Erntefest in Aurich Bauern in Sorge um Ernten und Lebensmittelversorgung
Erstmals nach zwei Jahren Pause wird in Aurich wieder das Erntefest gefeiert. Doch wie wird es künftig mit Erträgen und der Lebensmittelversorgung stehen?
Aurich - Die Umwälzungen in diesem Jahr – die vielfältigen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs, drastisch gestiegene Preise, sinkende Kaufkraft, verknapptes Warenangebot – haben auch den Blick aufs Erntefest in Aurich verändert. Das wird am kommenden Donnerstag erstmals nach zwei Jahren Corona-Pause wieder von 10 bis 17 Uhr auf dem Marktplatz gefeiert, organisiert von Landvolk und Landfrauen im Kreis Aurich.
Doch selbst wenn es auch diesmal wie üblich darum ging, wie die aktuelle Ernte denn ausgefallen ist, so drehten sich die Diskussionen beim Vorgespräch doch vor allem um Ernten, die es noch gar nicht gegeben hat: Wie massiv werden zukünftig Preise für Lebensmittel noch steigen? Kommen Landwirte überhaupt noch an Dünger – und wer kann sich noch welchen leisten? Wie deutlich könnten mögliche Dürren oder auch per Verordnung eingeschränkte Möglichkeiten zum Düngen und Pflanzenschutzmittelspritzen künftig zu Ernteverlusten führen? Wer kann sich künftig noch wie ernähren?
„Durchschnittliche bis gute Erträge“
Aktuell konnten Ostfrieslands Landwirte „durchschnittliche bis gute Erträge verbuchen“, sagte der Auricher Kreislandwirt Hartwig Frühling (Wiesmoor). „Im Jahresverlauf gab es relativ ausreichend Niederschläge und im Erntezeitfenster war es trocken.“ Das habe die Ernte entspannt. Vergleichsweise geringer Trocknungsbedarf beim Getreide habe Energie sparen geholfen, der Raps habe überdurchschnittlich hohe Ölgehalte aufgewiesen. Die Grasernte sei positiv ausgefallen. Beim Silomais habe die lange Trockenphase schon zu Schäden geführt, „wobei der Mais hier ja immer noch vergleichsweise gut steht – in Südniedersachsen, wo es knochentrocken war, hat er ja kaum Tischhöhe erreicht“, sagte Frühling. „Im bundesweiten Vergleich stehen wir in Ostfriesland diesmal, glaube ich, wirklich sehr gut da.“
Wolfgang Ehrecke, Sprecher der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, wollte sich auf Nachfrage noch nicht konkret äußern – „wir stellen die Analysen aktuell noch zusammen, wir haben noch kein Gesamtbild“, sagte er. „Aber in der Tendenz sind die Beobachtungen sicherlich zutreffend. In Ostfriesland war es zwar zuletzt auch warm und trocken, aber es gibt andere Regionen, in denen es seit März nicht richtig geregnet hat, wo viel drastischere Trockenheit herrscht und es auch entsprechende Ernte-Ausfälle gibt“, sagte er.
Erschwert die EU die Lebensmittelversorgung?
Vor allem aber bewegte die Frage, was da auf uns zukommen mag, die Gemüter, – und sie hat auch Eingang ins Motto des Erntefestes gefunden: „Wünsche säen, Träume ernten – Versorgung in der Zukunft“. „Was sonst so selbstverständlich war wie ein warmes Haus, ein gedeckter Tisch, Pflege im Alter, ist es mittlerweile nicht mehr“, heißt es vom Landvolk. Jeder Einzelne spüre die Energiekrise, soweit sie bislang überhaupt einschätzbar ist, die Preissteigerungen, den Kaufkraftverlust. „Die Pläne der EU, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln drastisch zu reduzieren oder ganz zu verbieten, lassen aber die Situation bei der Ernährungssicherung völlig außer Acht“, sagte Frühling. „Dünger ist eh knapp, kaum zu kriegen, aktuell noch weniger zu bezahlen – und weil die Herstellung sehr energieintensiv ist, bleibt fraglich, ob und wie bald die Produktion vielleicht sogar gestoppt wird. Dünger ist aber ebenso wie Pflanzenschutz notwendig, um ordentliche, qualitativ gute Erträge zu erzielen und sie überhaupt vermarkten zu können.“
Aktuell zwinge die neue Düngeverordnung, die auf EU-Anforderungen an Nitratwerte im Grundwasser fußt, Landwirte dazu, Pflanzen um 20 Prozent zu unterdüngen, ihnen also weniger Nährstoffe zur Verfügung zu stellen als sie brauchen. „Das laugt auf Dauer die Böden aus, lässt Ernten schrumpfen – und auch die Qualität sinken“, sagt Frühling. „Dabei müssen wir doch mehr denn je zusehen, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet ist und wir nicht mehr und mehr Importe aus dem Ausland benötigen, wo viel laxere Standards gelten, wo zum Teil Regenwald unwiederbringlich gerodet wird und wir uns zudem abhängig machen.“ Ähnlich sehe der die Pläne aus Berlin, landwirtschaftliche Flächen auf Moorböden – in Ostfriesland betrifft dies ein Viertel aller Weiden und Äcker – wieder zu vernässen und der bisherigen Nutzung zu entziehen, um den Ausstoß von Klimagasen zu verringern. „Das gefährdet Betriebe, gefährdet Wertschöpfung – und es ist etwa im Vergleich zum Tempolimit auf Autobahnen unverhältnismäßig teuer. Was umso fragwürdiger wird, wenn es doch aktuell auch darum geht, die Bevölkerung weiter mit Lebensmitteln zu versorgen. Da ist Augenwischerei im Spiel.“
Klimaschutz durch regionale Zutaten?
Doch beim Erntefest soll es auch darum gehen, „dass es für Klimaschutz, Wertschöpfung und so viel mehr sinnvoll ist, auch wirklich regionale Produkte zu kaufen – und davon haben wir sehr gute“, sagte Kerstin Kulke (Brockzetel), Vorsitzende des Kreislandfrauenverbands. „Das hätte schon mehr Wertschätzung verdient. Zugleich geht es darum, die Menschen und Erzeuger zusammenzubringen.“ Deswegen werden am Donnerstag wieder mehr als 40 Beschicker das Erntefest beleben: „Verschiedene Landfrauenvereine bieten Köstlichkeiten an, von Torten bis zu selbst gemachten Marmeladen, es wird umfangreiche Mittagstischangebote geben und auch zahlreiche Direktvermarkter, die Lebensmittel von ihren Höfen anbieten“, sagte Maren Ziegler, die fürs ostfriesische Landvolk die Öffentlichkeitsarbeit übernimmt.
Das Erntefest beginnt am Donnerstag mit einer halbstündigen Andacht auf Platt mit der Auricher Pastorin Angelika Scheeper. Um 10.30 Uhr wird dann die Erntekrone des Landwirtschaftlichen Zweigvereins Aurich auf den Marktplatz gefahren. Kinder des DRK-Kindergartens Mullewapp (11 Uhr) und Flohkiste Moordorf (11.30 Uhr) singen, die Bläserklasse der Realschule Aurich tritt um 12 Uhr auf die Bühne. Ab 14.30 Uhr gibt es Ansprachen von Aurichs Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) und von Kerstin Kulke. Und von 13 bis 17 Uhr gibt es immer wieder Auftritte der Sängerin Janine Meyer. „Wir sind sehr froh, dass die Stadt und der Kaufmännische Verein uns so unterstützen“, sagte Kulke. Udo Hippen, Vorsitzender des Kaufmännischen Vereins, sagte: „Veranstaltungen helfen uns, Menschen in die Stadt zu locken, die sonst vielleicht nicht kämen – und das Erntefest ist eine der liebenswertesten Veranstaltungen.“