten. Und das bis heute – trotz weiterer Ideen wie ein Großkreis Ostfriesland, die in den vergangenen Jahren immer mal wieder aufkamen. „Aber vielleicht werden wir in einigen Jahren eine EU-Richtlinie aus Brüssel erhalten - und wir gehören dann zu den Niederlanden?“, beendete Apfeld seinen Beitrag im Inselmagazin. Aber was wäre, wenn man heute anstoßen würde, dass Borkum wieder zu Emden gehören soll?
Was wäre, wenn...?
„Borkum einzugemeinden wäre ein immenser verwaltungstechnischer Aufwand und zudem maßgeblich davon abhängig, wie einig sich alle beteiligten Akteure sind“, sagt Emder Stadtsprecherin Theda Eilers auf Nachfrage dieser Zeitung. Denn bei so einem Prozess müssten sich alle beteiligten Gebietskörperschaften (Landkreis Leer, Stadt Borkum, Stadt Emden) einig werden – und das: „Immer vor dem Hintergrund des öffentlichen Wohls!“, so Eilers. Im Kommunalverfassungsrecht steht dazu: „Aus Gründen des öffentlichen Wohls können Gemeinden oder Landkreise aufgelöst, vereinigt oder neu gebildet und Gebietsteile von Gemeinden oder von Landkreisen umgegliedert werden (Gebietsänderungen).“ Dieses „Gemeinwohl“ treffe zu, würde der Landkreis Leer seinen Verwaltungsaufgaben nicht nachkommen können, so dass ein Gewährleistungskonflikt auftritt. Außerdem sei für Kreise wichtig, auf die örtliche Verbundenheit der Einwohner mit dem Landkreis zu achten.
Ob solch eine Verbundenheit von Borkum und zur Seehafenstadt Emden nicht stärker wäre als von der Insel zum Landkreis Leer, wissen vermutlich nur die Inselbewohner. Jürgen Akkermann, Bürgermeister von Borkum, ließ sich allerdings nicht zu einer kleinen „Spinnerei“ hinreißen: „Das Thema steht aktuell und zukünftig nicht zur Debatte. Ich sehe auch keine Veranlassung, in dieser Richtung tätig zu werden.“