Energiekrise  Bäckereien in Not – Kosten für Gas haben sich verzehnfacht

Dorothee Hoppe
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Von Dorothee Hoppe
| 07.09.2022 19:34 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bei Bäckermeister Jörg Ripken und weiteren Bäckereien gehen heute die Lichter aus. Foto: Ortgies
Bei Bäckermeister Jörg Ripken und weiteren Bäckereien gehen heute die Lichter aus. Foto: Ortgies
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Gas betreibt einen Großteil der Öfen von Bäckereien in Ostfriesland. Die Energiekrise macht ihnen zu schaffen. Eine Aktion soll auf Missstände und Forderungen an die Politik aufmerksam machen.

Ostfriesland/Norddeutschland - Die Preise steigen aktuell für so ziemlich alles ins Unermessliche. Die Bäckereien bekommen das unter anderem auch zu spüren. Das geht ganz schön an die Substanz und kann sogar existenzbedrohend sein.

Deshalb machen die norddeutschen Innungsbäckereien am Donnerstag, 8. September, mit der Aktion „Uns geht das Licht aus – Heute das Licht und morgen der Ofen?“ auf den Preisanstieg für Energie aufmerksam. Wie schlimm es wirklich ist und, dass Gas und Strom aktuell nicht ihre einzigen Sorgen sind, haben uns zwei Bäcker erzählt.

Was und warum

Darum geht es: Die Energiekrise trifft die Bäckereien hart.

Vor allem interessant für: Gebäck-Freunde

Deshalb berichten wir: Am 8. September gibt es die Aktion „Uns geht das Licht aus – Heute das Licht und morgen der Ofen?“, um auf den Preisanstieg für Energie aufmerksam zu machen.

Die Autorin erreichen Sie unter: d.hoppe@zgo.de

Gas-Abschlag hat sich mehr als verzehnfacht

„Weit über 90 Prozent der Bäckereien in Ostfriesland beheizen ihre Öfen mit Gas. Das war immer das Preisgünstigste, womit man gut mit gefahren ist“, weiß Stefan Meyer, Obermeister der Bäcker-Innung für Ostfriesland, aus Horsten in der Gemeinde Friedeburg. Doch von günstigem Gas ist aktuell keine Rede mehr. Das weiß auch Bäckermeister Jörg Ripken. Er hat diverse Bäckerei-Filialen in Ostfriesland und ist mit seinen Backwaren auch auf vielen Wochenmärkten wie Emden und Leer vertreten. Sein Markenzeichen: Produkte aus dem Holzofen. Der Großteil würde jedoch noch immer in gasbetriebenen Öfen gebacken. Bei ihm hat sich der Gasabschlag innerhalb eines Jahres mehr als verzehnfacht.

„Bis Oktober vergangenen Jahres hatten wir einen sehr guten Vertrag und haben monatlich 3100 Euro Abschlag gezahlt“, sagt Ripken. Doch der Deutsche Energiepool, der auswärtige Versorger, über den der Vertrag lief, kündigte. „Die Firma hat das Großkundengeschäft aufgegeben und dann hat EWE uns übernommen“, erzählt der Bäckermeister weiter. Bis Juli dieses Jahres lag der Monatsbetrag dann bei 9900 Euro. Es folgte eine neue Änderung: EWE kauft nun Gas zu den wechselnden Konditionen am Spotmarkt ein. „Seitdem zahlen wir also das, was gerade am Markt üblich ist, nämlich 28.500 Euro monatlich.“ Im kommenden Monat kommen auf diesen Betrag noch etwa 2300 Euro mehr, die staatlich verordnete Gasumlage. Das wären dann rund 30.800 Euro für Gas. Pro Monat. Ein herber Schlag für den deutschen Mittelständler und sein Unternehmen.

Der Großteil des Gebäcks kommt bei Jörg Ripken aus dem Gasofen. Foto: Ortgies
Der Großteil des Gebäcks kommt bei Jörg Ripken aus dem Gasofen. Foto: Ortgies

Aktion soll aufmerksam machen

Wer nun meint, dass das von der Bundesregierung beschlossene Energiekosten-Dämpfungsgesetz diesem Preisanstieg entgegenwirken wird, liegt falsch. Denn das Gesetz, dass eigentlich besonders betroffene Unternehmerinnen und Unternehmer vor einer drohenden Insolvenz schützen soll greift nicht für Bäckereien. „Die Fördermittel sind für Lebensmittelbetriebe nicht vorgesehen“, erklärt Ripken fassungslos. „Wer denkt sich so etwas aus, dass die, die in Krisenzeiten Lebensmittelsicherheit bieten können, nicht berücksichtigt werden, wenn es drauf ankommt?“

Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, werden Ripkens Bäckerei-Filialen an der Aktion am 8. September teilnehmen und das Licht in den Stuben ausschalten. Dazu wurden „flächendeckend in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen alle Bäckereibetriebe aufgerufen“, heißt es in einer Mitteilung der Bäcker- und Konditoren-Vereinigung Nord. Die rund 800 Handwerksbäckereien mit vielen tausend Verkaufsfilialen würden die Kernstruktur des Mittelstandes abbilden. Eben dieser Mittelstand sei derzeit in seiner Existenz bedroht. Mit der Aktion geht eine bestimmte Forderungen zur Sicherung der Betriebe und Arbeitsplätze einher: die Aufnahme in das Energie-Kosten-Dämpfungs-Programm (EKDP), mit dem Belastungen durch starke Verbräuche an Erdgas und Strom für Wirtschaftsbetriebe gedämpft werden sollen. „Es kann nicht angehen, dass die Herstellung von zum Beispiel Wermutwein oder Tapeten förderfähig, Bäckereien aber ausgeschlossen sind. Hier muss dringend eine Nachbesserung erfolgen“, so die Vereinigung. Zudem schlägt sie vor, dass die Landesregierungen „Härtefälle“ mit einem Rettungsschirm absichern sollen.

Mit der Aktion fordern die Bäckereien, in das Energie-Kosten-Dämpfungs-Programm aufgenommen zu werden. Foto: Ortgies
Mit der Aktion fordern die Bäckereien, in das Energie-Kosten-Dämpfungs-Programm aufgenommen zu werden. Foto: Ortgies

Lösungsansätze und weitere Probleme

Ein weiterer Lösungsansatz sei laut der Mitteilung, dass die Bundespolitik die Energiepreise deckelt. Das hält auch Jörg Ripken für die einzige Möglichkeit: „Alle müssen das Gleiche zahlen, sonst besteht eine Wettbewerbsverzerrung und die Preise müssen auf einem bestimmten Niveau stabilisiert werden, da eine Kalkulation aktuell nicht möglich ist.“ Gemeinsam mit seiner Frau Marion, die für die Personalplanung verantwortlich ist, sitze er aktuell an der Liquiditätsplanung, „um zu sehen, an welchen Stellschrauben wir drehen können“, so der 53-Jährige. Doch das sei ohne klare Vorgaben, wie es weitergeht, kaum möglich. „Bei uns steht der Investitionsstopp an erster Stelle. Filialschließungen oder Mitarbeiterentlassungen kommen für uns zurzeit nicht infrage und wir können die Preise auch nicht komplett an die Käufer weitergeben“, sagt Ripken.

Eine Umstellung von Gas auf eine andere Heizmöglichkeit sei „so kurzfristig nicht möglich“. Außerdem würden andere Preise ebenfalls steigen, würden alle gleichzeitig zum Beispiel auf Öl umsteigen würden. Auch Bäckermeister Stefan Meyer aus Horsten denkt nicht über einen Umstieg nach: „Ich habe zum Beispiel erst vor fünf Jahren meinen Gas-Backofen gekauft und mache mir aktuell keine Gedanken um einen Umstieg, weil wir viel zu viele Probleme im Bäckerhandwerk haben. Nicht nur die Gaskrise.“ Bei ihm wären auch Fächkräftemangel ein Thema. „Hinzu kommen die aktuellen Rohstoff-Preise, die uns zurzeit auch um die Ohren fliegen. Das wird immer teurer und teurer. Ich habe zum Beispiel die Information bekommen, dass von den Produkten, die ich einkaufe, 61 Artikel zum 1. September teurer geworden sind“, so Meyer. Die gestiegenen Einkaufspreise kommen auch bei Jörg Ripken auf der Liste der Probleme hinzu, ebenso wie die Spritpreise, denn der Betrieb hat zwölf Fahrzeuge. Meyer zieht ein Fazit: „Wir drücken jeden Tag die Daumen, dass alles gut geht, die Politik das richtig einschätzen kann und uns weiterhin Gas zur Verfügung steht.“

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